Huffpost Germany

documenta-Geschäftsführerin Kulenkampff warnt vor wachsendem Einfluss der AfD

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Wenige Wochen vor dem Start der documenta warnt die Geschäftsführerin Annette Kulenkampff vor dem wachsenden Einfluss der AfD
  • "Es graut mir vor der Idee, dass Rechtspopulisten irgendwann auch über das Budget der documenta mitentscheiden könnten", sagt sie

Schicksalswahlen in Europa, Trump, der Konflikt mit der Türkei: Es ist ein denkbar unruhiges Umfeld für die documenta, die größte Schau zeitgenössischer Kunst der Welt. Sie startet in knapp vier Wochen, etwa eine Million Besucher werden in Kassel erwartet.

Geschäftsführerin Annette Kulenkampff erklärt im Interview mit der Huffington Post, wie das politische Klima auch die documenta beeinflusst. Geldgeber gerieten immer stärker unter politischen Druck - etwa in den USA, Polen, Ungarn und der Türkei, warnt sie. Auch in Deutschland?

annette kulenkampff
Annette Kulenkampff. Foto: edisonga.de

"Wir müssen die Budgets der documenta immer aufs Neue erkämpfen, nichts davon ist selbstverständlich. Dieser Kampf wird sicher nicht einfacher, wenn Rechtspopulisten an Einfluss gewinnen", sagt Kulenkampff. So warnt sie davor, dass die AfD bald in entscheidenden Gremien sitzen könnte.

"Es graut mir vor der Idee, dass Rechtspopulisten irgendwann auch über das Budget der documenta mitentscheiden könnten", sagt sie. "Wenn man der künstlerischen Leitung vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen hat, dann ist die Idee der documenta tot."

Das ganze Interview lest ihr hier.

HuffPost: Die documenta fällt in politisch unruhige Zeiten. In Deutschland, anderen EU-Ländern und den USA erstarken nationale Bewegungen. Was bedeutet dieses Umfeld für die größte zeitgenössische Kunstausstellung der Welt?

Kulenkampff: Das brisante politische Umfeld macht sich auch für uns bemerkbar. Wir sind bei der Finanzierung auf die Hilfe internationaler Stiftungen angewiesen, die allerdings immer stärker unter politischen Druck geraten.

"Was bitte soll das sein, deutsche Kunst?"

US-Präsident Donald Trump hat etwa angekündigt, der einzigen großen amerikanischen Stiftung, die zeitgenössische Kunst unterstützt, die Mittel zu streichen. Ähnliche Entwicklungen und andere Restriktionen sehen wir in Polen, Ungarn und der Türkei.

Bemerken Sie das auch in Deutschland?

Nicht in diesem Ausmaß. Aber auch hier gibt es Parteien, die kulturelle Offenheit nicht fördern wollen. Die AfD in Mecklenburg-Vorpommern etwa ist der Meinung, dass Kunst einen deutschen Bezug haben soll. Was bitte soll das sein, deutsche Kunst? Dieses Gedankengut finde ich sehr gefährlich. Es graut mir vor der Idee, dass Rechtspopulisten irgendwann auch über das Budget der documenta mitentscheiden könnten.

Inwiefern?

Wir müssen die Budgets der documenta immer aufs Neue erkämpfen, nichts davon ist selbstverständlich. Dieser Kampf wird sicher nicht einfacher, wenn Rechtspopulisten an Einfluss gewinnen.

Wie genau?

Die Bundeskulturstiftung und damit der Bund ist einer unserer größten Unterstützer, auf den wir sehr angewiesen sind. Hier könnte die AfD mitreden, sobald sie im Bundestag sitzt.

"... dann ist die Idee der documenta tot"

Und käme die AfD in Kassel oder Hessen an die Regierung, säße sie auch im Aufsichtsrat der documenta. Sollten unsere Finanzmittel stark eingeschränkt oder gar an Vorgaben gebunden werden, ist die künstlerische Freiheit in Gefahr. Die künstlerische Freiheit ist aber das Herz der documenta.

Dann wäre das die letzte freie documenta?

Ja, die Gefahr besteht. Wenn man der künstlerischen Leitung vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen hat, dann ist die Idee der documenta tot. Die documenta ist ein Ort, an dem sich Künstler aus der ganzen Welt politisch unabhängig zu Wort melden.

Künstler berichten von immer mehr Übergriffen auf ihre Werke. Aktuell sehen wir das in Dresden vor der Frauenkirche. Rechnen Sie mit ähnlichen Ausschreitungen auch auf der documenta?

Wir werden alle künstlerischen Arbeiten unter freiem Himmel rund um die Uhr sichern. Ein Beispiel: "The Parthenon of Books“ besteht ausschließlich aus einst und gegenwärtig verbotenen Büchern aus aller Welt und wird die Größe des Originalbauwerks auf der Akropolis in Athen haben.

"Ich hoffe, dass unsere Demokratie so stark sein wird, dass sie dieser Belastungsprobe standhält"

Das ist eine beeindruckende Installation an zentraler Stelle auf dem Friedrichsplatz in Kassel, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Jedes Buch wird eingeschweißt, um es einerseits vor Schmierereien, andererseits vor den Witterungsverhältnissen zu schützen.

Sehen Sie die Kunstfreiheit in Gefahr?

Wir haben die vergangenen 60 Jahre in einer relativ freien Gesellschaft gelebt, die ihren Bürgern vieles ermöglichte. Das haben wir über Generationen hinweg hart erarbeiten müssen – etwa die Freiheit der Kunst oder die Frauenrechte.

documenta
Blick auf das Fridericianum mit documenta-Banner zwischen den Säulen in Kassel. Foto: dpa

Wie fragil diese Errungenschaften sind, zeigt sich derzeit in allen Teilen der Erde. Sie können innerhalb kürzester Zeit außer Kraft gesetzt werden. Dass es soweit auch in Deutschland kommen könnte, war für mich bislang unvorstellbar und ist es eigentlich immer noch. Aber die Welt hat sich sehr verändert und alles scheint möglich.

Haben sich Ihre Sorgen schon bewahrheitet?

Das passiert leider, ja – die Angriffe auf Künstler oder ihre Werke sind ein Beispiel. Oder der Fall Böhmermann, bei dem die Bundesregierung erschreckend indifferent reagiert hat. Die Kunstfreiheit wäre aber nur ernsthaft in Gefahr, wenn Künstler einknicken würden. Das werden sie hoffentlich nicht. Ich hoffe, dass unsere Demokratie so stark sein wird, dass sie dieser Belastungsprobe standhält.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(sk)