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17/03/2017 15:55 CET | Aktualisiert 17/03/2017 18:20 CET

Angela Merkel will in den USA die Zukunft der deutschen Wirtschaft sichern - an diesem Professor könnte sie scheitern

Bloomberg via Getty Images
Peter Navarro leitet den Nationalen Handelsrat der USA und bestimmt Trumps Wirtschaftspolitik

  • Bei ihrem USA-Besuch wird Angela Merkel es auch mit Peter Navarro zu tun bekommen

  • Navarro leitet den Nationalen Handelsrat der USA und bestimmt Trumps radikale Wirtschaftspolitik

  • Unter Wirtschaftswissenschaftlern gilt er mit seinen wirren Thesen als Außenseiter

US-Präsident Donald Trump schimpft gerne. Gegen die Presse, gegen illegale Einwanderer - und vor allem gegen fremde Wirtschaftsmächte. Mexiko und China hätten es auf die amerikanische Wirtschaft abgesehen, betont Trump immer wieder.

Auch Deutschland geriet schon in sein Visier. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitag in Washington zum ersten Mal auf den Präsidenten trifft, wird sie auch ihre Wirtschaftspolitik verteidigen müssen.

Das könnte für die Kanzlerin zu einer schweren Aufgaben werden. Denn der Kopf hinter Trumps Anschuldigungen ist ein von der Fachwelt isolierter Wirtschaftsprofessor. Peter Navarro vertritt seine kruden Thesen zum Protektionismus seit Jahren hartnäckig - trotz überwältigender Kritik seiner Kollegen.

Auf Konfrontationskurs zu Deutschland

Peter K. Navarro ist 67 Jahre alt, er lehrt an der University of California und ist Vorsitzender des Nationalen Handelsrats im Weißen Haus. Der Handelsrat ist eine neue Behörde, die US-Präsident Donald Trump eigens geschaffen hat, um seine Handelspolitik zu koordinieren.

Der deutschen Öffentlichkeit dürfte der Ökonom zum ersten Mal mit einem Interview in der britischen Tageszeitung "Financial Times" im Januar aufgefallen sein.

Dort ging Navarro auf Konfrontationskurs: Er warf der Bundesrepublik vor, sich mit dem Euro unfaire Handelsvorteile zu verschaffen. Die Gemeinschaftswährung sei eine "implizite Deutsche Mark", sagte er damals. Damit würde Deutschland die USA "ausbeuten".

Ein abstruser Vorwurf, denn: Die Europäische Zentralbank bestimmt den Kurs des Euros - nicht Deutschland. Hinter den fehlgeleiteten Anschuldigungen steckt ein Umstand, den Navarro und Trump als größtes Problem der US-Wirtschaft erklärt haben: das US-Außenhandelsdefizit.

Der "unfaire" Handelsvorteil

Laut Berechnungen des Ifo-Instituts vom Januar kamen die USA 2016 auf das weltweit größte Defizit in der wirtschaftlichen Leistungsbilanz. Es beträgt 478 Milliarden Dollar. Das bedeutet: In Höhe dieser Summe wurden in die USA mehr Waren eingeführt, als die Vereinigten Staaten sie in andere Länder exportierten.

Was Navarro so in Rage bringt: Deutschland führte 2016 Waren im Wert von rund 107 Milliarden Euro in die USA ein. Die Importe aus den USA beliefen sich dagegen auf nur knapp 58 Milliarden Euro. “Unfair", nennt Donald Trump das. „Ausbeutung“ sein Wirtschaftsexperte Navarro.

Der versorgt den Präsidenten fleißig mit den nötigen Thesen für diese Meinung. Vom freien Handel hält er nichts, nennt ihn sogar „dumm“, berichtet die Tageszeitung "Welt" in einem Porträt über den Ökonomen.

