Machtzentrum Moskau: Putin zieht auf der Weltbühne meisterhaft die Fäden - und führt den Westen vor

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PUTIN
Machtzentrum Moskau: Putin zieht auf der Weltbühne meisterhaft die Strippen - und führt den Westen vor | Sergei Karpukhin / Reuters
Drucken
  • Noch vor zwei Jahren, beim G20-Gipfel in Australien, erschien Wladimir Putin als international isoliert
  • Heute geben sich Staatschefs und Minister im Kreml die Klinke in die Hand
  • Putin versteht es dabei meisterlich, seine Kontrahenten gegeneinander auszuspielen

Sie müssen Wladimir Putin weh getan haben, die bösen Bilder vom G20-Gipfel im australischen Brisbane im November 2014. Geschnitten haben sie ihn damals, die anderen Staats- und Regierungschefs, wegen seines Angriffs auf die Ukraine; alleine saß er am Tisch, so war es jedenfalls in den Nachrichten weltweit zu sehen - außer in Russland.

Der Stachel muss tief gesessen haben beim kleingewachsenen Kreml-Chef, der für sein Elefantengedächtnis bekannt ist und nichts vergisst, vor allem keine Demütigung. So war es denn kaum Zufall, dass seine Claqueure im Westen sich wie auf Knopfdruck die Finger wund schrieben, um zu beweisen, dass noch jemand irgendwo mit am Tisch saß mit Putin – als würde das etwas daran ändern, dass er damals isoliert war.

Und jetzt, nur zwei Jahre später, das: Der Kreml ist geradezu zur Pilgerstätte für hochrangige ausländische Politiker geworden. Staatschefs, Ministerpräsidenten und Minister geben sich in Moskau die Klinken in die Hand – und akzeptieren brav und klaglos die langen Wartezeiten, mit denen der Kremlchef seine Gäste traditionell schon vor den Treffen psychisch zurechtstutzt. Selbst die Queen musste auf Putin warten.

Mehr zum Thema: Plant Erdogan eine neue Allianz mit dem Osten? Sein Treffen mit Putin könnte weitreichende Folgen haben

Vom Beinahe-Paria der Weltbühne zum Shooting -Star

Innerhalb von nur zwei Tagen empfing der Mann, der in der Ostukraine immer noch einen blutigen Krieg führt und die Krim besetzt hält, den deutschen Außenminister, den türkischen Präsidenten und den israelischen Ministerpräsidenten.

Vom Beinahe-Paria der Weltbühne zum Shooting -Star in 24 Monaten – eine beachtliche Erfolgsgeschichte. Vor allem wenn man bedenkt, dass sich der gebürtige Petersburger keinesfalls vom Saulus zum Paulus verwandelt hat, sondern knallhart seine Linie durchzieht und etwa das Minsker Abkommen zur Befriedung der Ostukraine seit nunmehr zwei Jahren konsequent ignoriert.

Wladimir Putin zeigt ein erstaunliches Geschick in Taktik und ist dabei vielen seiner westlichen Widerparts haushoch überlegen. Das kommt nicht von ungefähr – rühmte sich der gelernte KGB-Offizier doch einst selbst, er sei ein Experte im Umgang mit Menschen. Gelernt ist gelernt.

Der 64-Jährige erfasst die Schwächen seiner Gegenüber dabei nicht nur intuitiv – ganze Abteilungen in seiner Verwaltung erstellen Psychogramme, die dann Putins Verhandlungstaktik prägen.

Legendär ist, wie der Kreml-Chef den neuen US-Präsidenten George W. Bush seinerzeit über dessen Religiosität köderte. Nach dem ersten Treffen in Ljubljana 2001 tat Bush begeistert kund, er habe seinem Vis-á-Vis aus Moskau in die Augen gesehen und einen Eindruck von seiner Seele gewonnen. Auch über Donald Trump soll bereits ein Psycho-Dossier im Kreml vorliegen.

Wie der Schläger aus dem Leningrader Hinterhof

Doch mit Verhandlungsgeschick allein ist Putins Erfolg auf der internationalen Tribüne nicht zu erklären. Putin selbst vergleicht zuweilen die große Politik zur Veranschaulichung mit Bildern und Szenen aus seiner Kindheit.

