Die Ägäisküste ist die Hochburg des Widerstands gegen Erdogan - ein Besuch bei den mutigsten Demokraten der Türkei

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CESME
Die Ägäistküste ist die Hochburg des Widerstands gegen Erdogan - ein Besuch bei den mutigsten Demokraten der Türkei | Senada Sokollu
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  • In der Türkei herrscht ein Klima der Angst
  • Wer sich gegen Erdogan stellt, wird von diesem schnell als Terrorist gebrandmarkt
  • Doch an der Ägäisküste leisten engagierte Türken ihrem Präsidenten Widerstand

Wer am 16. April im Referendum nicht für Erdogan stimmen will, gilt in der Türkei als Terrorist. Der türkische Präsident und sein Premierminister Yildirim haben das mehr als deutlich gemacht. "Nein"-Kampagnen sind auf türkischen Straßen daher eher selten zu sehen. Die Menschen haben Angst.

An der türkischen Ägäisküste sieht das jedoch anders aus. Die Region gilt als Hochburg der größten Oppositionspartei, der Republikanischen Volkspartei (CHP).

Und so schritten etwa am 18. März die Einwohner der Region Cesme selbstbewusst und lautstark mit Getrommel, Postern und mit "Nein"-Flyern durch die Straßen. Am Abend versammelten sich über 300 Bürger zu einer "Nein"-Kampagne in einer Kirche aus dem 19. Jahrhundert im Zentrum der Stadt. Wir waren dort und haben uns umgehört.

"Wir sind stolz auf unsere Demokratie"

"Wir sagen ´Nein´ für unsere Zukunft und für unsere Kinder. Wir sagen 'Nein' zu einer Ein-Mann-Regierung. Wir möchten nicht, dass eine einzige Partei das Land regiert. Wir wollen eine Staatsführung, die sich rechtfertigen muss und eine unabhängige Justiz", sagt Ekrem Oran, CHP-Vorsitzender der Region Cesme.

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Ekrem Oran, CHP-Vorsitzender der Region Cesme

Oran betont, dass die Türkei ein Land sei, dass noch vor den EU-Staaten im Jahr 1923 zur Demokratie übergegangen sei. "Damals wurde das Wahlrecht für die Frauen eingeführt. Noch vor vielen EU-Ländern. Wir sind stolz auf unsere Demokratie und wir wollen keinen Rückschritt", sagt der CHP-Politiker.

Umfragen zufolge seien rund 59 Prozent der Türken gegen das Referendum, sagt er. "In Cesme sind es sogar bis zu 80 Prozent. Das reicht uns aber nicht. Wir wollen 90 Prozent erreichen. Wir machen abends sogar Hausbesuche und informieren das Volk", erzählt Oran.

Auch die 30-Jährige Betül Aras will beim Referendum mit einem "Nein" stimmen. "Ich habe eine 9-jährige Tochter. Wenn ich keinen politischen Widerstand zeige, dann muss mein Kind später den Preis dafür zahlen. Ich denke, dass niemals ein einziger Politiker ein Land regieren sollte. Da bin ich einfach absolut dagegen", so Aras.

Sie habe keine Angst vor der aktuellen Regierung, betont die 30-Jährige. "Ich werde bis zum Schluss für die Demokratie kämpfen", sagt sie.

"Alle 18 Artikel sind problematisch"

Erdogans neu vorgeschlagene Verfassung sei eine Distanzierung von der Demokratie und der Freiheit, sagt Sabih Kanadoglu, Ehrenpräsident des Kassationshofes, des obersten Gerichtes der Türkei.

"Es gibt tatsächlich keinen bestimmten Artikel, den ich für problematisch halte. Alle 18 Artikel sind besorgniserregend. Wenn wir am 16. April mit einem 'Nein' stimmen, dann können wir wieder mit Würde und wie echte Bürger in diesem Land leben. Dann werden wir uns nicht einem Ein-Mann-Regime unterwerfen", sagt Kanadoglu.

Der Präsident müsse eigentlich neutral und unparteiisch sein, fügt er hinzu. "Stattdessen leben wir in einem Imperium der Angst. Daher werden wir für ein 'Nein' stimmen - für die Demokratie, für die Freiheit, für eine laizistische und rechtsstaatliche Republik", sagt der Rechtsexperte.

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Die Schauspielerin Yaprak Özdemiroglu

Auch Yaprak Özdemiroglu ist unglücklich mit der aktuellen politischen Situation. "Ich bin absolut gegen eine Ein-Mann-Regierung. Ein Staatsführer sollte niemals die ganze Macht inne haben", sagt die bekannte Schauspielerin.

Sie sei ebenso mit allen 18 Artikeln nicht einverstanden. "Auch die Justiz würde sich an den Präsidenten binden. Alles wäre von ihm abhängig. Auch wenn es der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk wäre, wäre ich gegen eine Ein-Mann-Politik", so die 53-Jährige.

"Die parlamentarische Demokratie muss gestärkt werden"

Eigentlich müsse in der Türkei nicht viel verändert werden, findet Muhittin Dalgic, Bürgermeister der Region Cesme. "In der türkischen Republik herrscht eine parlamentarische Demokratie. Diese müssen wir mit expliziten Gesetzen stärken, damit die Demokratie und die Menschenrechte besser geschützt werden."

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Der Bürgermeister der Region Cesme, Muhittin Dalgic

Das Präsidialsystem würde das türkische Staatssystem in ein Ein-Mann-Regime verwandeln. "Daher bin ich als Bürgermeister, als CHP-Mitglied und als türkischer Staatsbürger dagegen. Aber auch wenn die Mehrheit der Türken mit einem 'Ja' stimmt, ist es nicht das Ende der Welt", sagt Dalgic.

Es müsse ohnehin an der Demokratie, an den Menschenrechten und an der Freiheit gearbeitet werden, so der Bürgermeister.

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(jg)