Özdemir fordert türkischen TV-Sender in Deutschland – das wäre ein fataler Fehler

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Cem Oezdemir of the environmental Greens party (Die Gruenen) holds his head in his hands during party meeting in Berlin October 19, 2013. REUTERS/Tobias Schwarz (GERMANY - Tags: POLITICS) | Tobias Schwarz / Reuters
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Grünen-Chef Cem Özdemir hat die Gründung eines öffentlich-rechtlichen türkischen Fernsehsenders in Deutschland gefordert. Der Spitzenkandidat brachte eine "Art deutsch-türkisches Arte“ ins Spiel.

Der Grund: Man müsse der Propaganda des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland etwas entgegensetzen – und die Deutschtürken somit "kulturell integrieren“.

Mit seiner Forderung macht Özdemir gleich zwei fatale Fehler.

Türken lassen sich nicht von deutscher Politik bevormunden

Denn wenn er glaubt, die 1,4 Millionen in der Türkei wahlberechtigten Deutschtürken mit einem politisch korrekten Fernsehsender auf den Pfad der Tugend zu holen, irrt er sich.

Hinter dem Vorstoß verbirgt sich einmal mehr eine Art der grünen Bevormundung, die wohl kaum ein Deutschtürke freiwillig über sich ergehen lassen wird.

Özdemir übersieht dabei die politische Realität und die Komplexität der Thematik. Nicht alle Deutschtürken wählen die AKP. Und jene, die es tun, machen ihr Kreuz nicht bei der Erdogan-Partei, weil sie islamistische Fanatiker sind und jede Art der türkischen Propaganda glauben – oder gar schlecht integriert sind.

Es gibt durchaus vielschichtige Gründe, warum der türkische Präsident auch in der deutschen Community beliebt ist.

Der wirtschaftliche Aufschwung, den das Land unter dem Präsidenten erlebt hat, die deutlich verbesserte Infrastruktur in den Städten, die vermeintliche politische Stabilität, von der die Türken in vergangenen Jahrzehnten nur träumen konnten: All das schreibt sich Erdogan auf die Fahne. Trotz seiner repressiven Politik sind viele Türken dafür dankbar.

Kein Fernsehsender, schon gar nicht ein von der deutschen Politik implementierter, wird daran etwas ändern. Integration hat mit politischer Umschulung wenig zu tun und sie lässt sich schon gar nicht über die Mattscheibe in die Wohnzimmer transportieren.

Ein Sender mit politischer Mission hat keine Glaubwürdigkeit

Damit kommen wir zum zweiten großen Problem des Özdemir-Plans. Denn was viele AKP-Unterstützer in Deutschland ohnehin bereits gemeinsam haben, ist Misstrauen gegenüber deutschen Medien.

Bei Befragungen am Rande von AKP-Veranstaltungen hört man immer: "Die deutschen Medien lügen über Erdogan.“ Sie zeichneten ein viel zu düsteres Bild der Türkei, glauben viele Deutschtürken.

Mit einer staatlichen TV-Mission, die vollkommen offen gegen den türkischen Präsidenten gerichtet ist, diskreditiert Özdemir jede Glaubwürdigkeit der objektiven Presse.

Eine "Gegenöffentlichkeit" gegen bestehende Medien-Lügen: Das ist genau das Konzept, mit dem auch "Russia Today“ in Deutschland startete.

Ein solcher Vorstoß in der ohnehin medial bereits völlig aus dem Ruder gelaufenen Türkei-Debatte ist brandgefährlich – auch für die Reputation der anderen deutschen Medien.

Einschalten würde das "deutsch-türkische Arte“ wohl kaum jemand: Außer, um zu sehen, wie sich der Sender im Kampf gegen den Präsidenten eines fremden Landes abmüht, ohne dabei auch nur die geringste politische Relevanz zu entfalten.

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(bp/sk)

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