So ein Vergleich bietet sich auch heute an: Putin verhält sich wie der Schläger aus dem Leningrader Hinterhof, der neu an eine feine Internats-Schule im Westen gekommen ist, und mit seinen rauen Sitten und Prügeln die gut erzogenen Mitschüler ständig auf Trab hält – und in Angst.

Ein schmächtiges Bürschlein, das aber vor nichts zurückschreckt. Sie glauben, man müsse nur mit ihm reden, einen Kompromiss finden. Auch wenn er die Absprachen ein ums andere Mal bricht. Sie stecken ihm weiter Süßigkeiten zu, die er sich selbst nicht leisten kann: „Man muss ihn doch verstehen, ist doch ein armer Kerl, schwere Kindheit!“

Doch je mehr die Musterschüler dem Rabauken entgegenkommen, umso aggressiver wird er. Sie wären zwar zusammen viel stärker als er – aber er spielt sie sehr geschickt gegeneinander aus. Sie können sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen. Er lacht sich innerlich tot über sie, verachtet sie immer mehr wegen ihrer Schwäche.

Er verbündet sich mit Hooligans aus anderen Klassen, sie zündeln und prügeln immer mehr, und er bietet dann an, nicht mehr zu prügeln und die Löschversuche nicht mehr weiter zu behindern – gegen großzügige Beteiligung am Taschengeld seiner reichen Mitschüler.

Sein Einsatz und seine Forderungen werden immer höher. Nach einer Weile treibt er die ganze Schule vor sich her.

Mehr zum Thema: Das mysteriöse Sterben der russischen Diplomaten

Erst Feuer legen, dann mit dem Feuerlöscher hausieren gehen


Wie sehr Putin Taktik dem Beispiel mit dem Internat gleicht, zeigt sein Vorgehen im Nahen Osten: Er gießt dort seit vielen Jahren kräftig Öl ins Feuer, etwa durch die Hilfe für die atomare Aufrüstung der Mullahs im Iran – und geht dann mit dem Feuerlöscher hausieren.

Der Syrien-Konflikt wurde dann zu Putins großer Stunde: Wegen der Zurückhaltung des damaligen US-Präsidenten Barack Obama entstand ein Machtvakuum, in das der Moskauer Taktiker zielsicher vorstieß.

So konnte er sich zum Schlüsselspieler in der so wichtigen Region aufschwingen – und den Platz am Katzentisch der internationalen Gemeinschaft gegen einen ganz in der Mitte am Honoratiorentisch tauschen.

Sowohl beim Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, als auch bei dem des türkischen Präsidenten Recep Erdogan war denn auch der Syrien-Konflikt ein zentrales Thema. Ähnlich bei dem Treffen mit dem neuen Bundesaußenminister Sigmar Gabriel: Auch da stand ein bewaffneter Konflikt im Mittelpunkt, den der Kreml ausgelöst hat – in der Ukraine.

Gabriel hob sich dabei mit klaren Worten wohltuend von der Anbiederei seines Vorgängers Frank-Walter Steinmeier ab, dessen Moskau-Kurs allzu oft an seinen politischen Ziehvater Gerhard Schröder erinnerte, der heute für Gasprom arbeitet.

Putins Taktik ist klar: Er verletzt konsequent die Spielregeln der internationalen Politik. Er setzt auf Faustrecht statt Völkerrecht. Er setzt auf Gewinnmaximierung statt auf Werte, Einschüchterung und Erpressung statt Partnerschaft und Kooperation, auf Stärke statt auf Kompromisse.

Er will, dass Russland gefürchtet wird, daraus macht seine Propaganda keinen Hehl. Und weil sein Land in Wirklichkeit sowohl militärisch als auch wirtschaftlich ziemlich mickrig daherkommt, muss er sich dazu aufblasen wie ein Frosch. Wäre der Westen nicht so uneinig und geschichtsvergessen, würde er Putin schnell die Luft ablassen und auf sein eigentliches Maß zurechtstutzten.

Die Strategie dafür muss gar nicht erfunden werden. Konrad Adenauer hat sie entwickelt und auch umgesetzt: Russlands Ängste ernst nehmen, sie nicht provozieren, mit Russland reden – aber gleichzeitig Stärke und Geschlossenheit zu zeigen. Wir haben uns voll auf den ersten Teil von Adenauers Rezept versteift – und den zweiten Teil vergessen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(jg)

Korrektur anregen