Diese 9 Dinge solltet ihr bedenken, bevor ihr das nächste Mal Antibiotika nehmt

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ANTIBIOTIKA
Die Wirksamkeit von Antibiotika nimmt ab. | iStock
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Es ist eines der bahnbrechendsten Ereignisse in der Medizin: 1928 entdeckte der Biologe Alexander Fleming durch Zufall das Penicillin. Seitdem sind Antibiotika zu einem der wichtigsten Medikamente geworden, um Infektionskrankheiten zu behandeln.

Doch ihre Wirksamkeit nimmt ab. Inzwischen sind die potenten Medikamente nicht mehr verlässlich effektiv. Oft sind Ärzte machtlos und Patienten ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert.

Schuld daran sind multiresistente Keime, die gegen die Antibiotika immun sind. Die Folge ist eine zunehmende Antibiotikaresistenz, vor deren schwerwiegenden Folgen Ärzte und Wissenschaftler auf der ganzen Welt schon seit Jahren warnen.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe prophezeite bereits 2015 einen "Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter".

Der Grund, dass sich multiresistente Keime derart rasant verbreiten können, ist in den meisten Fällen eine falsche Anwendung von Antibiotika.

Diese 9 Dinge solltet ihr wissen, bevor ihr das nächste Mal Antibiotika nehmt:

1. Die Zahl der Toten durch Antibiotikaresistenz ist dramatisch und steigt weiter an

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben schon jetzt weltweit jedes Jahr etwa 700.000 Menschen an Infektionen, die vor allem durch multiresistente Keime verursacht wurden.

Bis 2050, so warnt die Organisation, könnte sich die Zahl auf mehrere Millionen erhöhen. Sie stuft die Keime inzwischen als "dringende Gefahr für die Gesundheit des Menschen" ein.

Allein in Europa wird ein Anstieg von jetzt 23.000 auf 400.000 Tote prognostiziert. Demzufolge könnten mehr Menschen aufgrund von multiresistenten Keime sterben, als durch Krebserkrankungen.

Mehr zum Thema: So versagen Regierung und Industrie: Forscher fürchten Millionen Tote jährlich wegen fehlender Antibiotika

2. Vor allem die Keime in Krankenhäusern sind ein Problem

Laut WHO sterben etwa allein 25.0000 Menschen jährlich an Keimen, mit denen sie sich im Krankenhaus infiziert haben. Dazu gibt es allerdings unterschiedlich hohe Schätzungen. Das Nationale Referenzzentrum (NRZ) an der Berliner Charité geht von maximal 6000 Todesfällen pro Jahr aus.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) setzt die Zahl der jährlichen Todesfälle bei bis zu 30.000 an; die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) dagegen rechnet mit 2000 bis 4500 Patienten, die durch Krankenhauskeime sterben.

Worin sie sich aber alle einig sind: Die Zahl steigt aller Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren massiv an.

Wer also für eine Knie-Operation in die Klinik kommt, könnte Gefahr laufen, sich mit einem multiresistenten Keim anzustecken, gegen den Antibiotika nichts helfen.

"Ich mache mir Sorgen, dass ich, wenn ich in 20 Jahren für eine Hüftoperation ins Spital gehe, eine Infektion bekomme, die zu schwerwiegenden Komplikationen und meinem möglichen Tod führt", schreibt etwa der britische Vizegesundheitsdirektor John Watson in einem Beitrag im Fachmagazin "The Lancet", "einfach, weil Antibiotika dann nicht mehr so wirksam sind."

Zu den stark gefährdeten Patientengruppen zählen vor allem Babys, ältere Menschen, AIDS-Patienten, Organempfänger oder Krebspatienten, die aufgrund einer Chemotherapie stark geschwächt sind.

3. Viele Menschen nehmen Antibiotika bei Krankheiten ein, gegen die sie überhaupt nicht wirken

Jährlich bekommen rund ein Drittel aller Krankenversicherten ein Antibiotikum verschrieben. Das geht aus einer Analyse der Berliner Forscherin Elisabeth Meyer vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion von 2015 hervor.

Meyer geht davon aus, dass etwa 30 Prozent aller Antibiotika in der Humanmedizin nicht notwendig sind.

“Viele wissen nicht, dass lediglich etwa fünf Prozent aller Erkältungskrankheiten durch Bakterien verursacht werden, wovon jedoch bis zu 60 Prozent mit einem verschreibungspflichtigen Antibiotikum behandelt werden”, schreibt der britische Mediziner Syed Arfeen auf der Plattform “doktoronline.com”.

Denn: Antibiotika helfen nicht gegen Erkältung und Grippe. Gegen Viren sind Antibiotika absolut wirkungslos. Im Gegenteil: Die Nebenwirkungen von Antibiotika schaden dem Körper nur zusätzlich.

4. Viele Patienten wissen zu wenig über die Wirkung von Antibiotika

Eine Umfrage der WHO 2015 unter rund 10.000 Menschen in verschiedenen Ländern ergab, dass viele Patienten eine falsche oder eingeschränkte Vorstellung davon haben, wogegen Antibiotika wirklich helfen.

So gaben 64 Prozent der Befragten an, Antibiotika zu nutzen, um Erkältungen und Grippe zu bekämpfen.

