Psychoterror, Medienattacken und Morddrohungen: Das gefährliche Leben der Putin-Kritiker

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REITSCHUSTER
Psychoterror, Medienattacken und Morddrohungen: Das gefährliche Leben der Putin-Kritiker | Getty/Twitter
Drucken

HuffPost-Autor Boris Reitschuster berichtet seit Jahren kritisch über Russland. Die Folge: Psychoterror, Medienattacken – und Drohungen, die auch der Familie zu schaffen machen. Auch andere Kreml-Kritiker erleben das. Die Geschichten zeigen, wie weit Putins Einfluss reicht. Die deutschen Behörden interessiert all das wenig.

Der Hass macht nicht einmal vor meiner Familie halt. "Es tut richtig weh, wenn man unseren Namen im Internet googelt“, hat kürzlich einer meiner Brüder gesagt: "Unfassbar, was da alles an Dreck über dich zu lesen ist.“

Im Gegensatz zu mir sind meine Verwandten all den Schmutz nicht gewohnt, mit dem Journalisten in Deutschland leben müssen, wenn sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin oder andere Autokraten kritisieren.

Für viele ist es unglaublich, dass dafür Journalisten selbst in Berlin oder München bedroht werden. Für mich und einige Kollegen ist es trauriger Alltag. Einige Journalisten haben sich wegen des Drucks bereits andere Themenfelder gesucht.

"Du Stück Scheiße“ ist noch eine der harmloseren Beschimpfungen. Die nach oben offene Hass-Skala reicht bis hin zu Morddrohungen und Berichten in staatlichen russischen Fernsehsendern: Ein Moskauer Sender stellte meine Arbeit kürzlich in die Tradition von Hitlers Propagandaminister Goebbels.

"Hoffentlich wirst du von Asylanten kaputtgeschlagen"

Jedes Mal, wenn man als deutscher Putin-Kritiker seine Postfächer öffnet und Kommentare durchsieht, muss man tief durchatmen. Denn man stößt ständig auf Aussagen wie diese (Rechtschreibung wie in den Originalen):

- "wenn ich dich begegnen würd ich dich abstechen !Du snitch“
- "du bist ein ekeliger Drecksschmierer, der die Presselandschaft mit Lügen und verlogener Propaganda überzieht. In einer gerechten Welt würdest du schon längst hängen und falls diese Welt noch gerecht wird und die Menschen sich von den angloamerikanischen klauen erheben, wirst DU als allererster hängen. Dein Strick wird mit Juckpulver und Chili überzogen“
- "DU HAST BLUT AN DEN HÄNDEN!!!“
- "Du dreckiger Pädoschwein: Wieviele kleine Kinder hast du in Thailand schon gefickt?“
- "Hoffentlich wirst du von Asylanten kaputtgesxhlagen"
- "Du bist Stückscheisse und nichts mehr. Punkt. Du bist kein Russlandexperte du bist Müll!!!!!“

Facebook zeigt für solche Hassbotschaften Verständnis. Auf die Beschwerde über eine der obigen Bemerkungen kam die Nachricht: "Wir haben den von dir wegen glaubhafter Gewaltandrohung gemeldeten Kommentar geprüft und festgestellt, dass er nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt."

Die Staatsanwaltschaften ermitteln nicht, weil sie die Absender der Hassbotschaften nicht ermitteln können oder wollen – dazu müsste Facebook deren Daten herausrücken.

Der Rechtsstaat versagt im Umgang mit Putins gefährlichen Trollen

In dem bisher einzigen Fall, in dem eine Morddrohung gegen mich vor Gericht ging, wurde der Angeklagte freigesprochen und machte sich im Prozess auch noch lustig über mich: Die Botschaft kam zwar eindeutig von seinem Computer, aber dass auch er selbst davorgesessen habe, sei nicht nachweisbar, entschied das Gericht.

