Das Ende einer politischen Romanze: Wieso Russische Medien eine Hasskampagne gegen Donald Trump starten

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TRUMP PUTIN
Das Ende der "Bromance": Wieso Russische Medien plötzlich eine Hasskampagne gegen Donald Trump starten | Reuters
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  • Russische Medien haben den US-Präsidenten Donald Trump im Wahlkampf frenetisch gefeiert
  • Mittlerweile berichten sie extrem kritisch über Trump
  • Der Wahlsieg des Republikaners hat die Propagandastrategie des Kremls über den Haufen geworfen
  • Jetzt hat die russische Regierung ihre Taktik neu ausgerichtet

Es war wie bei einer großen, stürmischen Liebe: Die kremlgesteuerten russischen Medien, jahrelang auf Krawall mit Washington gebürstet, überschlugen sich im US-Wahlkampf und nach seinem Sieg geradezu an Freundlichkeiten gegenüber Donald Trump.

Fast keimte Hoffnung auf, es könne zu einer Zeitenwende und einem romantischen Neuanfang zwischen Russland und den USA kommen. Und jetzt das: Wie per Knopfdruck ist die Meistbegünstigungsklausel für den Milliardär im Weißen Haus gestrichen. Manche russischen Medien schießen gar wieder gegen das Weiße Haus wie zu Barack Obamas Zeiten. Dahinter könnte eine geschickte Arbeitsteilung liegen.

Anders als die Medien im Westen werden die Fernsehsender und große Teile der Medienlandschaft in Russland zentral vom Kreml gesteuert, "Journalisten“ sehen sich als "Informationsoffiziere“; in so genannten "Chefredakteursrunden“ geben ranghohe Apparatschiks aus dem Präsidialamt wie der bärbeißige Alexej Gromow wöchentlich die grobe Linie vor; die Feinabstimmung erfolgt dann bei Bedarf spontan per Zuruf.

Deshalb sind die Berichte in den gesteuerten Medien ein gutes Mittel, Kurswechsel und Stimmungen im Kreml zu erfassen.

Hass auf Amerika war vor Trump "Lebenselixier"

Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine spannende "Fieberkurve“ bei den russisch-amerikanischen Beziehungen: Eine erste leichte Abkühlung in Moskaus Medien gegenüber Trump war schon direkt nach den Wahlen zu spüren.

Überschlugen sie sich vor dem Urnengang im November noch geradezu in Lob auf den Immobilien-Tycoon, so kommentierten sie wie per Knopfdruck auffallend zurückhaltend, kaum war das Wahlergebnis bekannt.

Viel spricht dafür, dass man im Kreml selbst nicht mit einem Sieg des Mannes rechnete, der über viele seiner Vertrauten eng mit Moskau verbandelt ist und offenbar auch im Wahlkampf massiv unterstützt wurde, etwa mit Hackerattacken auf seine Widersacherin.

Der Kreml wirkte vom eigenen Erfolg überrascht.

Tatsächlich stellte Trumps Durchmarsch die Propaganda-Maschinerie Putins vor ein großes Problem: Das Schüren von Ängsten vor und Hass auf Amerika war bis November geradezu das ideologische Lebenselixier des Systems. Selbst für Grippewellen und Dürreperioden musste der ewige Rivale jenseits des großen Teichs als Übeltäter herhalten.

Geradezu genüsslich pflegten die Moskauer Medien den Hass auf Trump-Opponentin Hillary Clinton – fast schon glaubte man Vorfreude auf künftige Konflikte zu spüren, die, so der Tenor, viel heftiger ausfällen würden als mit Barack Obama, der im Kreml intern gerne als "impotent“ oder "lahme Friedenstaube“ verspottet wurde.

Die Aufmarschpläne für die neuen Propaganda-Schlachten schienen vorgezeichnet, neuer Stoff zum Ablenken der Russen von massiven sozialen und wirtschaftlichen Problemen und der allgegenwärtigen Korruption und Willkür galt als garantiert.

Trumps Ukraine-Aussage war ein Schock

Und dann das: Die US-Wähler demontierten quasi über Nacht das sorgsam gepflegte Feindbild. Offenbar herrschte zunächst Ratlosigkeit.

Doch die Propaganda-Maschinerie berappelte sich rasch: Der Heiligenschein Trumps in den Staatsmedien wurden zwar merklich schmäler und blasser, zuweilen erlaubte man sich auch Sticheleien und kleine Boshaftigkeiten – doch die traditionellen Propaganda-Breitseiten gegen Washington bekamen in erster Linie Trumps innenpolitischen Widersacher ab.

Leitmotiv: Es kann auch ein friedfertiger US-Präsident nicht Frieden schaffen, wenn es die bösen Demokraten im Verband mit der US-Lügenpresse nicht zulassen wollen.

