Presse-Reaktionen auf den SPD-Parteitag: "Schulz hätte auch das Telefonbuch vorlesen können"

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SCHULZ
Martin Schulz | Axel Schmidt / Reuters
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  • Die SPD feiert ihren neuen Chef Martin Schulz wie einen Heiland, finden Kommentatoren
  • Nur zweifeln sie daran, dass die Euphorie noch lange hält

Auf Twitter hat sich am Sonntagabend ein Satz verbreitet, der viel sagt über diesen Tag, an dem Martin Schulz mit 100 Prozent der Stimmen zum neuen SPD-Chef gewählt wurde. Er lautet:

"Es fehlte nicht viel, und ein AWO-Funktionär hätte die Krücken von sich geworfen und gerufen: Ich kann wieder gehen."

Viele Reporter haben die Stimmung auf dem Parteitag ganz ähnlich empfunden an diesem Tag - auch wenn sie das weniger hämisch formulieren als die CDU-Politiker, die den Tweet über die Beinahe-Wunderheilung des Arbeiter-Wohlfahrt-Funktionärs geteilt haben. Schulz hat offenbar auf die SPD-Mitglieder gewirkt wie ein Gott, mindestens aber ein Prophet, der sie aus einem verdammt düsteren Tal geholt hat.

"ER", der Heiland Martin Schulz

Und so schreiben gleich mehrere Kommentatoren das Wort "ER" groß, wenn sie Schulz meinen, so, wie es gute Katholiken früher taten, wenn sie Gott meinten. "ER ist ein Phänomen", heißt es bei "Bild.de". Keiner der 600 Genossen auf dem Sonderparteitag habe sich erinnern können, jemals an so einer "Erweckungsveranstaltung" teilgenommen zu haben. Auch auf "Stern.de" wird Schulz mit Großbuchstaben geadelt.

Die "Süddeutsche Zeitung" konstatiert, "noch nie seit den Zeiten von Willy Brandt hat die sozialdemokratische Partei einem Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten so dankbar gehuldigt."

"Spiegel Online" findet, für die SPD sei Schulz "so eine Art Obama aus Würselen, ein Messias, der auch über Wasser gehen kann. Zumindest scheinen sie das von ihm zu erwarten."

Kann Schulz wirklich über Wasser laufen?

Und da sind wir schon bei der Skepsis, die alle Kommentatoren hegen. Denn derzeit hält sich Schulz vor allem mit viel heißer Luft über Wasser.

In seiner Rede, heißt es auf "Stern.de", habe ER sich alles offengelassen. "Schon gar nicht hat ER zu erkennen gegeben, wie eine von ihm geführte Regierung mehr Gerechtigkeit finanzieren will. Aber das Programm kommt ja noch. Bis dahin, und hoffentlich nur bis dahin, gilt: Konkretion ist was für Detailhuber. Und eins muss man Schulz lassen: Er ist ein begnadeter rhetorischer Feuerwerker des Allgemeinen."

"Manche haben damit gerechnet, dass der neue Vorsitzende der SPD eine Grundsatzrede hält", notiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Er spricht auch über seine Grundsätze, aber er bleibt an vielen Stellen sehr wolkig."

Die SPD-Mitglieder hat das nicht gestört. "Schulz hätte wohl auch aus dem Telefonbuch vorlesen können - die Genossen hätten ihm zugejubelt", notiert "Spiegel Online".

Kluge Zurückhaltung

Allerdings könnte es auch ein kluger Schachzug des Kanzlerkandidaten sein, sich noch bedeckt zu halten. Die Union tut es schließlich auch.

"Vielleicht bleibt dem neuen Vorsitzenden und Möchtegernkanzler vorerst auch gar nichts anderes übrig, als zunächst ein wenig nebulös zu bleiben, um die anfängliche Euphoriewelle nicht zu brechen", notiert "Stern.de". "Die SPD ist schließlich immer noch dieselbe Partei wie vor 53 Tagen, sie ist nur besser gelaunt und demoskopisch einigermaßen fair bewertet. Ihre inneren Widersprüche aber haben die Genossen nicht so einfach wegschulzen können wie ihre Depression."

Der Kommentator der "Fuldaer Zeitung" ist sich nicht sicher, ob Schulz wird liefern können, was ihm jetzt alle zutrauen. "Höhepunkte haben die Eigenschaft eines Gipfels: Vorher geht es hoch, nachher runter. Warten wir also ab, wie es mit dem Schulz-Hype weitergeht. "

Sieg der Coolness?

Die "SZ" jedenfalls will nicht ausschließen, dass die Emotionalität, die Schulz jetzt noch nützt und wohltuend von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterscheidet, nicht noch zum Problem wird. "In einer heiklen weltpolitischen Lage, geprägt von autoritärem Gehabe, wird Merkels emotionale Sparsamkeit zur überlegenen Souveränität. Die Langeweile, die man ihr lange attestiert hat, avanciert womöglich zur Coolness."

(poc)

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