Der Rechtsstaat versagt im Umgang mit Putins gefährlichen Trollen, damit werden Teile des Internets zu einem rechtsfreier Raum. Das macht mir Angst. Denn den Worten können irgendwann Taten folgen.

Mehr zum Thema: Ein geheimes Dokument der russischen Armee zeigt Russlands perfiden Plan, westliche Demokratien zu unterwandern

Nicht nur Hass-Trolle attackieren Putin-Kritiker in Deutschland – auch kremlnahe deutschsprachige Medien schießen sich auf Putin-Kritiker im Ausland ein.

Hass-Seiten wie die "Propagandaschau“ verstecken sich in den Schlupflöchern des Rechtsstaates. Etwa anonym auf US-Servern, von denen sie ihre Schmutzattacken risikolos verbreiten können.

Was uns Sorgen machen sollte: Diese Seiten sind offenbar gut finanziert. Professionell gemacht und derart suchmaschinenoptimiert, dass sie bei Google regelmäßig weit oben erscheinen.

So können die Hetzer ihre absurden Verleumdungen unter der Gürtellinie weit verbreiten und Angst streuen. Ihre Methoden sind die der Sowjet-Propaganda: Kritiker werden als "Verrückte“ dargestellt, von "Wahnvorstellungen“ ist die Rede, oder von einer "irren Welt des Boris Reitschuster.“

Regimekritiker sehen Kritik aus dem Staatsfernsehen als Ritterschlag

Gehetzt wird auch im russischen Staatsfernsehen. Kürzlich schrieb mir ein guter Freund, der berühmte Schriftsteller Wladimir Woinowitsch:

"Lieber Boris, dieser Tage hat das russische Fernsehen Ihnen eine lange Sendung gewidmet. Ich habe dort erfahren, dass Sie ein schrecklicher Russlandhasser ("Russophob“) sind, überall die Hand Moskaus sehen, die angeblich versucht, die Einheit Europas zu zerstören, und dass Sie einen schlechten Einfluss ausüben auf die öffentliche Meinung in Deutschland, indem Sie ihr eine verlogene Vorstellung von Russland einflößen.“

Regimekritiker wie Wojnowitsch sehen solche Kritik aus dem Staatsfernsehen als Ritterschlag – Millionen gewöhnlicher Zuschauer dagegen nicht. Viele Leser nehmen es deshalb vielleicht auch Ernst, wenn das russische Nachrichtenmagazin "Profil“ schreibt, es sei wohl mein Großvater gewesen, der Hitler zum Angriff auf die Sowjetunion bewegt hatte.

Die Gefahr dabei: Wer Erfahrung hat im Umgang mit den Hass-Attacken, erwischt sich unweigerlich dabei, bestimmte Sätze abzuschwächen – schon, weil man beim Schreiben ahnt, wie hart die Attacken sein werden.

Kürzlich löste einer meiner HuffPost-Texte wieder eine Schmutz-Welle aus: "Der deutsche Journalist Boris Reitschuster versucht, in Deutschland einen Maidan anzuzetteln“, also eine Revolution, titelte etwa die Internetseite "Politrossija“.

Das geht zu weit.

Schmutziger Propaganda-Krieg gegen die freien Medien des Westens

Trotzdem werden die Attacken in den nächsten Jahren wohl noch härter und systematischer. Denn die Propaganda-Abteilung des Kreml beobachtet westliche Medien systematisch.

Hier tobt längst ein schmutziger Propaganda-Krieg gegen die freien Medien des Westens. Leider interessiert sich in Deutschland kaum jemand dafür.

"Politrossija" bezeichnet mich darüber hinaus als "größten Russophoben“, also Russland-Hasser. Als sei Kritik an einem Staatsmann Kritik an seinem Land: "Reitschuster fiel in einen seiner regelmäßigen antirussischen Anfälle“ – so schrieb das Blatt über einen meiner HuffPost -Artikel.

