Sozialwissenschaftler erklärt: Darum ist das Wegsperren von Verbrechern sinnlos

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Sozialwissenschaftler erklärt: Darum ist das Wegsperren von Verbrechern sinnlos (Symbolbild) | melnichuk_ira via Getty Images
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  • Der Jurist und Sozialwissenschaftler Bernd Maelicke kritisiert den Umgang mit Straftätern in Deutschland
  • Gefängnisstrafen würden nicht zur Resozialisierung von Häftlingen beitragen - im Gegenteil
  • Maelicke fordert eine individuelle Betreuung insbesondere für jugendliche Straftäter

Sind Gefängnisstrafen in jedem Fall sinnvoll? Nein, sagt der Jurist und Sozialwissenschaftler Bernd Maelicke. Kriminelle pauschal wegzusperren, sei nicht das richtige Mittel.

In einem Interview mit der Zeitung "Welt am Sonntag" (WamS) fordert er einen Wandel im Umgang mit Straftätern und eine andere Resozialisierungspolitik.

In seiner Jugend war Maelicke Mitglied in einer Jugendgang und beging Überfälle. Er sollte in ein Jugendheim - doch dann kam seine Mutter nach sechs Jahren Trennung zurück in sein Leben. "In der Folge war ich ein ganz normaler Jugendlicher", sagt er.

Straftätern fehle es an vertrauensvollen Beziehungen

Die emotionale Bindung zu seiner Mutter habe ihn davor bewahrt, ein Krimineller zu werden. Jugendlichen Straftätern fehle es aber in Anstalten an solche vertrauensvollen Beziehungen. Die Jugendlichen seien "zu Einzelkämpfern geworden, ihnen fehlen Empathie und Selbstbewusstsein. Das ist die offene Wunde, das bleibende Handicap, das zur Kriminalität führt", sagt Maelicke.

Auch der Sozialunternehmer Volker Ruhe kritisierte in der Huffington Post, dass der Strafvollzug vielen Jugendlichen nicht dabei helfe, wieder ein normales Leben führen zu können. Im Gegenteil: "Die Jugendlichen sitzen in ihrer Zelle und entwickeln einen richtigen Hass. Auf das ganze System. Sie denken sich 'wenn ich rauskomme, lege ich richtig los'."

Aber auch den Erwachsenen ergehe es in den Gefängnissen nicht besser, sagt Maelicke der "Welt": "In diesem Massenbetrieb bilden sich Subkulturen, in denen über zwei Drittel drogenabhängig sind. Drogenhandel, Erpressung und Gewalt bestimmen den Alltag. Die Männer verrohen."

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So klappt Resozialisierung laut Maelicke

Maelicke fordert eine individuelle Betreuung: "Wir brauchen individuelle, auf Personen und ihre Lebenslagen bezogene Konzepte und Strategien. Dies alles ist in der jetzigen Systematik bestenfalls in Bruchstücken erkennbar."

Das hätte laut Maelicke auch finanzielle Vorteile. Wenn die Resozialisierung funktioniere, könnte das die Gefängnisse entlasten. "Und der Strafvollzug ist bis zu 20 Mal teurer als ambulante Projekte", sagt Maelicke.

Er nennt als Beispiel das Kölner Projekt "Resozialisierung und Soziale Integration". Die Betreuung eines Jugendlichen koste dort 4000 Euro im Jahr, ein Haftplatz im Jugendvollzug komme auf 40.000 Euro. Sozialarbeiter des Kölner Projekts würden die Jugendlichen bereits während der Haft und vor allem in der Zeit danach betreuen. Die Rückfallquote sei so von 50 auf 15 Prozent gefallen.

Maelicke nimmt im Interview die Politik in die Pflicht. "Wir sind auf das Gefängnis fixiert. Es fehlt uns an politischer Weitsicht und an Mut zur Veränderung. Wir müssen akzeptieren, dass es um langfristige Prozesse geht", sagt er.

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(sk)

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