Mehr zum Thema: Wirtschaftsministerin Zypries sagt Trump den Kampf an: "Wir verklagen ihn"

"Tod durch China"

Navarro hat es allerdings nicht nur auf Deutschland abgesehen. Sein erklärter Feind ist eigentlich China. Eines seiner Bücher trägt den Titel "Death by China", "Tod durch China". Ein Stück weit hat Navarro Recht, wenn er sagt, dass die Volksrepublik gegenüber den USA einen Wettbewerbsvorteil hat: Die niedrigen chinesischen Löhne machen es für Unternehmen lukrativ, ihre Produktionsstandorte dorthin zu verlegen.

Das Problem dabei ist zum einen der Ton, mit dem Navarro gegen andere Länder keilt. Deutschland beute aus. Und die Chinesen seien "so unersättlich, dass wir uns mit ihnen eines Tages einen Krieg um Brot, Wasser und Luft liefern werden", zitiert ihn die "Welt". Nach nüchterner Wirtschaftspolitik klingt das nicht.

Zum anderen sind es die Methoden, die Navarro den USA verschreiben will, um die eigene Wirtschaft zu stärken. Abschottung und Protektionismus, eben "America First", sind seine - und damit Trumps - Ziele. In einem gemeinsamen Aufsatz mit US-Handelsminister Wilbur Ross plädiert er dafür, dass wirtschaftliches Wachstum sich erreichen lasse, indem die USA das Außenhandelsdefizit beseitige und mehr in die eigene Wirtschaft investiere.

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Kritik von Kollegen: "Weiß nicht, wovon er redet"

Ein Plan, der von Navarros Kollegen heftig kritisiert wird. N. Gregory Mankiw, Wirtschaftsprofessor in Harvard, widersprach Navarro und Ross auf seinem Blog. Die beiden würden einen elementaren Fehler begehen, indem sie Wirtschaftswachstum per se überbewerteten. Sie würden nicht verstehen, dass ein kleineres Handelsdefizit auch bedeute, dass weniger Kapital in die USA fließt. Das wiederum würde die Zinssätze beeinflussen - und für weniger Konsum und Investitionen sorgen.

Viele Ökonomen sehen es ähnlich. Navarros Pläne führten geradewegs zu einem wirtschaftlichen Desaster, lautet der Tenor. Die "Welt" zitiert Laurence Kotlikoff, Dozent an der Boston University und ehemaliger Berater Ronald Reagans: "Herr Navarro braucht dringend einen Auffrischungskurs in Wirtschaft." Er glaubt: Die Abschottung werde eine Krise auslösen.

Tatsächlich sei Navarro in der Wirtschaftswissenschaft ein Außenseiter, berichtet die "Welt". Keiner seiner Artikel genüge wissenschaftlichen Standards, zitiert das Blatt Lee Branstetter, Ökonom am Peterson Institute of International Economics in Washington. "Ich fürchte, er weiß nicht, wovon er redet", sagt dieser.

Merkel muss Überzeugungsarbeit leisten

Einen bedeutenden Fürsprecher allerdings hat Peter Navarro - und nur diesen braucht er wirklich.

US-Präsident Trump sagte über ihn: "Ich habe vor einigen Jahren eines von Peters Büchern über die amerikanischen Handelsprobleme gelesen. Und ich war beeindruckt von der Klarheit seiner Argumente und der Gründlichkeit seiner Forschung", zitiert die "Washington Post" den Präsidenten.

Am Freitag wird es Merkel in Washington also nicht nur mit dem unberechenbaren Präsidenten zu tun bekommen, der ihre Flüchtlingspolitik als "totales Desaster" bezeichnet hatte. Sie wird sich auch gegen die kruden Thesen von Navarro wehren müssen.

Sie muss Trump deutlich machen, dass Navarros radikale Wirtschaftspolitik nicht die einzige, und schon gar nicht die klügste Wahrheit ist - und dass eine wirtschaftliche Partnerschaft Vorteile für beide Länder, für Deutschland und die USA, bereithält.

Mit Material der dpa.

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(jg, bp)