In bester Sowjet-Tradition: Kritik als Ausdruck psychischer Krankheit hinzustellen. Wenigstens muss man als Putin-Kritiker nicht mehr wie einst Sowjet-Dissidenten mit Einweisungen in Irrenhäuser rechnen – zumindest nicht, solange man in Deutschland wohnt.

Schweren Tobak bietet auch die Internet-Seite "Russkoe pole“, die einige Experten zu "Russki mir“ zählen, dem Auslands-Netzwerk des Kreml.

Das Internetportal verbreitet eine besonders absurde Geschichte: Gemeinsam mit Igor Eidman, einem kremlkritischen russischen Soziologen und Cousin des ermordeten Oppositionsführers Boris Nemzow , würde ich "für russischsprachige Zuhörer – in Russland und anderen Ländern – methodisch und zielgerichtet ein erniedrigendes Bild der russischen Gemeinde in Deutschland“ schaffen.

"Deren Mitglieder seien aus Russland ausgereist der Wurst wegen“ – gemeint ist damit: aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie nichts zu essen hatten - und würden jetzt "von der deutschen Gesellschaft parasitieren“.

Absurde, wirre Unterstellungen. Ganz offensichtlich haben solche Artikel das Ziel, Russischsprachige in Deutschland gegen das eigene Land aufzuhetzen.

Mehr zum Thema: Eine neue Umfrage gibt Einblicke in die Seele der Russen - sie zeigt den erschreckenden Erfolg von Putins Politik

Fast noch schlimmer als der Hass ist die Untätigkeit der deutschen Behörden

Methoden, die an finstere Zeiten erinnern. Kein Wunder, dass es sich mancher Journalisten-Kollege inzwischen dreimal überlegt, wie hart und häufig er Putin und Co. kritisieren will – die potentiellen Hetzattacken und ihre Folgen muss jeder einkalkulieren.

Eine Kollegin erzählte vor einiger Zeit, ihr sei inzwischen etwas mulmig zumute, wenn sie große Geschichten zu Russland schreiben solle, die weit vorne im Blatt abgedruckt werden – wegen der Shitstorms, die dann regelmäßig folgen. Ein anderer verriet unter vier Augen, dass er gerne das Themengebiet wechseln würde.

Man muss für jeden Verständnis haben, der sich und seinen Familienmitgliedern den Schmutz nicht oder nicht mehr zumuten will. Denn fast noch schlimmer als der Hass und die Verleumdung ist die Untätigkeit der deutschen Behörden.

Und die Gleichgültigkeit, bis hin zu Häme und Spott, die einem in Deutschland manchmal entgegenschlägt.

Für viele liegen die Methoden dieses Psychoterrors offenbar außerhalb ihrer Vorstellungskraft – und sie schießen sich mehr auf die Opfer ein, als auf die Täter, verharmlosen, relativieren. Motto: "Selber schuld!“

Und ignorieren damit Fakten.

Kaum verklausulierte Morddrohungen

Denn prominente russische Politiker wie der Duma-Abgeordnete Adam Delimchanow, ein Vertrauter des berüchtigten Tschetschenen-Präsidenten Ramsan Kadyrow, drohen Putin-Kritikern im Ausland sogar ganz offen:

"Egal, wer einer ist, und wo sich jemand befindet, jedes Wort, dass sich gegen das Oberhaupt von Tschetschenien oder den Präsidenten Russlands Wladimir Putin richtet – wir kennen diese Leute, wir haben die Liste mit ihren Namen in unseren Taschen! Sie werden für diese Worte zur Verantwortung gezogen. Nach dem Gesetz. Und außerhalb des Gesetzes. Sie können sich auf dem Territorium Russlands aufhalten, oder in anderen Ländern – wir akzeptieren deren Gesetze nicht! Weil es nur eine richtige Einstellung gibt, mit Verrätern umzugehen – wie mit Verrätern! Allah akbar!“

