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Bisher völlig unterschätzt: Dank dieser Pflanze könnte bald niemand mehr hungern müssen

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WASSERLINSE
Die Pflanze könnte gleich mehrere globale Probleme lösen. | Getty Images
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Sie ist klein, grün und könnte der globalen Nahrungsmittelknappheit schon bald ein Ende bereiten: Die Wasserlinse ist in nahezu jedem Teich Deutschlands zu finden.

Wissenschaftler wollen die Pflanzenart nun als neues Lebensmittel auf den Markt bringen. Denn Wasserlinsen sind extrem gesund, leicht anzubauen und könnten gleich mehrere Ernährungsprobleme lösen.

In Asien ist die Wasserlinse bereits seit Jahrhunderten eine Delikatesse. Insbesondere bei Indern und Thailändern kommt die wurzellose Wasserpflanze in zahlreichen Gerichten vor.

Hierzulande ist sie unter dem eher unappetitlichen Namen "Entengrütze“ bekannt.

Nahrhaft, gesund und extrem leicht im Anbau

Der Jenaer Pflanzenphysiologe Klaus Appenroth bleibt jedoch lieber beim Synonym Wasserlinse. Das klingt auch weniger schleimig. Der Privatdozent an der Universität Jena forscht bereits seit über 40 Jahren zu Wasserlinsen.

Appenroth leitet zudem das internationale Komitee zur Wasserlinsen-Forschung (International Steering Committee on Duckweed Research and Applications), das sich weltweit dafür einsetzt, die Linsen als Alternative zu anderen Nutzpflanzen zu erforschen.

"Die Ergebnisse haben uns sehr gefreut – und auch überrascht“, sagte er der Tageszeitung "Welt".

Denn: Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Pflanze extrem viel Eiweiß enthält - bis zu sieben Mal mehr als Soja. Sie ist leicht und schnell anzubauen und verbraucht zudem kein Ackerland.

Die Pflanze macht schnell satt, ohne allzu viele Kalorien zu haben

Auch die Nährstoffe konnten Appenroth und seine Kollegen inzwischen analysieren: 71 Prozent der Wasserlinse bestehen aus mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren.

Das bedeutet: Die Pflanze macht schnell satt, ohne allzu viele Kalorien zu haben. Auch Ernährungswissenschaftler sind von der Pflanze begeistert: Verglichen mit einem Steak beinhaltet sie doppelt so viel Eiweiß und halb so wenig Fett.

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Extrem gesund und wächst rasend schnell: die Wasserlinse. Credit: Getty Images

Die Forscher aus Jena freute besonders, dass sich der Gehalt an Eiweiß und Stärke in der Pflanze variieren ließe. Denn, so ihre Erkenntnis, je wärmer das Wasser ist und je mehr Nährstoffe es enthält, desto mehr Eiweiß produziert die Wasserlinse.

Von besonderem Wert könnte die Wasserlinse auch für den Erhalt der Regenwälder sein. Insbesondere in Brasilien und Kolumbien. fallen jährlich Millionen Hektar der Rodung zum Opfer, um Pflanzen wie Soja für Tierfutter anzubauen.

Wunderpflanze im Kampf gegen den Welthunger

Als alternative Eiweißquelle kann die kleine Pflanze diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. In Europa könnte sie in großem Maßstab angebaut werden. "Im Sommer könnte man sie sogar im Freiland anbauen“, sagte Appenroth der "Welt". "Sie braucht nur sauberes Wasser, Licht und Wärme."

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Die Wasserlinse wächst in fast jedem Teich oder Tümpel. Credit: Getty Images

Außerdem hilfreich: Die Wasserlinse vermehrt sich durch Teilung. Laut den Experten wächst die Pflanze exponentiell, am Tag bis zu 50 Prozent, ohne dass der Mensch groß etwas dafür tun muss.

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Große Hoffnungen haben die Wissenschaftler in die Pflanze, weil auch die Anbauflächen in der Agrar-Wirtschaft immer mehr schwinden, während die Zahl der Menschen weiter steigt.

Weltweit leiden fast 800 Millionen Menschen Hunger, davon sterben pro Jahr geschätzt 3,1 Millionen Kinder an Unterernährung. Da die Wasserlinse wenig Platz und Ressourcen verbraucht und zudem nahrhaft ist, könnte sie schon bald zur Pflanze der Zukunft sein.

Bürokratie-Hürde: Europa bremst eine Vermarktung aus

Die bürokratischen Hürden, um die Wasserlinse kommerziell zu nutzen, sind allerdings hoch. Denn Wasserlinsen sind von der EU-Lebensmittelbehörde als "neuartiges Lebensmittel" klassifiziert.

Das stellt die Wissenschaftler vor ein großes Problem. "Vor einer Vermarktung müssen zahlreiche Untersuchungen durchgeführt werden, die auch für gentechnisch veränderte Pflanzen vorgeschrieben sind. Das sind aufwändige, teure Untersuchungen", sagte Appenroth. "Das kann kein kleines Start-up leisten."

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Geht auch als Suppe: Die Wasserlinse als nahrhaftes Gericht. / Credit: Getty Images

In Deutschland muss erst das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit grünes Licht geben. Und das, obwohl Menschen in anderen Ländern die Pflanze bereits seit Hunderten von Jahren essen.

Für die Jenaer Wissenschaftler um Appenroth sind diese Hürden dennoch kein Grund aufzugeben. Sie forschen weiter an der kleinen grünen Pflanze mit dem eigenwilligen Namen.

In Deutschland wächst die Pflanze wild in kleinen Teichen und Tümpeln. "Man kann die Pflanze ruhig sammeln und essen", sagt Appenroth. Er empfiehlt jedoch, sie vor dem Verzehr zu kochen. Sicher ist sicher.

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(lk)