POLITIK
08/03/2017 18:00 CET | Aktualisiert 08/03/2017 18:03 CET

An alle, die jetzt nicht mehr in den Türkei-Urlaub fahren wollen: Ihr seid Heuchler!

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An alle die jetzt nicht mehr in den Türkei-Urlaub fahren wollen: Ihr seid Heuchler!

Liebe deutsche Urlauber!

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt die Türkei als Euer neues Traumziel. Während die Feriengäste in Spanien und Italien über jährlich steigende Preise und miesen Service klagten, waren die Strände der Südtürkei das absolute Kontrastprogramm dazu. Dort konnte man sich für den Euro etwas leisten. Und die türkische Gastfreundschaft war bald auch im Schwarzwald oder in der Uckermark legendär. Noch im Jahr 2015 hatten 5,6 Millionen Deutsche einen Urlaub in der Türkei verbracht. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Bereits im Jahr 2016 verzeichnete der Deutsche Reiseverband für die Türkei einen Rückgang der Urlauberzahlen um 30 bis 40 Prozent. Anders ausgedrückt: Es kamen zwei Millionen Deutsche weniger als noch im Jahr zuvor. Grund dafür war im Jahr 2016 vor allem der Terror in den Urlauberorten, aber auch der gescheiterte Militärputsch. Was im Großen und Ganzen verständlich ist. Für 2017 scheint der Rückgang der Urlauberzahlen in der Türkei noch einmal an Fahrt gewonnen zu haben. Der Deutsche Reiseverband veröffentlichte Anfang dieser Woche neue Zahlen: Im Vergleich zum ohnehin schon schwachen Jahr 2016 habe die Zahl der Frühbuchungen noch einmal um 58 Prozent abgenommen.

Die Linke ruft zum Boykott auf

Die Tageszeitung „Welt“ glaubt, dass dafür die politischen Spannungen mit der Türkei verantwortlich sind. Frei übersetzt: Im Land eines Möchtegern-Diktators wie Recep Tayyip Erdogan wollen die Deutschen keinen Urlaub machen. Die Linke ruft derzeit sogar offen dazu auf, die Türkei als Urlaubsland zu boykottieren. Die Türkei sei ein wunderschönes Land mit wunderbaren Menschen, sagte Katja Kipping, Vorsitzende der Linken, vor einigen Tagen dem Webportal „tagesschau.de“. Und fügte an: "Aber ohne Erdogan wäre sie noch schöner." Wenn die Bundesregierung, so Kipping wörtlich, „mit dem Diktator kuschelt, dann sollten wir über einen Tourismus-Boykott nachdenken" Wer sich ein wenig in der Geschichte deutscher Reisegelüste auskennt, müsste an dieser Stelle eigentlich stutzig werden. Liebe deutsche Urlauber, meint Ihr das tatsächlich ernst? Wollt Ihr jetzt tatsächlich die Wahl Eures Urlaubsortes zu einer politischen Grundsatzentscheidung erheben? Dann schaut lieber vorher nochmal in Eure Urlaubsalben, bevor Ihr Euch moralisch gebt. Die meisten Deutschen dürften Kindheitserinnerungen an heitere Urlaube in finsteren Diktaturen haben. Denn uns Bundesbürgern war – historisch gesehen – meist die Herkunft des Strand-Bieres wichtiger als die Politik des Mannes, der den Strand beherrscht hat.

Jugoslawien unter Tito? Kein Problem

Spanien unter Franco? Fanden viele Deutsche großartig. Und wenn man an den Stammtischen genau hinhörte, konnte man später auch die Schwärmerei von einem „sicheren Urlaubsland“ hören, in dem die Polizei mit „harter Hand für Ordnung“ sorge. Badeurlaub in Jugoslawien unter Tito? War billig und wunderschön. Wen hat da schon gestört, dass es auf dem Balkan zu jener Zeit weder Meinungs- noch Pressefreiheit gab. Kuba unter Castro? War besonders für viele Linke ein absolutes Sehnsuchtsziel. Ganze Studentengruppen verabredeten sich zu Flügen in die brutalste Diktatur der Karibik. Und Tunesien unter der Diktatur von Zine el-Abidine Ben Ali? Man könnte zynisch sagen: Von Politik hat damals ohnehin kaum ein Deutscher etwas mitbekommen. Deswegen war es ja auch ein Cluburlaub. Nein, liebe Deutsche, so einfach ist das nicht. Und so einfach war es auch nie gewesen.

Boykott schadet vor allem den Kleinunternehmern

Einerseits schadet ein Urlaubsboykott in erster Linie jenen, die davon leben - den Hoteliers, Restaurantbesitzern, den Strandkorbvermietern und Budenbetreibern. Erst wenn deren Existenz zerstört ist, dürfte Erdogan etwas vom Wegbleiben der deutschen Touristen merken. In der Zwischenzeit dürften sich jedoch jene zusehends radikalisieren, die früher noch durch den Tourismus ein Auskommen hatten. Ist es das tatsächlich wert? Andererseits ist Urlaub im besten Fall auch Völkerverständigung. Nicht nur der Reisende lernt etwas über die fremde Kultur, die er besucht. Auch die Bewohner des Reiselandes selbst merken, dass die Besucher aus Deutschland vielleicht doch nicht jene Hassfratzen sind, die regelmäßig in staatlichen Fernsehprogrammen und auf den Titeln der Propagandablätter zu sehen sind. Gut möglich, dass deutsche Urlauber – wenn sie nicht gerade Sangria saufend am Strand versackt sind – ziemlich gute Werbeträger für die Demokratie waren. Umfragen unter Hoteliers ergaben zumindest jahrelang, dass die Deutschen zu den beliebtesten Urlaubern zählten. Vielleicht sollten wir an der Stelle den Spieß umdrehen: Gerade wegen Erdogan ist die Türkei in diesem Jahr eine Reise wert. Selbst wenn die Medien voll von Lügen über Deutschland sind, wir selbst können den Türken zeigen, wie sehr sie derzeit von ihrem Präsidenten und dessen Regierung hinters Licht geführt werden. Das könnte ein echter Dienst für die Demokratie sein.

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(jg)