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Bei immer mehr Keimen wirken Antibiotika nicht oder zumindest nicht mehr zuverlässig; Credit: Getty Images

5. Eine falsche Einnahme verstärkt die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen

Knapp ein Drittel der Befragten (32 Prozent) derselben Umfrage glauben, dass sie aufhören können, die Antibiotika zu nehmen, wenn sie sich besser fühlen und die Behandlung nicht bis zum festgesetzten Endtermin fortführen müssen.

Ärzte allerdings raten dringend dazu, Antibiotika immer die gesamte Behandlungszeit über zu nehmen. Oft scheint eine Krankheit geheilt, obwohl nicht alle infektiösen Bakterien aus dem Körper verschwunden sind.

Wird ein Antibiotikum zu früh abgesetzt, können einzelne Bakterien überleben und die Erkrankung kann erneut ausbrechen.

Eine weitere fatale Folge: Es bilden sich dadurch schnell resistente Bakterienstämme, die im Falle einer erneuten Erkrankung nicht mehr auf das angewandte Antibiotikum reagieren. Das Medikament sei dann wirkungslos, warnen Mediziner.

Gleichzeitig müssen Patienten das Antibiotikum auch rechtzeitig wieder absetzen. Denn weil das Antibiotikum die empfindlichen Keime tötet, gedeihen die resistenten Erreger besser. Bei Kontakt mit anderen Menschen werden die resistenten Keime weitergegeben und breiten sich so ungehindert aus.

6. Antibiotikaresistenz tritt nicht nur bei häufiger Einnahme ein

Die WHO-Befragung brachte einen weiteren Trugschluss vieler Menschen ans Licht: Fast die Hälfte der Befragten (44 Prozent) denkt, Antibiotikaresistenz sei lediglich für Menschen ein Problem, die sehr oft Antibiotika einnehmen.

Das sei ein Irrtum, warnt die Organisation. Jeder könne eine durch resistente Keime ausgelöste Infektion bekommen - unabhängig von Alter und Land.

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7. Selbst einfache Operationen können durch die Resistenzen lebensgefährlich werden

Das Problem mit den Resistenzen habe schwerwiegende Folgen auf viele stationäre Therapieverfahren, warnt Arfeen.

“Bei vielen Operationsverfahren besteht ein hohes Infektionsrisiko, weshalb oftmals antibiotische Begleittherapien unabdingbar sind. Sollten die Antibiotika allerdings nicht mehr ausreichend wirken können, besteht selbst bei einfacheren operativen Eingriffen Lebensgefahr”, schreibt er.

Gleiches gelte für mögliche Komplikationen wie Wundentzündungen, die nach einem Eingriff entstehen könnten.

“Nicht nur der Heilungsprozess wird deutlich verlängert, sondern auch die Liegedauer im Krankenhaus sowie eine stationäre Wiederaufnahme werden deutlich erhöht.” Die Zahl der postoperativen Todesfälle nehme ebenfalls zu, wenn die Standard-Antibiotika nicht ausreichend wirkten.

8. Die Schuld haben nicht nur die Ärzte

Ärzte sind mit Sicherheit zu einem großen Teil verantwortlich dafür, dass Antibiotikaresistenz auch in Deutschland zunehmend zu einer Bedrohung werden könnte. Viele Mediziner verschreiben zu leichtfertig Antibiotika - auch bei Krankheiten, bei denen sie eigentlich wirkungslos sind.

Schuld an der Verbreitung resistenter Keime sind aber auch oftmals die Patienten selbst. In der Annahme, dass die Antibiotika sie schneller heilen könnten, hinterfragen sie oft nicht, ob das Mittel in ihrer Situation unbedingt notwendig ist.

Viele Patienten sind zudem nicht genug informiert über die Risiken und verlassen sich auf die Expertise ihres Arztes. In der WHO-Befragung glaubten weit mehr als die Hälfte (64 Prozent), Experten würden das Problem der Antibiotikaresistenz lösen, bevor es wirklich bedrohlich für die Gesundheit werde.

9. Um die Ausbreitung zu verhindern, kommt es auf jeden Einzelnen an

Bundesumweltminister Gröhe warnt seit Jahren vor der steigenden Bedrohung durch resistente Keime. Jeder Einzelne könne helfen, Resistenzen vorzubeugen, appellierte er beim G-7-Gipfel 2015.

So dürfe nicht bei jedem Schnupfen gleich nach einem Antibiotikum verlangt werden. "Der weltweite Anstieg von Antibiotika-Resistenzen hat ein ähnlich verheerendes Potenzial wie der Klimawandel: Wenn nicht schnell und klug gegengesteuert wird, bedeutet das eine Katastrophe weltweiten Ausmaßes", warnte er.

Und erst vor wenigen Tagen äußerte er sich erneut zu dem Thema: "Wir brauchen heute und in Zukunft wirksame Antibiotika, um übertragbare Krankheiten gut behandeln zu können", sagte Gröhe Ende Februar vor einem G-20-Treffen von Gesundheitsexperten in Berlin.

Die WHO hat vor wenigen Tagen ebenfalls erneut Alarm geschlagen. Sie veröffentlichte erstmals eine Liste mit den zwölf für die Menschheit gefährlichsten Bakterienstämmen. Die Organisation ruft Regierungen jetzt dazu auf, Anreize für Forscher in Universitäten und Pharmafirmen zu schaffen, um neue Antibiotika zu entwickeln.

Bevor ihr also das nächste Mal Antibiotika nehmt, überlegt euch genau, ob sie auch wirklich notwendig sind.

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(mm)

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