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21/03/2017 17:05 CET | Aktualisiert 22/03/2017 11:49 CET

Eine Studie zeigt, wie gut junge Menschen in Deutschland heute aufwachsen - ein Problem bleibt aber: die Chancengleichheit

Getty/Reuters/HuffPost
"Kinder- und Jugend-Monitor" zeigt, wie gut junge Menschen in Deutschland heute aufwachsen

  • Junge Menschen in Deutschland sind so gut gebildet, engagiert und pro-europäisch ausgerichtet wie nie zuvor

  • Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Studie

  • Der Bericht verdeutlicht abermals, dass die Chancengleichheit das gravierendste Problem hierzulande bleibt

Deutschlands Jugend ist so dynamisch wie noch nie zuvor: Junge Menschen hierzulande sind extrem gebildet und bestens in Europa vernetzt.

Das zeigt der am Montag veröffentlichte "Kinder- und Jugend-Monitor 2017" des Deutschen Jugendinstituts und der Technischen Universität Dortmund. Die Studie beschäftigt sich mit der Situation der unter 27-Jährigen - und die machen immerhin ein Viertel der deutschen Bevölkerung aus.

Die zentrale These ist: Deutschland bietet Kindern und Jugendlichen gute Start-Chancen fürs Leben – zumindest den meisten. Der "Kinder- und Jugend-Monitor" zeichnet so auch eine weitgehend positive Entwicklung.

Denn junge Menschen in Deutschland...

...denken und handeln europäisch

"Junge Menschen sind überzeugte Europäer", schreiben die Autoren der Studie. Das zeigt auch eine am Dienstag veröffentlichte repräsentative Befragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Demnach stehen in Deutschland 87 Prozent der 15- bis 24-Jährigen der EU positiv gegenüber.

Auch die Mobilität junger Menschen innerhalb Europas zeigt seit Mitte der 2000er einen Anstieg, insbesondere bei den Aufenthalten für Zeiträume von über drei Jahren. Ebenso stieg die Anzahl der Studenten, die einen Teil ihrer Ausbildung im europäischen Ausland absolvierten: von etwa 66.400 im Jahr 2004 auf über 137.300 Studenten im Jahr 2014.

…sind gut gebildet

Laut des "Kinder- und Jugend-Monitors" steigt das Bildungsniveau in Deutschland. Immer weniger Jugendliche besuchen eine Hauptschule, nur noch 21 Prozent machen einen Hauptschulabschluss. 41 Prozent der Schüler hingegen machen ihr Abitur. Zugleich ist die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss gesunken, auf nunmehr 5,7 Prozent.

Außerdem entscheiden sich immer mehr Schulabsolventen für ein Studium. Insgesamt 2,81 Millionen Studenten zählten die deutschen Universitäten im Wintersemester 2016/17. Das sind 27 Prozent mehr als noch 2010, so das Statistische Bundesamt.

Allerdings ging im gleichen Zeitraum die Zahl der Auszubildenden zurück: 1,34 Millionen Azubis wurden 2016 registriert, ein Minus von 11 Prozent gegenüber 2010.

…engagieren sich politisch und gesellschaftlich

"Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren sind im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang die am stärksten ehrenamtlich engagierte Gruppe, jeder Zweite von ihnen ist aktiv", schreiben die Autoren der Studie.

Sehr viele junge Menschen sind zudem an Politik interessiert, wobei sie zu kurzfristigem Engagement für konkrete, lebensweltbezogene Themen tendieren. Speziell zeigt sich ein Zuwachs der unter 29-Jährigen in zivilgesellschaftlichen Gruppen: Dort waren 2002 noch etwa 17 Prozent, im Jahr 2010 hingegen schon fast 25 Prozent aktiv.

Allerdings: Das Vertrauen in Parlamente und Parteien ist bei vielen jungen Leuten eher gering. 85 Prozent der 15- bis 25-Jährigen wünschen sich "mehr junge Leute in der Politik".

