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08/03/2017 22:52 CET | Aktualisiert 09/03/2017 08:45 CET

Türkische Nato-Soldaten: "Wenn du westliche Werte hast, wirst du zur Zielscheibe"

Getty
Absolventen einer Militär-Akademie in Istanbul

  • Mehrere türkische Nato-Soldaten haben in Belgien Asyl beantragt

  • Sie werden in der Türkei als Putschisten und Terroristen verdächtigt

  • Die türkische Botschaft und die Nato-Vertretung des Landes wollten sich zu den Vorwürfen nicht äußern

Ehemalige Nato-Soldaten in Belgien, die als Putschisten verdächtigt werden, werfen der türkischen Regierung vor, ihre Entlassungen seien politisch motivierte Säuberung innerhalb des Militärs.

Die "Süddeutsche Zeitung", sowie WDR und NDR interviewten sieben der Männer und Frauen in Brüssel, wo sich das Hauptquartier der Nato befindet. Die Soldaten und Soldatinnen wollen nach Angaben der Medien anonym bleiben.

Sie bestreiten demnach, in die Planungen des Putschversuchs involviert gewesen zu sein - am Abend des Coups hätten sie sich außerhalb der Türkei aufgehalten. Auch Verbindungen zu der in der Türkei als Terrororganisation eingestuften Bewegung des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen hätten sie nicht.

Einer der Interviewten sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Wenn du westliche Werte hast, wirst du zur Zielscheibe."

Pässe der Soldaten wurden von türkischen Behörden ungültig gemacht

Die Asylbewerber werfen den türkischen Behörden vor, ihnen Passdokumente vorzuenthalten. So seien ihre Diplomatenpässe, die auch Soldaten auf Nato-Basen bekommen, ungültig gemacht worden, ohne dass sie dafür Ersatz bekommen hätten. Sie hätten durch die Entlassung jegliche finanziellen Ansprüche verloren, ebenso wie ihre Krankenversicherungen.

Die Soldaten vermuten zudem, dass sie von türkischen Stellen in Belgien beobachtet werden. Bisher ist weder in Belgien noch in Deutschland über Anträge türkischer Staatsbürger mit Diplomatenpässen entschieden worden, die seit dem Putschversuch um Asyl gebeten haben.

Die ehemaligen Offiziere wurden alle in Europa oder den USA ausgebildet. Sie haben in Belgien Asyl beantragt, weil sie davon ausgehen, bei einer Rückkehr in die Türkei kein faires Verfahren zu bekommen. Zurückgekehrte Kollegen seien verhaftet worden. Ihr Verbleib sei teilweise unbekannt.

Pässe der Soldaten wurden von türkischen Behörden ungültig gemacht

Kurz nach dem Putschversuch seien etwa wöchentlich Entlassungslisten aus Ankara nach Belgien geschickt worden, mit denen Soldaten in in die Türkei zurückbeordert wurden. Konkrete Anschuldigungen wurden dabei nicht angeführt.

Die türkische Botschaft und die türkische Vertretung bei der Nato wollten sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Im Dezember 2016 hatte erstmals der amerikanische General und militärischer Oberbefehlshaber der Nato in Europa, Curtis Scaparrotti, die Folgen des Putsches für das Verteidigungsbündnis vor Journalisten kommentiert. Er sagte, dass er bei keinem der entlassenen Offiziere eine Beteiligung am Putsch vermute und er sich um sie Sorgen mache.

Im Dezember belief sich die Zahl der entlassenen türkischen Soldaten laut Scaparrotti auf 150 insgesamt. Scaparrotti sprach von einer Verringerung der Fähigkeiten und einem Verlust von Erfahrungswissen für die Nato, weil die entlassenen türkischen Soldaten mit weniger hochrangigen ersetzt wurden.

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(bp)

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