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Erdogan bezeichnet die Niederländer als "Nazis" - das ist heuchlerisch und geschichtsvergessen

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NAZI AMSTERDAM
1940 überfielen Nazi-Truppen die Niederlande. Im Bild: Nazi-Aufmarsch in Amsterdam. | Three Lions via Getty Images
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  • Erdogan warf den Niederländern vor, sie seien “Nazi-Nachfahren“
  • Dabei litten die Niederländer schwer im Zweiten Weltkrieg
  • Die Türkei dagegen machte während des Krieges gute Geschäfte mit Hitler-Deutschland

Die Vorwürfe sind heftig: Erdogan wirft den Niederländern vor, “Nazi-Nachfahren“ zu sein. Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit packt der umstrittene türkische Präsident damit die Nazi-Keule aus. Nach Deutschland ist nun der Nachbarstaat reif für eine Abreibung.

Erdogan teilt aus. Doch trifft er auch?

“Nein“ lautet die klare Antwort des „Welt“-Journalisten Sven Felix Kellerhoff. Er beschreibt in einem Artikel, warum Erdogans jüngste Anschuldigung unsinnig ist.

Denn die Niederländer waren in ihrer Mehrzahl während des Zweiten Weltkrieges vor allem eines: Opfer von Hitlers Expansionsgelüsten. Am liebsten hätten sie sich aus dem Krieg herausgehalten.

Doch am 10. Mai 1940 starb jede Hoffnung darauf. Deutsche Truppen überschritten die Grenze, fielen im Nachbarland ein. Nur vier Tage später mussten sich die Niederlande den anstürmenden Nazis geschlagen geben. Die Regierung kapitulierte. Zuvor hatte die deutsche Luftwaffe die Hafenstadt Rotterdam bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht.

Die Niederländer litten unter der Nazi-Herrschaft

Wie Kellerhoff schreibt, litten die Niederländer nach der Kapitulation trotzdem weiter. Das Land blieb über vier Jahre von den Deutschen besetzt. Und sei regelrecht ausgeplündert worden, schreibt der “Welt“-Journalist.

“Knapp 200.000 Zivilisten kamen dadurch ums Leben, darunter 104.000 Juden.“ Das Schicksal der damals aus Amsterdam ins KZ Auschwitz deportierten Anne Frank bewegt noch heute die Welt.

Und was ist mit der Türkei?

Kellerhoff schreibt: “Nicht die Niederlande, die Türkei kollaborierte mit den Nazis.“ So sei es etwa wahrscheinlich – allerdings nicht direkt nachweisbar – dass Hitler-Deutschland an Istanbul und Ankara Gold verkaufte, das eigentlich den Niederländern gehörte. Denn nach dem Einfall der Deutschen in den Niederlanden beschlagnahmte die Wehrmacht im besetzten Staat das wertvolle Metall.

Gute Geschäfte mit den Nazis

Die damals neutrale Türkei sei eine Art Umschlagplatz für Nazi-Deutschland gewesen, um geraubtes Gold gegen Rohstoffe einzutauschen. Ähnliches wird heute auch der Schweiz vorgeworfen, die im Zweiten Weltkrieg ebenfalls neutral blieb – und mit Deutschland Geschäfte abwickelte.

Trotzdem: Die Türkei zögerte möglichst lange heraus, sich auf die Seite der Alliierten zu schlagen. “Erst im August 1944 beendete Ankara die diplomatischen Beziehungen zu Hitler-Deutschland“, schreibt Kellerhoff. Am 23. Februar 1945 habe man dem Deutschen Reich schließlich den Krieg erklärt.

Auch hätten die Türken einen vergleichsweise kleinen Blutzoll für den Triumph der Alliierten über Hitler bezahlt: “Insgesamt verloren die türkischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg nach offiziellen Statistiken 200 Mann. Die meisten davon kamen bei der versehentlichen Versenkung eines türkischen Schiffes durch ein freifranzösisches U-Boot am 23. Juni 1941 ums Leben.“

Aber: Auch in den Niederlanden gab es Kollaborateure

Klar, Journalist Kellerhoff klammert elegant auch Fakten aus, die seiner These widersprechen. So litten die Niederländer damals unter den Nazis. Einige verzichteten trotzdem nicht darauf, mit der Besatzungsmacht zusammenzuarbeiten. Sie wurden zu Kollaborateuren. Manche traten gar der berüchtigten Waffen-SS bei.

Vielleicht kollaborierte damals nicht die Niederlande als Staat mit den Nazis, wie Kellerhoff richtigerweise schreibt. Aber der eine oder andere Niederländer musste sich nach dem Krieg genau das vorwerfen lassen.

Fairerweise muss man aber auch sagen, dass sie damit in Europa in schlechter Gesellschaft waren. Denn auch in anderen von den Nazis besetzten Staaten entschlossen sich Menschen dazu, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten.

Aber auch in den Niederlanden gab es, wie in anderen von den Deutschen besetzten Gebieten auch, zahlreiche Widerstandskämpfer. Diese Kämpfer der Freiheit legten die Infrastruktur lahm, verteilten Flugblätter, verübten Anschläge auf Nazi-Kader. Und mussten dafür oft ihr Leben geben.

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(ben)