…wachsen vielfältig auf

Unter den jungen Menschen unter 27 Jahren sind 11 Millionen Kinder. Jedes Dritte davon hat heute einen Migrationshintergrund.

Das klassische Familienbild - verheiratetes Ehepaar mit Kindern - erodiert: Heute werden bereits 35 Prozent aller Kinder in Familien geboren, in denen die Eltern nicht verheiratet sind, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben oder in denen ein Elternteil sie allein großzieht.

Gleich 2,3 Millionen der unter 18-Jährigen leben bei einem alleinerziehenden Elternteil, überwiegend bei der Mutter.

…werden zunehmend vom Staat betreut

Die staatlichen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe haben sich seit der Jahrtausendwende verdoppelt. Nunmehr werden knapp 41 Milliarden Euro pro Jahr ausgegeben. Das sind pro Kopf und Tag etwa 5 Euro. "Das ist gut investiertes Geld – und zwar in die Chancen der nachwachsenden Generation", so die Forscher.

Ein Großteil davon (24,6 Milliarden) fließt in die Betreuung der Kleinsten in Kindertagesstätten (Kita). Denn ohne sie geht es nicht mehr: 95 Prozent der Kinder über drei Jahre gehen heute in die Kita.

Um allerdings die OECD-Vorgaben zu erfüllen, sollte Deutschland rund 13 Milliarden Euro mehr für die frühkindliche Bildung ausgeben, fordert die Studie.

Auch weil immer mehr Kinder immer früher in die Kitas kommen: Mittlerweile wird jedes dritte Kind unter drei Jahren dort betreut. In den letzten zehn Jahren hat sich dieser Anteil mehr als verdoppelt.

Gestiegen sind auch die Ausgaben für Erziehungshilfen. 1,1 Millionen junge Menschen profitieren von Beratung und Betreuung in familiären Notlagen.

Doch ein wichtiges Problem bleibt: Die Chancengleichheit

Noch immer gehören rund 3,7 Millionen der Unter-18-Jährigen zu den Verlierern der jungen Generation. "Sie sind sozial abgehängt – durch Eltern ohne Berufsausbildung, ohne Job. Oder durch Elternhäuser, die von Armut bedroht sind", sagt Karin Böllert, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ).

Und nach wie vor werden die Start-Chancen ins Leben vererbt – positive wie negative: "So hängt der Bildungserfolg immer noch maßgeblich vom Elternhaus ab", heißt es im "Kinder- und Jugend-Monitor 2017". Zudem würden soziale Ungleichheiten durch regionale Schieflagen noch einmal verschärft.

Nicht nur die Familie, auch der Wohnort kann so über die Chancen von Kindern und Jugendlichen entscheiden. Denn die Pro-Kopf-Ausgaben der Kommunen für die Kinder- und Jugendhilfe klaffen weit auseinander: Sie liegen je nach Region zwischen 1105 und 3280 Euro pro Jahr.

Außerdem haben insbesondere junge Menschen mit Migrationshintergrund und Ausländer nur eine etwa halb so hohe Chance auf eine voll qualifizierende Ausbildung, wie ihre deutschen Altersgenossen.

Aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe gehört deshalb zu einer gerechteren Gesellschaft eine Neujustierung des Kindergeldes: "Eltern mit geringem oder keinem Einkommen müssen künftig besser gefördert werden. Armut darf nicht länger vererbt werden", fordert Karin Böllert. Zugleich sollten mehr Flüchtlingskinder in Kitas geschickt werden.

"Mit jedem Kind, das seine Kita-Chance verpasst, ist auch eine wertvolle Integrations-Chance vertan. Das Lernen der Sprache – und damit ein wichtiger Schritt in unsere Gesellschaft – fängt nicht erst mit der Schulpflicht in der Schule an", so die AGJ-Vorsitzende.

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(jg)

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