Das Fischstäbchen-Fiasko: Eine bizarre Debatte verdeutlicht, in welcher Krise die EU steckt

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Die Fischstäbchen-Krise: Auf dem EU-Gipfel geht es um Tiefkühlkost. Die bizarre Debatte zeigt, in welcher Krise die EU steckt | Gettystock / HuffPost
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  • Die europäischen Staats- und Regierungschefs kommen am Donnerstag in Brüssel zusammen
  • Beim Frühjahrsgipfel der EU steht traditionell die wirtschaftliche Lage im Mittelpunkt
  • Doch diesmal wird das Treffen von einer Diskussion über ein EU-internes Qualitätsgefälle bei Lebensmitteln gelähmt

Die Europäische Union kämpft um ihre Existenz: Großbritannien arbeitet am Brexit und bei den anstehenden Wahlen in den Niederlanden und Frankreich könnten Rechtspopulisten triumphieren, die die EU lieber heute als morgen abschaffen wollen.

Und was machen die EU-Staatschefs auf ihrem aktuellen Gipfel in Brüssel? Sie diskutieren über Fischstäbchen, Nuss-Nougat-Creme und Limonade.

Was wie ein schlechter Witz klingt, ist traurige Brüsseler Realität.

Osteuropa klagt über Fischstäbchen mit weniger Fisch

Osteuropäische Staaten beklagen nämlich, dass große Lebensmittelkonzerne ihre Produkte dort in schlechterer Qualität und mit schlechterem Geschmack auf den Markt bringen als im Westen.

Konkret: Sprite enthält demnach im Osten mehr künstliche Süßstoffe, ein Eistee 40 Prozent weniger Tee-Extrakt, Fischstäbchen sieben Prozent weniger Fisch und Nutella mehr Palmöl.

Geht gar nicht, finden Tschechien, die Slowakei, Rumänien, Slowenien, Ungarn, Bulgarien und Kroatien.

Geht wohl, sagen die Lebensmittelhersteller der Nachrichtenseite "Politico", die Unterschiede seien regionalen Vorlieben in Sachen Essen geschuldet.

Und so diskutieren die Staatschefs diese vermeintliche Ungleichbehandlung nun auf höchster Ebene.

Die Wut auf Brüssel: Man kann sie schwer jemandem übel nehmen

Dass die EU nun wieder über Kleinigkeiten und Normenvorschriften diskutiert, zeigt auch, wie dringend sie Reformen nötig hat. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat dazu bereits Anfang März ein Weißbuch mit fünf Szenarien auf den Tisch gelegt. Diese könnten unterschiedlicher nicht sein:

1. Die EU könnte weitermachen wie bisher

2. Oder noch enger zusammenwachsen

3. Oder sie bricht ein Tabu und konzentriert sich auf ihren Binnenmarkt, aber nicht auf die politische Einigung

4. Oder sich konzentriert sich auf die Sicherheit und die Sicherung der Außengrenzen

5. Oder sie setzt auf verschiedene Geschwindigkeiten: Wer mehr Zusammenarbeit etwa in Sicherheit und Sozialpolitik will, kann mit anderen Willigen kooperieren, wer nicht will, lässt es.

Mit seinen Vorschlägen hat Juncker ein Tabu gebrochen. Denn das erste Mal steht zur Debatte, dass die EU sich zurückbildet. Nicht mehr alle Staaten sollen mitgenommen werden. Wer Lust hat mitzumachen, kann das tun. Wer nicht, kann gehen.

Man kann das als gesunden Pragmatismus interpretieren. Es ist ein Ansatz, aus Europa nach dem Brexit-Schock eine eingeschworene Truppe aus überzeugten Ländern zu machen, die die künftigen Probleme gemeinsam angehen wollen.

Aber die Vorschläge von Juncker bergen auch eine Gefahr: Europa könnte damit tatsächlich zerbrechen. Denn der europäische Gedanke lebt ja gerade davon, dass er Menschen von Lissabon bis Tallinn, von Stockholm bis Athen vereint.

Europa könnte am Ende der Diskussion nicht mehr das sein, was es heute ist

Überall in Europa könnten die Schlagbäume wieder fallen, nationale Währungen wieder eingeführt werden. Die Wirtschaft, vor allem in Deutschland, würde darunter leiden.

Hinzu kommt: Ein Kerneuropa könnte am Ende zu schwach und tatsächlich zu klein sein, um die großen außenpolitischen Fragen der Zukunft anzugehen. Wie die Diskussion über die Zukunft Europas in den kommenden Monaten ausgeht, ist derzeit nicht abzusehen.

Fakt ist aber: Am Ende der Diskussion könnte Europa nicht mehr das sein, was es heute ist - vielleicht sehnen sich einige dann nach einem Streit über Fischstäbchen zurück.

Mehr zum Thema: Warum in Frankreich, den Niederlanden und Italien so viele junge Menschen EU-kritische Parteien wählen

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(mf)

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