Liebe deutsche Erdogan-Gegner, euer Verhalten zeigt, dass ihr nicht besser seid als die Fans des türkischen Präsidenten

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ERDOGAN COLOGNE
Liebe deutsche Erdogan-Gegner, euer Verhalten zeigt, dass ihr kein Stück besser seid als die Fans des türkischen Präsidenten | Thilo Schmuelgen / Reuters
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Seit Wochen streitet Deutschland über die Auftritte von türkischen Politikern - und es ist kein Ende in Sicht.

Eine erschreckende Erkenntnis aus der Debatte habe ich aber schon jetzt gewonnen: Das Verhalten vieler deutscher Erdogan-Gegner ist erbärmlicher als die Provokationen aus Ankara und die Jubelstürme der AKP-Fans.

Was viele Deutsche derzeit zur Türkei-Debatte beitragen, zeugt von blinder Wut, von Fremdenfeindlichkeit und von dem absoluten Unvermögen, auf Basis von Fakten zu argumentieren.

Union und AfD scheren alle Türken über einen Kamm

Wenn Kommentatoren im Netz zum Beispiel fordern, “dass die Deutschtürken in ihr Land zurückkehren sollen, wenn sie so stolz darauf sind”, dann stigmatisieren sie einen großen Teil der hier lebenden Türken als fanatische und undankbare Fremdkörper in der deutschen Gesellschaft.

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Ähnliche Argumente sind auch von deutschen Politikern zu hören. Wenn die AfD fordert, “die Türken mit klaren Ansagen in ihre Schranken zu verweisen”, ist das eine unmögliche Pauschalisierung. Zur Erinnerung: DIE Türken gibt es nicht.

Diese Haltung zeigt sich indirekt auch in Kommentaren vieler Unionspolitiker. Sie fordern, dass die Türken sich zwischen Erdogan und der Loyalität zu Deutschland entscheiden müssten.

Sicher: Die türkischen Minister, die in Deutschland auftreten wollen, stehen für eine Politik, die demokratischen Werten widerspricht. Sie wollen die Todesstrafe, sie heißen die Gefangennahme von Journalisten gut und unterstützen einen blutigen Krieg gegen Minderheiten in ihrem Land.

Aber wir dürfen bei aller Empörung drei Dinge nicht übersehen.

Erstens: Wenn wir auf Hass mit Hass reagieren, unsererseits die Zensur von Meinungen fordern oder gar Menschen des Landes verweisen wollen, lassen wir uns auf das Niveau von Erdogan herab.

Wir müssen AKP-Auftritte nicht hinnehmen

Denn wo kommen wir hin, wenn wir Leute dazu drängen, das Land zu verlassen, weil sie Meinungen vertreten, die uns nicht passen?

Früher hieß es, wem es in der BRD nicht passe, solle doch in die DDR gehen. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

In der Türkei stehen Zensur und Diskriminierung Andersdenkender auf der Tagesordnung. In Deutschland müssen wir mit unbequemen Meinungen leben.

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Das heißt nicht, dass wir die Auftritte der türkischen Minister kritiklos hinnehmen müssen. Im Gegenteil: Wir müssen über Auftrittsverbote diskutieren können.

Aber: Wir dürfen unsere Wut auf Erdogan nie in Wut gegen die Türken oder die Türkei umschlagen lassen.

Mehr zum Thema: Wie deutsche Erdogan-Gegner dabei helfen, eine Diktatur in der Türkei zu errichten

Viele Deutschtürken kämpfen gegen den Präsidenten

Denn – zweitens – widerspricht auch ein großer Teil der Deutschtürken Erdogan und zeigt klare Kante gegen die Verfassungsreform des Präsidenten.

Die Kurdische Gemeinde zum Beispiel protestierte schon länger als die meisten der Deutschen, die jetzt die Speerspitze gegen den Präsidenten bilden wollen, gegen die Machenschaften Erdogans. Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoğlu, kämpft für den Erhalt der Demokratie in seinem Land.

Erdogan will polarisieren, um Deutsche und Deutschtürken gegeneinander aufzuwiegeln. Davor warnte in der HuffPost auch Ali Toprak, Chef der Kurdischen Gemeinde, zuletzt treffend.

Mehr zum Thema: Chef der Kurdischen Gemeinde warnt: "Erdogan will Türken gegen den deutschen Staat aufwiegeln"

Diese Warnungen werden bisher von zu wenigen in Deutschland ernst genommen. Das Ergebnis: Die Stimmung ist gereizt, Erdogan-Gegner werden bedroht, Erdogan-Fans verunglimpft.

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Wir müssen auch mit AKP-Fans streiten

Drittens müssen wir verstehen: Nicht alle Erdogan-Fans sind unverbesserliche Fanatiker. Deshalb müssen wir mit ihnen über ihre Meinung streiten.

Wir sollten verstehen, dass viele Menschen, die hierzulande Erdogan unterstützen, durchaus Gründe dafür haben. Sie kannten die Türkei noch vor der Ära Erdogan. Sie kannten ihre Heimat als krisengebeuteltes Land mit einem kaputten System, kaputten Brücken und kaputten Straßen.

Sie wissen, wie viel sich in der Türkei – wirtschaftlich und infrastrukturell – in den letzten Jahren getan hat. Das bewerten sie positiv. Sie fühlen Stolz, wenn sie in Richtung Türkei blicken.

Den können und sollten wir ihnen nicht nehmen. Stattdessen sollten wir versuchen, zu einer nüchternen Diskussion zurückzukehren.

Denn dass auch AKP-Anhänger dazu fähig sind, habe ich bereits häufig selbst erlebt.

"Wir sollten öfter reden"

Vergangener September, ich sitze im Flugzeug nach Istanbul – neben mir ein älterer Mann und seiner Ehefrau. Sie sind Deutschtürken, ihre beiden Töchter studieren in Deutschland: Germanistik und Maschinenbau. Die Familie ist genau das, was viele Politiker wohl als "Musterbeispiel für Integration“ bezeichnen würden.

Die Eltern, neben denen ich sitze, wählen die AKP.

Darüber diskutierten wir, bestimmt zwei Stunden. Sie finden, deutsche Medien würden Erdogan unfair behandeln. Ich bemerke, der Präsident schränke die Meinungsfreiheit ein, bekriege die Kurden, verwandle das Land in eine Diktatur.

Auf einen Nenner kommen wir nicht. Nicht ansatzweise.

Doch als wir aus dem Flieger steigen, dreht sich der Mann noch einmal zu mir um und sagt: "Es war nett, mit dir gesprochen zu haben. Das sollten wir viel öfter tun.“

Er hatte Recht.

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(sk)

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