Wsewolod Tschaplin, populärer Geistlicher und als langjähriger Sprecher der orthodoxen Kirche für viele bis heute deren Stimme, erklärte gar, Volksfeinde zu töten sei der Wille Gottes. Für Verräter im Ausland empfahl er kürzlich in den russischen Medien "zielgerichtete Raketenschläge.“

Kaum weniger verklausulierte Morddrohungen stieß auch ein ehemaliger russischer Botschafter in Berlin mehrfach aus: Was ich schreibe, sei gefährlich für meine Gesundheit, und man solle sich doch Gedanken um meine Sicherheit machen – das waren noch die höflicheren Formulierungen.

In Deutschland ist Wegducken und Wegsehen die Devise

Und die Reaktion aus Deutschland? Praktisch keine.

Die Drohungen des Botschafters waren bekannt - aber Wegducken und Wegsehen ist die Devise bei Kollegen und Politikern.

Es müsse zwar "einkalkuliert“ werden, dass von "tschetschenischer Seite zumindest Einschüchterungsversuche“ unternommen werden, hieß es in einem Schreiben des Bundesinnenministeriums zu den Delimchanow-Drohungen, das der Huffington Post vorliegt. Eine Sensibilisierung der Landeskriminalämter und Landesbehörden sei deshalb geplant.

Konkrete Konsequenzen? Unbekannt. Eine breite öffentliche Debatte über solche Drohungen? Fehlanzeige. Im Gegenteil: Die zuständigen Behörden ducken sich zum Teil weg, Anfragen in Sachen Sicherheit und Schutz bleiben einfach unbeantwortet liegen.

Dass Menschen um ihre Sicherheit und ihren guten Ruf fürchten müssen, wenn sie in Deutschland Autokraten kritisieren, darf nicht als Normalzustand abgetan werden.

Und es darf auch nicht damit relativiert werden, dass Journalisten und Regime-Kritiker in anderen Ländern noch viel mehr zu fürchten haben.

Politik und Sicherheitsbehörden sind hier ebenso gefordert wie die Journalisten selbst und ihre Verbände. Sie müssen das Problem endlich ernst nehmen.

Hinsehen statt verdrängen. Hundertprozentige Sicherheit kann niemand garantieren, und gegen jede Hassbotschaft vorzugehen, ist unrealistisch. Aber es müssen Zeichen gesetzt werden: Der Solidarität und der Entschlossenheit. Zeichen, dass Putin-Kritiker kein Freiwild sind und der Rechtsstaat auch für sie gilt.

Mehr zum Thema: Machtzentrum Moskau: Putin zieht auf der Weltbühne meisterhaft die Fäden - und führt den Westen vor

Attackierte Journalisten brauchen Rechtsschutz und Unterstützung

Konkret müsste folgendes geschehen:

Die Medien müssen breit über die Attacken berichten und eine öffentliche Debatte anstoßen, wie wir die Meinungsfreiheit gegen sie schützen können.

Die Politik muss sie zum Thema machen. Drohungen wie die von Delimchanow oder Tschaplin dürfen die Behörden nicht ignorieren. Sie müssen reagieren, etwa mit einem Einreiseverbot.

Attackierte Journalisten brauchen Rechtsschutz und Unterstützung – etwa von den Journalistenverbänden. Sie müssen Musterprozesse anstrengen und Beratung anbieten.

Die zuständigen Behörden müssen Schutzmaßnahmen ergreifen – und sei es nur symbolisch, aber als klares Signal, dass Kritiker nicht vogelfrei sind.

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum bleiben – wer dort, etwa in sozialen Netzwerken, gegen das Recht verstößt, darf sich nicht hinter Anonymität verstecken können. Dazu muss Druck auf die Konzerne ausgeübt und das Gesetz geändert werden.

Mehr zum Thema: Diese 14 Dinge kann jeder Deutsche tun, um Wladimir Putin zu stoppen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg