POLITIK
19/03/2017 20:49 CET | Aktualisiert 20/03/2017 08:13 CET

CDU-Vize Klöckner: "Ist Herr Erdogan noch bei Sinnen?"

Ralph Orlowski / Reuters
CDU-Vize Klöckner: "Ist Herr Erdogan noch bei Sinnen?"

  • Deutsche Politiker reagieren entsetzt auf die jüngsten Nazi-Vergleiche des türkischen Präsidenten

  • CDU-Vize Klöckner fragt, ob Erdogan bei Sinnen sei

  • SPD-Chef Schulz spricht von einer "Frechheit"

Tayyip Erdogan hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Nazi-Methoden beschuldigt und in etwas wirrer Formulierung gewarnt, Europa denke über "Gaskammern und Sammellager" nach, traue sich aber nicht.

Die im TV übertragene Rede ist ein bislang beispielloser Affront. Erdogan hatte zwar immer wieder Nazi-Vergleiche im Zusammenhang mit Deutschland und den Niederlanden bemüht, aber jetzt zum ersten Mal Merkel persönlich angegriffen.

Klöckner: "Ist Herr Erdogan noch bei Sinnen?"

Die CDU-Vizevorsitzende Julia Klöckner reagierte entsetzt auf die neuen Ausfälle: "Ist Herr Erdogan überhaupt noch ganz bei Sinnen?", fragte sie. Klöckner sprach sich dafür aus, Erdogan politischen Wahlkampf in Deutschland zu verbieten und die EU-Heranführungshilfen in Milliardenhöhe zu streichen.

Vielleicht brauche "Herr Erdogan einfach mal ein Blockseminar in Geschichte, Anstand und Völkerverständigung", twitterte sie.

Schulz: "Das ist eine Frechheit"

Der neue SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz hat den Nazi-Vorwurf ebenfalls heftig kritisiert. "Das ist eine Unverfrorenheit. Dass das Staatsoberhaupt eines befreundeten Landes die Regierungschefin dieses Landes in dieser Form beleidigt, ist eine Frechheit", sagte er am Sonntag in der ARD-Sendung "Farbe bekennen".

Man müsse Erdogan jetzt irgendwann mal sagen, dass ein Staatsoberhaupt eines Nato-Mitglieds und eines EU-Beitrittskandidaten "nicht alle Gepflogenheiten der internationalen Diplomatie mit Füßen treten" dürfe. "Das tut er aber. Das ist eines Staatsoberhauptes unwürdig", sagte Schulz.

In der ZDF-Sendung "Berlin direkt" fügte er hinzu: "Herr Erdogan ist auf dem Weg, jede Art der Kontrolle über seine Rhetorik zu verlieren."

Druck auf Merkel wächst

Bislang hat Merkel nicht auf den Vorfall reagiert. Frühere allgemeine Nazi-Vergleiche hatte sie als deprimierend und deplatziert verurteilt, aber betont, dass sie sich nicht auf einen Wettlauf der Provokationen einlassen wolle. Bislang hat die Regierung keine Einreiseverbote für türkische Politiker im Wahlkampf verhängt oder Wahlkampfveranstaltungen untersagt.

Das zeugt von Stil - und von der Sorge, dass jede harte Reaktion Erdogan nützen könnte. Er versucht, mit einem Verfassungsreferendum Mitte April seine Macht weiter zu zementieren. Kritiker werfen Merkel vor, sie reagiere auch wegen des Flüchtlingsdeals der Türkei mit der EU so zaghaft.

Die Beleidigung vom Sonntag aber wird Merkel in irgend einer Weise kommentieren müssen. Medien weltweit berichten über den Vorfall.

Die Linke-Politikerin Selim Dagdelen twitterte provozierend: "Wird der türkische Botschafter einbestellt? Oder duckt man sich wieder weg?"

(poc)

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