Open Doors: Christliches Hilfswerk zwischen Islamkritik und Nächstenliebe

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Open Doors: Christliches Hilfswerk voll umstrittener Nächstenliebe | RomoloTavani via Getty Images
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  • Die Organisation Open Doors gibt an, sich für verfolgte Christen einzusetzen
  • Experten sehen Veröffentlichungen des christliche Hilfswerks jedoch mit Skepsis
  • Dennoch übernehmen auch bekannte Politiker unkritisch dessen Thesen

Sie sind wirklich rührig, die Mitarbeiter von Open Doors. Sie twittern, facebooken, produzieren professionell Infofilme, organisieren Kundgebungen und für den Mai einen großen Jugendtag in Dortmund mit bis zu 4000 Teilnehmern - "im Dienst der verfolgten Christen weltweit".

Was Open Doors, ein eingetragener Verein mit Sitz im hessischen Kelkheim macht, klingt wichtig. Und dramatisch.

Der "Weltverfolgungsindex 2017"

Die Organisation veröffentlicht jedes Jahr einen Weltverfolgungsindex, der über die Lage von Christen Auskunft geben soll. Nach den jüngsten Schätzungen der Organisation leiden derzeit etwa 200 Millionen Christen weltweit unter Verfolgung.

Kritiker allerdings werfen Open Doors seit Längerem vor, dass die Zahlen nicht so belastbar sind, wie sie sein sollten. Dass Open Doors' ausschließliche Konzentration auf die Verfolgung von Christen eine zu einseitige Sache sei. Und so Ressentiments gegen den Islam schüre.

Und doch schenken Politiker dem Verein unkritisch Aufmerksamkeit.

Volker Kauder, Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, bezog zu den neuen Zahlen Stellung und bezeichnete sie als "Alarmzeichen“. In seinem ausführlichen Statement wird die kritische Diskussion über die Zahlen nicht erwähnt.

Erst kürzlich hat der Münchner CSU-Bundestagskandidat Stephan Pilsinger zu einem Infoabend mit Open Doors eingeladen. Pilsinger sagte der Huffington Post, er selbst habe den Verein angefragt und die Werbeplakate für den Abend aus seiner Wahlkampfkasse bezahlt.

Er sagt, er sei von dem Report von Open Doors, über den auch renommierte Medien berichteten, so erschüttert gewesen, dass er als bekennender Christ habe mehr erfahren wollen.

Open Doors wirbt auf seiner Website auch mit Fotos, auf denen unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CSU) zu sehen sind.

Open Doors erregt Aufsehen

Um das deutlich zu machen: Auch Kritiker sind sich einig, dass es der Verein geschafft hat, Aufmerksamkeit für ein wichtiges und vernachlässigtes Thema zu schaffen. Reinhard Hempelmann von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), spricht gegenüber der Huffington Post von einem "berechtigten Anliegen", das Open Doors verfolge.

Es gibt viele Länder in Asien, im Nahen Osten, in Afrika, in denen Christen ihren Glauben nicht ausüben dürfen, dafür brutal verfolgt werden.

Aber viele Experten halten wenig davon, wie Open Doors auf seine Zahlen kommt – auch wenn die Organisation betont, dass es sich dabei nur um Schätzungen handele.

Zweifel an den Schätzungen von Open Doors

"Die Frage ist, wie man zu den publizierten Zahlen und zu einem differenzierten Urteil kommt", sagt Hempelmann. "Darüber muss man mit Open Doors kritisch diskutieren. Es ist keine wissenschaftliche Forschungsstelle. Zu wenig wird meines Erachtens zwischen Benachteiligung und Verfolgung unterschieden."

So sieht es auch der Generalsekretär des international tätigen Gustav-Adolf-Werks, Enno Haaks. Er bezweifelte im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (Epd) ähnlich wie Henkelmann, dass es bei den von Open Doors genannten Zahlen immer um eine konkrete Christenverfolgung geht.

Haaks verwies darauf, dass auch die katholisch geprägten Länder Mexiko und Kolumbien auf der Liste des "Weltverfolgungsindex 2017" stehen, die 50 Staaten umfasst. Dort würden Menschen unter der Gewalt bewaffneter Konflikte oder dem sogenannten Krieg gegen Drogen leiden und staatliche Strukturen ausgehöhlt werden.

In der Tat würden dort auch Christen von ihrem Land vertrieben - aber eben nicht wegen ihrer Religion. "Da geht es nicht um Christenverfolgung, da geht es um massive Ungerechtigkeiten und Gewaltstrukturen“, sagte Haaks dem Epd.

Open Doors schreibt, der Verein "folgt eher einer theologischen als einer soziologischen oder juristischen Definition. Nach diesem Ansatz ist Verfolgung definiert als 'jegliche Art von erlebter Anfeindung aufgrund der Identifikation einer Person mit Christus. Dies kann feindselige Haltungen, Worte und Handlungen gegenüber Christen umfassen.'"

Das ist in der Tat weit gefasst - und kann damit zur Stimmungsmache missbraucht werden.

"Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vergangenes Jahr den Open-Doors-Report "Religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland" durch Muslime an. Sie hielten den Bericht für nicht seriös.

