POLITIK
24/03/2017 05:13 CET | Aktualisiert 24/03/2017 12:23 CET

AKP-Vertreter geht bei "Maybrit Illner" auf "Zeit"-Journalistin los: "Dumpfe Beleidigungen"

  • Bei "Maybrit Illner" ging es um die Integration von Türken in Deutschland

  • In der Sendung gerieten die "Zeit"-Autorin Canan Topçu und der in Köln lebende AKP-Politiker Mustafa Yeneroglu aneinander

  • Einen Ausschnitt der Sendung mit einem Schlagabtausch der beiden seht ihr oben im Video

Die türkische Gemeinschaft in Deutschland ist zerrissen. Das zeigte Maybrit Illner in ihrer Talkshow am Donnerstagabend auf fast erschreckende Weise.

"Es gibt eine Spaltung in der türkischen Community, wie wir sie noch nie hatten", sagte die Neuköllner Bürgermeisterin Franziska Giffey. Die türkischstämmig "Zeit"-Autorin Canan Topçu berichtete, dass Türken in Deutschland nicht mit ihr reden wollten: Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hätten Angst, ihren Job zu verlieren. Erdogan-Gegner fürchteten Anfeindungen.

Im Mittelpunkt der Sendung stand der in Köln lebende AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu. Illner wollte von ihm wissen, warum man in den Medien nur die Erdogan-Anhänger wahrnehme - aber kaum seine Gegner: "Organisiert die AKP ihre Anhänger besser, ist sie lauter und aggressiver - oder haben die anderen einfach Angst?"

"Sind sie lauter oder haben die anderen mehr Angst?

Yeneroglu gab unbeabsichtigt einen Einblick in den Gemütszustand vieler Erdogan-Anhänger in Deutschland. Er ignorierte die Frage schlicht und stellte die AKP-Wähler als unterdrückte Minderheit dar: Die deutschen Medien berichteten selektiv, rhetorisch müsste dringend abgerüstet werden: "Ich habe Flugblätter bekommen, wo es heißt, man möchte nicht mehr bei Türken einkaufen." Eine Anspielung auf die Ausgrenzung der Juden in der Nazi-Zeit.

Illner setzte zum zweiten Mal an: "Sind sie lauter oder haben die anderen mehr Angst?" Doch Yeneroglu antworten nicht darauf, sondern spulte sein Programm ab: "Dann sollten wir das Gefährdungspotential der PKK nicht verharmlosen ..."

Der Vertreter der Jungen Union, Paul Ziemiak, unterbrach ihn. Welche Rhetorik Yeneroglu genau meine, die entschärft oder abgerüstet werden solle? Die der Bundeskanzlerin oder die Erdogans, der Deutschland "Nazi-Methoden" unterstellt?

Erdogan hatte in den vergangenen Wochen nicht nur Niederländer und Deutsche als Nazis verunglimpft, sondern auch fabuliert, dass man in Europa über Gaskammern nachdenke.

"In diesem Land gibt es keine Gaskammern"

Offensichtlich meinte der AKP-Vertreter nicht die Äußerungen des türkischen Präsidenten. Er setzt an, um Erdogans Nazi-Vergleich zu rechtfertigen: "Das, was in Deutschland passiert, die Versammlungsverbote ..."

"In diesem Land gilt die Meinungsfreiheit und es gibt auch keine Gaskammern", sagte Illner und würgte in ab.

Doch Yeneroglu ging vollends in der Opfer-Rolle auf: "Es gibt in Deutschland mangelnde Religionsfreiheit, No-Go-Areas, Racial Profiling, institutionellen Rassismus."

"Wo sind die denn, die No-Go-Areas?“, fragte Topçu, "Sie demonstrieren Opfer-Mentalität! Armes, armes Opfer!", höhnte sie. Yeneroglu zog sich immer mehr in seine Opferrolle zurück. "Totschlagargumente" und "Halbwahrheiten" würden in dieser Sendung verbreitet.

Vielsagend ist seine Antwort auf die Frage, warum er nicht in Deutschland in die Politik gegangen sei, sondern in der Türkei. "Ich hätte nie die Möglichkeit gehabt, als frommer Muslim in Deutschland aktiv Politik zu betreiben."

Yeneroglu sagte, er möchte, dass Türken sich hier zu Hause fühlen. "Dann lassen Sie die doch in Ruhe und machen Sie nicht Ihre Wahlkämpfe!", entfährt es der "Zeit"-Autorin.

"Was, wenn es zum Bürgerkrieg in der Türkei kommt?"

Der AKP-Vertreter schien an diesem Punkt seine eigene Abrüstungs-Ermahnung vergessen zu haben: "Ihre dumpfen Beleidigungen, die weise ich aufs Schärfste zurück!"

Die von Giffey beschriebene Spaltung der türkischen Gemeinde, hier wird sie offensichtlich. "Ein bekannter Aggregatzustand ...", seufzte Illner.

"Was wird passieren, wenn Erdogan sein Referendum verliert?", fragte Illner gegen Schluss der Sendung. Am 16. April will sich Erdogan seinen autokratischen Regierungsstil per Verfassungsreferendum legitimieren lassen. Alle waren sich einig: Egal wie die Wahl ausgeht, die Eskalation wird zunehmen.

Ein besorgniserregendes Schlusswort sprach Bürgermeisterin Giffey: "Manche meinen, dass es so oder so zu einem Bürgerkrieg in der Türkei kommt. Welche Auswirkungen wird das auf unser Zusammenleben haben?"

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