4 Gründe, warum du dein Kind nicht für einen Trotzanfall bestrafen solltest

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WUTANFALL
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Laut beliebten Erziehungsratgebern gibt es für Eltern genau zwei Möglichkeiten, mit den Trotzanfällen ihrer Kleinkinder umzugehen.

Entweder ignorieren sie dieses ‘aufmerksamkeitsheischende Verhalten’ und belohnen ihr Kind, wenn es brav ist. Oder sie bestrafen es, indem sie es ausschließen.

In Millionen von Haushalten kommen regelmäßig Erziehungsmethoden wie die ‘Stille Treppe’ oder die ‘Time-out-Technik’ zum Einsatz. Doch funktionieren diese Methoden wirklich?

Kinderpsychologen und Neurowissenschaftler sind der Meinung, dass sie das nicht tun. Im Folgenden nennen wir vier Gründe, warum du beim nächsten Trotzanfall deines Kleinkindes vielleicht anders reagieren solltest als bisher.

1. Kleinkinder können nichts für ihre Trotzanfälle

Es gibt einen einfachen Grund, warum Kleinkinder Trotzanfälle haben: Ihr Gehirn funktioniert anders als das von Erwachsenen. Da die Verbindungen in ihrem Gehirn noch nicht komplett ausgebildet sind, können sie ihre Emotionen nicht so gut kontrollieren wie wir.

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Unser hoch entwickeltes Gehirn ermöglicht es uns, unsere Impulse zu kontrollieren und uns gesellschaftstauglich zu verhalten. Außerdem können wir unsere Emotionen herunterfahren, bevor wir gewalttätig werden oder die Kontrolle verlieren.

Kleinkinder sind rein körperlich nicht in der Lage dazu. Sie wollen uns mit ihren Trotzanfällen nicht ärgern oder manipulieren. Sie sind einfach nur Kleinkinder, die mit heftigen Gefühlen zu kämpfen haben.

Hinzu kommt, dass sie sich zum einen noch nicht besonders gut ausdrücken können und es zum anderen noch weniger gut schaffen, ihre Emotionen zu kontrollieren.

Uns Erwachsenen mag es vielleicht lächerlich erscheinen, wenn sie wegen der Farbe einer Tasse oder der Form ihrer Sandwiches einen Wutanfall bekommen. Für Kleinkinder sind diese Dinge jedoch genauso wichtig wie es für uns wichtig ist, die Miete oder die Hypothek bezahlen zu können. Bloß weil etwas für uns ‘keine große Sache’ ist, heißt das nicht, dass Kleinkinder das ebenso empfinden.

2. Kleinkinder können sich nicht selbst beruhigen.

Stell dir ein Kleinkind mal wie einen Topf mit Wasser vor, der ohne Deckel auf dem Herd erhitzt wird. Genauso wie bei dem Wasser im Topf steigen auch bei Kleinkindern starke Emotionen auf und beginnen allmählich zu brodeln.

Und wie bei einem Topf, den man auf dem Herd vergessen hat, kommen auch die Emotionen von Kleinkindern irgendwann zum sieden und kochen schließlich über.

Anders als Erwachsene sind Kleinkinder jedoch nicht in der Lage, das Gas herunterzudrehen. Sie hören erst auf, wenn das Wasser komplett verkocht ist und sie vollkommen erschöpft sind. Erwachsene können ihre eigenen Emotionen regulieren, sie können das Gas herunterdrehen und einen Deckel auf den Topf legen.

Da Kleinkinder jedoch noch nicht fähig dazu sind, brauchen sie unsere Hilfe. Sie brauchen einen Erwachsenen, der das übergekochte Wasser aufwischt, das Gas herunterdreht und einen Deckel auf den Topf legt. Mit anderen Worten brauchen sie unsere Hilfe, um sich zu beruhigen.

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Sie brauchen liebevolle Worte und Umarmungen von uns. Sie brauchen unsere Geduld und Unterstützung. Sie zu einer Auszeit zu verdonnern oder sie alleine auf die ‘Stille Treppe’ zu schicken, ist fast so, als würden wir abwarten, bis das ‘Wasser komplett verkocht ist’.