Doch je mehr die Enthüllungen über die Russland-Verbindungen von Trump und seiner Mannschaft die Schlagzeilen in den US-Medien beherrschten, umso leiser wurden die russischen Medien.

Spätestens nachdem Trump Mitte Januar die Rückgabe der Krim an die Ukraine forderte, verschwand der Heiligenschein für ihn wieder in der Requisitenkammer der Staatssender.

Da half es dann auch nichts mehr, dass der US-Präsident kurz nach dem Schock mit seiner Aussage zu der okkupierten Halbinsel in einer Pressekonferenz fast schon gebetsmühlenartig wiederholte, er wolle gute Beziehungen mit Putin.

Der Kreml-Chef muss sich wohl wie im falschen Film vorgekommen sein: Jahrelang trieb er die westlichen Staatsmänner mit seiner Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit vor sich her, machte sich regelmäßig eine Freude daraus, sie zu überraschen und nicht vorhersagbar zu sein.

Und nun das: Trump hatte den Spieß umgedreht; mit zwei völlig widersprüchlichen Aussagen zu Russland binnen weniger Tage war es nun der US-Präsident, der Putins Lieblingsspiel spielte.

"Im Griffe des Hasses"

In Windeseile sortierte Moskau seinen Medien-Kurs gegenüber Washington neu. Die Auslandsmedien fuhren auf einmal Attacken gegen Trump wie zu Obamas und Hillary Clintons Zeiten. "Teilt Trumps Politik Amerika mehr denn je?“, titelte Putins Flaggschiff für die Auslandspropaganda "RT“, früher "Russia Today“, nur wenige Tage nach der für Moskau so unerfreulichen Krim-Äußerung Trumps.

"Der Sessions-Skandal: Die US steuert in eine Verfassungskrise“, schrieb „RT“ Anfang März. Propaganda-Schwester „Sputnik“ steuerte eine Breitseite bei: "Trump's Gefolge will nicht nur, sondern schafft es auch, dafür zu sorgen, dass die antirussische Politik der bisherigen Administration fortgesetzt wird".

"Amerika ist im Griff des Hasses“, mahnte auch Putins Chef-Propagandist Dmitrij Kisseljow im Staatssender Rossija 1 in seiner wöchentlichen News-Show. Kritik an den Zuständen in den USA im Inlandsfernsehen ist nach wie vor derart häufig und penetrant, dass es sich dabei ganz offensichtlich um Ablenkung von Missständen in Russland selbst handelt – nach dem Motto: „In Amerika ist es auch nicht besser“.

Trump hin oder her: Der Verzicht auf gruselige Nachrichten aus und über Amerika hätte für die Propaganda des Systems Putin die gleichen Folgen wie ein Verzicht eines Maurers auf Mörtel.

Der US-Präsident selbst dagegen wird im Inland weder auffällig kritisiert noch gelobt – er hat neben dem Heiligenschein den "Allgegenwärtigkeits-Status“ verloren, wird nicht mehr durch eine rosa Brille betrachtet und spielt schlicht keine zentrale Rolle mehr.

Russland will Distanz vortäuschen

Der Grund für diese Arbeitsteilung zwischen Trump-Kritik in den Auslandsmedien und nüchterner Berichterstattung auf Sparflamme fürs heimische Publikum ist wohl nur vordergründig, dass sich die Hoffnungen Moskaus auf einen Schmusekurs des neuen US-Präsidenten nicht bewahrheiten – zumindest nicht kurzfristig.

Viel schwerer wiegt, dass die Verquickungen Trumps mit Moskau in den Fokus der westlichen Öffentlichkeit geraten sind. Egal wie eng verbandelt oder gar abhängig Trump mit und von Moskau wirklich ist: Dass dieses Thema derart breitgetreten wird, lässt Trump gar keine andere Wahl, als zumindest kurzfristig auf Distanz zu Putin zu gehen – weil alles andere als Beleg für die Anschuldigungen gegen ihn gewertet und den Skandal noch weiter anheizen würde.

Die kritische Linie gegen den US-Präsidenten in Moskaus Auslandsmedien soll ganz offensichtlich Distanz zu ihm suggerieren und den Anschuldigungen gegen ihn Wind aus den Segeln nehmen – während sich der Kreml mit dem nüchternen, abwartenden Kurs in den Inlandsmedien, die im Ausland weniger beachtet werden, alle Optionen offen hält.

Das ist auch klug: Das einzig vorhersehbare an Trump ist, dass er unvorhersehbar ist. Egal wie eng die Beziehungen zwischen ihm und Moskau wirklich sind (und sehr viel spricht für eine enge Verfilzung): Der sprunghafte US-Präsident wird auch für den Kreml-Chef noch für manche Überraschung gut sein.

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(lp)

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