Deutschtürken gelten als fanatische Erdogan-Anhänger - zu Unrecht, sagt eine Insiderin

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Deutschtürken gelten in den Medien als fanatische Erdogan-Anhänger - aber das trügt | Getty
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  • In den Medien werden Deutschtürken häufig als fanatische Erdogan-Anhänger dargestellt
  • Das sei falsch, schreibt eine deutsche Journalistin türkischer Herkunft in der "Zeit"
  • Viele Türken kämpften gegen ihren Präsidenten und für die Demokratie

"Dumpfbacken." So nennt ein Freund der Journalistin Canan Topçu alle Fans des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Wie der Freund ist auch Topçu türkischer Herkunft. Und sie ist es leid, dass Deutschtürken in den Medien gemeinhin als fanatischer Trupp von Erdogan-Jüngern dargestellt werden.

Das Bild sei trügerisch, schreibt sie in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit". Zahlreiche Türken kämpften gegen ihren Präsidenten und für die Demokratie.

Woher kommt das?

Was die Mitglieder der türkischen Community in Deutschland wirklich denken, weiß niemand genau, es gibt keine Untersuchungen darüber. Meist, so Topçu, berufen sich die Kommentatoren auf diese eine Zahl:

Erdogan erreichte bei der Wahl 2015 unter den rund 1,4 Millionen stimmberechtigten Deutschtürken 60 Prozent der Stimmen.

Topçu gibt zu bedenken: Nur ein Drittel der Stimmberechtigten habe überhaupt abgestimmt. Ein überzeugendes Stimmungsbild unter den Deutschtürken zu Erdogan ergebe das also nicht.

In ihrem Beitrag zählt die Journalistin Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis auf, wie eben jenen "Dumpfbacken"-Sager, die nichts mit Erdogan anfangen könnten. "Ich bezweifle, dass die Mehrheit der Deutschtürken ein Faible für Erdogan hat", sagt sie. Auch wenn sie das nicht mit einer Studie belegen könne.

Tatsächlich gibt es viele Beispiele von Menschen türkischer Herkunft, die sich in den vergangenen Wochen und Tagen gegen den türkischen Präsidenten ausgesprochen haben. Auch in der Huffington Post haben etwa der CSU-Jungpolitiker Ahmed Agdas oder der Ökonom Bülent Babur versucht, ein anderes Bild der deutschtürkischen Gemeinde zu zeichnen.

Mit Drohbotschaften in die Schlagzeilen

In den Medien sind die Erdogan-Fans damit vielleicht überrepräsentiert. Das könnte auch daran liegen, dass sie lauter auftreten als die Erdogan-Gegner. Denn die türkische Regierung unterstützt ihre Anhänger massiv. Die Regierungsorganisation UETD etwa organisiert in Deutschland nicht nur einfache Fahrgemeinschaften zu Pro-Erdogan-Demonstrationen, sondern gleich ganze Busfahrten.

Auf der anderen Seite werden die Gegner des türkischen Präsidenten massiv bedroht. Der SPD-Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel hat mit anderen Politikern eine "Nein-Initiative“ zum türkischen Verfassungsreferendum im April gegründet. Nun erhält er Hassmails. Auch kritische Journalisten in Deutschland werden bedroht.

Das sorgt ebenfalls dafür, dass die Fangemeinde von Erdogan öfter in den Schlagzeilen vertreten ist. Und die Kritiker dagegen nicht gehört werden.

Mehr zum Thema: Liebe deutsche Erdogan-Gegner, euer Verhalten zeigt, dass ihr nicht besser seid als die Fans des türkischen Präsidenten

Gefühle der Minderwertigkeit

In ihrem Beitrag fragt Topçu am Ende, warum einige Deutschtürken die Großmachtfantasien von Erdogan unterstützen. Sie verweist auf den Soziologen Dursun Tan. Er geht davon aus, dass negative Migrationserfahrungen zu einem Gefühl der Minderwertigkeit geführt hätten.

In gesellschaftlichen Gruppen mit Minderwertigkeitskomplexen werde Selbstkritik gleichgestellt mit Schwäche und Schuldeingeständnis, zitiert sie. Die Fähigkeit, die eigene Geschichte und Herkunft kritisch zu hinterfragen - das unterscheidet laut Topçu die Erdogan-Kritiker von den Fans. Manche könnten daher gar nicht anders, als die eigene Herkunft und damit auch den türkischen Präsidenten zu umarmen.

Das sei aber auch eine Chance: Die Erdogan-Fans könnten die Selbstkritik schließlich noch lernen - wenn sie wollten.

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(sk)

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