Kleinkinder denken nicht darüber nach, was sie falsch gemacht haben, oder wie sie sich beim nächsten Mal besser verhalten könnten. Ihr Gehirn ist für solche komplexen Gedankengänge noch nicht weit genug entwickelt.

Da sie sich nicht gezielt selbst beruhigen können, beenden sie ihren Trotzanfall aus zwei einfachen Gründen: weil sie erschöpft sind und weil sie gelernt haben, dass du ihnen erst wieder zeigst, dass du sie lieb hast, wenn sie brav sind.

Doch mit diesen Methoden bringst du ihnen lediglich bei, ihre Emotionen zu verstecken. Wen wundert es, dass so viele Erwachsene Probleme damit haben, ihre Gefühle zu äußern, wenn ihnen dieses Verhalten bereits im Kindesalter abtrainiert wurde?

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3. Kleinkinder leiden genauso unter ihren Trotzanfällen wie wir.

Es ist wirklich nicht leicht für Eltern, wenn ihr Kind einen Trotzanfall hat. Oft scheint es so, als würde dein Kleinkind bestimmte Dinge mit Absicht tun, nur um dich ‘zu ärgern’. Kinder suchen sich auch immer den denkbar schlechtesten Augenblick dafür aus, zum Beispiel wenn du müde oder krank bist oder wenn ihr euch in der Öffentlichkeit befindet.

Du schämst dich, es ist dir peinlich, du bis wütend und hilflos und manchmal verlierst du sogar die Kontrolle. Die Sache ist jedoch die, dass es deinem Kind ganz genauso geht. Für Kinder sind Trotzanfälle auch kein Spaß.

Stell dir mal vor, wie schrecklich es sich anfühlen muss, wenn du völlig aus dem Häuschen bist und der Mensch, den du auf der ganzen Welt am meisten liebst und dem du am meisten vertraust, dich ignoriert, obwohl du ihn gerade wirklich dringend bräuchtest.

Es ist zwar schwer für Eltern, den Trotzanfall ihres Kindes auszuhalten – doch für das Kleinkind, das den Trotzanfall selbst erlebt, ist es noch viel schwerer.

4. Kleinkinder haben oft Trotzanfälle, weil sie sich zu wenig mit uns verbunden fühlen.

Trotzanfälle entstehen sehr oft, wenn ein Kleinkind sich zu wenig mit seinen Eltern verbunden fühlt. Häufige Ursachen hierfür können sein, dass die Kinder ein Geschwisterchen bekommen, dass sie mit dem Kindergarten beginnen oder dass ihre Mama wieder zu arbeiten beginnt. In all diesen Fällen fühlen Kleinkinder sich weniger zugehörig.

Dieser Mangel an Verbundenheit macht Kleinkinder extrem verletzlich. Sie sind verwirrt und haben Angst. Stell dir nur mal vor, dein Partner kommt abends nach Hause und sagt ‘Hi Schatz, das ist meine neue Freundin. Sie zieht jetzt bei uns ein. Ich liebe sie sehr und ich liebe dich noch genauso wie vorher. Mit der Zeit wirst du sie auch lieben.’

Klingt lächerlich? Tatsächlich passiert jedoch genau das, wenn du einem Kleinkind sein neues Geschwisterchen vorstellst. Stell dir nur vor, wie verunsichert es sein muss. Wen wundert es da noch, dass es einen Trotzanfall bekommt?

Die beste Art, damit umzugehen, ist, das Gefühl von Verbundenheit nicht noch weiter zu verringern, indem du dein Kind ignorierst oder es durch eine ‘Auszeit’ noch stärker ausgrenzt. Zeige deinem Kind lieber durch dein Verhalten und durch dein Verständnis, dass du es noch ganz genauso liebst wie vorher. Wichtig ist es, die Verbindung zu deinem Kind zu stärken, anstatt sie weiter zu schwächen.

Weitere Tipps, wie du respektvoller und sinnvoller mit dem Verhalten deines Kindes umgehst, findest du in dem Buch ‘The Gentle Parenting Book’.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)