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"Purer Rassismus": Wie Türken auf die Krise mit Europa reagieren

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  • Wir haben uns in Istanbul unter Türken umgehört, was sie über den eskalierenden Streit mit Europa denken
  • Die Reaktionen waren überraschend eindeutig - das in politischen Fragen sonst so gespaltene Volk scheint sich diesmal einig
  • Reaktionen von Türken – auch in Deutschland – seht ihr im Video oben

Auftrittsverbote, Nazi-Vergleiche, Demos: Der Streit zwischen Europa und der Türkei eskaliert - und beherrscht auf beiden Seiten die Agenda.

Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt eine Umfrage auf den Straßen Istanbuls. Wir haben uns unter Türken umgehört, was sie über Europas Politik denken. Vorweg: Die Reaktionen waren überraschend eindeutig.

Das türkische Volk – sonst so gespalten in Politikfragen – scheint sich diesmal einig. Selbst EU-Freunde sind verärgert. Das zeigt, wie sehr der Streit dem türkischen Präsidenten in seinem Wahlkampf vor dem Referendum in die Hände spielt.

"Das ist purer Rassismus"

"Unsere Minister nicht ins Land zu lassen ist eine Unverschämtheit. Es ist absolut undemokratisch“, sagt etwa der 38-jährige Illiyas. "Das ist purer Rassismus und Ausgrenzung was die Europäer da betreiben."

Rassismus habe in den diplomatischen Beziehungen und auf Regierungsebene nichts zu suchen.

"Mir ist es völlig egal, ob wir von nun an EU-Mitglied werden oder nicht“, sagt er. "Die türkische Regierung hat sich so bemüht mit diversen Reformen und es hat trotzdem nicht geklappt.“ Die Politik der Türkei gegenüber der EU liege einzig und allein an deren Hinhaltetaktik.

"Noch nie so eine diplomatische Krise erlebt"

Auch der 65-jährige Receo bezeichnet die Politik der Niederlande gegenüber der Türkei als eine "Schande".

"Es ist falsch und ein großer Fehler. Ich bin nun schon 60 Jahre alt und ich habe noch nie so eine diplomatische Krise zwischen der Türkei und der EU erlebt", sagt er. Auch ihm sei es gleichgültig, ob die Türkei Mitglied der EU werde oder nicht.

"So wie bei vielen Türken stammen meine Großeltern aus Griechenland. Ich habe blaue Augen und hatte blonde Haare. Ich bin genauso europäisch wie die Deutschen oder Holländer", sagt der Rentner. "Das weiß ich und von der EU brauchen wir Türken uns nicht an der Nase herumführen lassen."

"Die Türkei ist keine Bananenrepublik"

Als "absolut undemokratisch und undiplomatisch" bezeichnet auch die 65-jährige Hatice die Ereignisse in den Niederlanden – sie kritisiert aber auch die eigene Regierung.

hatice

Hatice

"Wir müssen uns fragen, warum es so weit gekommen ist und warum die Welt uns so behandelt", sagt sie. "Das liegt auch an der Politik unserer jetzigen AKP-Regierung. Es ist einfach das Gesetz von Aktion und Reaktion."

Es sei schade, dass sich die Türkei in diese Richtung bewege. "Ich schäme mich für mein Land, aber man sieht, dass es auch in anderen Ländern an Demokratie und Meinungsfreiheit fehlt", sagt Hatice.

Korcan Karar, ehemaliger Journalist und Moderator großer türkischer Medienhäusern wie A-TV, Show-TV, SkyTürk und der heute regierungsnahen Zeitung "Sabah", vergleicht die Politik der EU gar mit Trumps Einreiseverbot.

"Diese Einreiseverbote begannen mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump und nun machen es ihm die Europäer nach. Das ist ein abgekartetes Spiel", sagt der 55-Jährige.

korcan karar

Korcan Karar

Karar selbst steht der AKP-Regierung skeptisch gegenüber. Als kritische Stimme in den türkischen Medien verlor er vor vier Jahren seinen Job. Während der neuen diplomatischen Krise nimmt er aber klar Stellung: Er bezeichnet es als respektlos, eine Ministerin so aus einem Land zu verweisen, wie es die Niederlande getan hätten.

"Ich erwarte aber jetzt von der türkischen Regierung, nicht auf das gleiche Niveau herabzusinken, sondern diplomatisch und professionell zu bleiben", sagt Karar. Die Türkei sei keine "Bananenrepublik, die so behandelt werden sollte".

"EU ist eine schwere Enttäuschung"

Selbst Türken, die der EU freundlich gegenüberstehen, zeigen sich enttäuscht von dem Verhalten der niederländischen Regierung.

cagla

Cagla

Die EU sei immer ein Vorbild gewesen, vor allem für junge Türken, sagt die 28-jährige Cagla. "Es ist schon eine schwere Enttäuschung, gerade aus der EU solch undemokratische Züge zu sehen." Dass Minister nicht in die Niederlande einreisen durften, bezeichnet sie als "unfair".

Ein ähnliches Stimmungsbild zeigt sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Dort attackieren Türken unter dem Hashtag #FascistNetherlands die niederländische Regierung.

"Nazi-Gene sind immer noch aktiv"

"Niederträchtiges Holland", "Unglaubliche Einstellung" oder "Nazi-Gene sind immer noch aktiv. Die Geschichte wiederholt sich", schreiben dort einige Nutzer.

Und selbst die türkische Opposition spricht sich gegen das holländische Verhalten aus. So schreibt Kemal Kilicdaroglu, der Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei CHP, auf Twitter: "Wir wollen sowohl in Amsterdam als auch in Ankara das Gleiche: Lückenlose Demokratie, in der niemand diskriminiert wird."

Die harte Kritik ist die Folge eines politischen Eklats: Erst verweigern die Niederlande dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu die Einreise, dann wird die auf dem Landweg eingereiste Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya zur deutschen Grenze zurück eskortiert. Seither eskaliert der Schlagabtausch zwischen den beiden Staaten immer weiter.

Diplomatische Krise

Außenminister Cavusoglu drohte bei einem Auftritt in Frankreich mit Konsequenzen, sollten sich die Niederlande nicht für ihr Vorgehen entschuldigen.

Heftige Aussagen musste sich zuvor auch die Bundesrepublik gefallen lassen. Im Streit um abgesagte Wahlkampfauftritte hat Präsident Erdogan den deutschen Behörden "Nazi-Praktiken" vorgeworfen.

Das geht selbst einigen Türken zu weit. Etwa dem 55-jährigen Mustafa, der weit weniger wütend auf die EU ist, als auf sein eigenes Land.

"Übertriebene und unverschämte Worte aus der Türkei"

"Einem Land wie Deutschland Nazi-Praktiken vorzuwerfen, das sind schon sehr übertriebene und unverschämte Worte", sagt er. "Ist doch verständlich, dass es diplomatische Folgen auf solche Aussagen gibt."

Mustafa hat gar Verständnis für die Auftrittsverbote. "Das Verhalten der Niederländer richtet sich ja nicht gegen das türkische Volk, sondern gegen die türkische Regierung", sagt er. "Die türkische Politik sieht von außen betrachtet sehr hart und diktatorisch aus."

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(jg)