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10/03/2017 21:27 CET | Aktualisiert 11/03/2017 09:21 CET

Arbeitsmarktexperte verteidigt Schulz Reformplan: "Fortbildung und Umschulung werden wichtiger denn je"

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Arbeitsmarktexperte verteidigt Schulz Reformplan: "Fortbildung und Umschulung werden wichtiger denn je"

Martin Schulz Reformvorschläge für den Arbeitsmarkt sind nicht sehr beliebt. Die Medien sehen sie kritisch. Die Arbeitgeber sehen sie sehr kritisch, die Union sowieso - und auch Ökonomen sind skeptisch.

Doch jetzt springt Martin Schulz einer von Deutschlands renommiertesten Arbeitsmarktexperten bei: Joachim Möller, der Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg.

Der sagt im Interview mit dem Magazin "Spiegel" über Schulz' Pläne über eine längere Auszahlung des Arbeitslosengeld I zwar: "Unsere wissenschaftlichen Untersuchungen belegen, dass sich die Arbeitslosigkeit tendenziell verlängert, wenn wir die Bezugsdauer erhöhen"

Möller nennt aber auch eine Bedingung, unter der Schulz' Pläne sehr sinnvoll wären: "Seitdem aber klar ist, dass die Leistung nur dann länger gewährt werden soll, wenn der Betroffene eine Qualifizierung macht, sehe ich das sehr viel positiver."

"Qualifizierung zeigt Wirkung"

Möller ist sich aufgrund seiner Forschungsarbeit sicher, "dass Qualifizierung Wirkung zeigt." Das gelte besonders für Menschen, die ein bis zwei Jahre in Fortbildungsmaßnahmen verbringen würden - also genau der Zielgruppe, die von Schulz Plänen, den Zahlungszeitraum des Arbeitslosengeld I durch Qualifikationsphasen zu verlängern, profitieren könnte.

"Bei Menschen, die an solchen Maßnahmen teilgenommen haben, steigt die Vermittlungschance in einen Job um bis zu 20 Prozent gegenüber vergleichbaren Arbeitslosen ohne Qualifizierungskurs", so Möller. Und gibt an, dass besonders Frauen von den Kursen profitieren.

Auch ältere Arbeitnehmer könnten von Umschulungen profitieren

Müller mahnt im "Spiegel"-Interview jedoch auch an, dass es keinen Sinn habe, über 60-Jährigen noch eine zweijährige Fortbildung anzubieten. Bei einem 50-Jährigen habe das aber durchaus noch einen positiven Effekt. "Der hat heute Anspruch auf zwölf Monate Arbeitslosengeld, und durch die Qualifizierung verlängert sich dieser um weitere zwölf Monate", sagt Möller im Interview.

Und dann nur noch einen Monat, um einen Job zu finden und nicht auf Hartz IV abzurutschen - zu wenig, findet Möller, "da würde eine Verlängerung nützen."

Allgemein glaubt er, dass für den Arbeitsmarkt der Zukunft Fortbildungen immer wichtiger werden. Schon heute würden die Hälfte der Ausbildungsabsolventen nach zehn Jahren nicht mehr in dem Beruf arbeiten, den sie gelernt hätten. Er ist sich sicher: "In Zukunft werden sich auch hoch qualifizierte Arbeitnehmer in Industrie und Dienstleistung mit dem Thema auseinandersetzen müssen."

Weterbildung sei vor allem Sache der Betriebe

Etwa auch in Zusammenarbeit mit einer Bundesagentur für Arbeit und Soziales, wie sie Arbeitsministerin Andrea Nahles einrichten will? Eine Diskussion darüber lohne sich, so Möller. Doch die effektivste Art der Weiterbildung finde in Deutschland in den Betrieben selbst statt: "Man darf den Betrieben nicht wegnehmen, was sie besser können."

Dennoch, dort wo Zusatzqualifizierungen auf Arbeitsmarkt und Region zugeschnitten sein müssten, könne eine Bundesagentur für Arbeit und Qualifikation durchaus helfen - gerade auch im Bereich der Digitalisierung.

Es klingt fast so, als ob Martin Schulz' sogenanntes Arbeitslosengeld Q (für Qualifizierung) entgegen aller Kritik dazu beitragen könnte, den deutschen Arbeitsmarkt und damit die deutsche Wirtschaft zukunftsfähiger zu gestalten.

Ob die Pläne des SPD-Kanzlerkandidaten aufgrund eines Interviews nun beliebter werden, bleibt jedoch abzuwarten.

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(lp)

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