Die Zeitung zitierte außerdem aus einem internen Papier der Westfälischen Landeskirche: "Als Kirche haben wir nun das gleiche Problem wie die staatlichen Organisationen: die Islamfeinde in der Kirche versuchen, uns vor sich herzutreiben“. Die Erhebung weise "Züge der Pegida-Argumentationsweise“ auf.

Der Leiter des Portals "Evangelisch.de" kritisierte, Open Doors erweise den verfolgten Christen mit dem Report einen "Bärendienst". "Durch Übertreibung und eine 'Wir gegen die'-Mentalität macht sich die Organisation unglaubwürdig.

Open Doors wirft Kritikern Unkenntnis vor

Open Doors wehrt sich in einer ausführlichen Stellungnahme an die Huffington Post gegen alle Vorwürfe. Die meisten Kritiker, so schreibt es Sprecher Ado Greve, hätten den ausführlichen Bericht zum Verfolgungsindex samt seinen Angaben zur Methodik nicht gelesen, die Kritik sei auch auf Nachfrage nicht konkret geworden, Bitten um Verbesserungsvorschläge seien unbeantwortet geblieben.

"Darüber hinaus entwickelt Open Doors die Methodik zum Weltverfolgungsindex beständig weiter, mit dem Ziel, die Unterstützung verfolgter Christen zu verbessern."

Auch die Zweifel der "FAS" kontert er: "Wer behauptet, diese Angaben seien übertrieben, bewegt sich eben nur im Bereich einer Behauptung. Fakten liegen vor", schreibt Greve. "Die von Übergriffen betroffenen christlichen Flüchtlinge waren nur bereit zur Aussage, wenn ihnen absolute Vertraulichkeit hinsichtlich ihrer Daten zugesichert wurde. Ein Zeugenschutzprogramm war für die Betroffenen nicht vorhanden, deshalb hält sich Open Doors an die zugesagte Anonymisierung der Berichte. Open Doors liegen jedoch alle Daten (Namen, Ort, Unterkunft, etc.) vor."

Tatsächlich hatten Open Doors und Personen, auf die sich die Organisation in ihrem Flüchtlingsheim-Bericht stützt, in diversen Stellungnahmen dargelegt, warum der viel zitierte "FAS"-Bericht seinerseits fragwürdig sei. Und nochmal mit neuen Daten nachgelegt.

Die Sache mit dem Islam

In der Diskussion wird deutlich: Abseits des Methodenstreits werfen Kritiker Open Doors vor, Angst vor dem Islam zu schüren und einen zu einseitigen Blick auf Christen zu haben.

Nun polemisiert Open Doors in seinen ausführlichen Berichten nicht gegen den Islam. Aber man kann man zum Beispiel im neuesten Facebook-Video sehen, wie Christen im Irak in ihre zerstörten Häuser zurückkehren. Dass auch unzählige Muslime ihr Zuhause verloren haben, wird nicht erwähnt.

Es ist legitim, als Organisation so einen Fokus zu setzen - nur glaubwürdiger wird sie dadurch nicht. Im Gegenteil.

Open Doors steht zu dieser Haltung: "Verfolgte Christen, denen Open Doors in ihren Heimatländern hilft, können wiederum andere Notleidende unterstützen und das Evangelium weitergeben. Dadurch erhielten beispielsweise im Irak und Syrien auch viele notleidende Jesiden und Muslime durch lokale Partnerkirchen Hilfe. Darüber hinaus haben religiöse Minderheiten wie Jesiden und Bahai auch ihre eigenen Interessenvertretungen", heißt es auf der Homepage.

Nicht Schwarz, nicht weiß

Am Ende ist eine sachliche Auseinandersetzung mit Open Doors auch deswegen schwierig, weil es zu vielen Aspekten der Arbeit des Hilfswerks kein aktuelles Datenmaterial unabhängiger Quellen gibt. Ein Mangel, den nur die Politik beheben könnte.

Außerdem wird klar: Arbeit von Open Doors lässt sich nicht in ein simples Schwarz-Weiß-Schema pressen. Und genau deshalb darf man gerade von Politikern wie zum Beispiel Volker Kauder erwarten, dass sie auch so damit umgehen. Sie müssen Open Doors nicht verteufeln. Aber blinder Glaube – das sollte man dann doch den Missionaren überlassen.

Eckdaten zu Open Doors

  • Gründung: 1955 reiste der Niederländer Anne van der Bijl, bekannt als "Schmuggler Gottes" ins sozialistische Polen und verteilte dort Bibeln.
  • Mitglieder: Der Verein Open Doors Deutschland hat neun Mitglieder.
    • Finanzierung: Laut seinem Sprecher verfügte Open Doors Deutschland im Jahr 2015 über 21 Millionen Euro Spenden.
  • Aktivitäten: Open Doors kümmert sich nach eigenen Angaben um die Familien getöteter oder verhaftetet Christen, verteilt religiöses Material, schult theologisches Personal. 2015 sollen 400.000 Menschen vor allem im Nahen Osten, in Afrika, Nordkorea und China mit Lebensmitteln, Medizin, Mikrokediten und Bildungsangeboten versorgt worden sein.

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(jg)