Warum in Frankreich, den Niederlanden und Italien so viele junge Menschen EU-kritische Parteien wählen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FRONT NATIONAL YOUNG PEOPLE
French far-right National Front (Front National, FN) party President Marine Le Pen, poses in a selfie photographs with young people as she arrives at the 28th International Livestock Trade Fair (SPACE, Salon international des Productions Animales) outside Rennes, northwestern France, on September 17, 2015. AFP PHOTO / JEAN FRANCOIS MONIER (Photo credit should read JEAN-FRANCOIS MONIER/AFP/Getty Images) | JEAN-FRANCOIS MONIER via Getty Images
Drucken
  • 2017 stehen in Frankreich, den Niederlanden und Italien wichtige Wahlen an
  • Geht es nach den jungen Generationen in den Ländern, gewinnen die EU-kritischen Populisten
  • Woher stammt die Wut der jungen Leute auf die Politik und Europa?

Europa steht ein Superwahljahr bevor – und an dessen Abschluss könnte es keine EU mehr geben, wie wir sie kennen.

Das Szenario ist alles andere als Theorie: Denn in den Niederlanden, Frankreich und Italien - wo im Herbst vorgezogene Wahlen stattfinden könnten - landen europafeindliche Politiker wie Geert Wilders, Marine Le Pen und Beppe Grillo auf den ersten Plätzen.

Ihr Motto für den Fall, dass sie an die Regierung kommen: Schlagbäume runter, raus aus dem Euro.

Wer sich die Umfragen in den drei Ländern genauer ansieht, beobachtet zudem einen erstaunlichen Trend: Rechtspopulisten wie Wilders und Le Pen und eher linke Anti-Europäer wie Grillo in Italien sind vor allem bei den jungen Menschen erstaunlich erfolgreich.

Eine Ausnahme in diesem Superwahljahr ist Deutschland. Laut einer aktuellen Umfrage würden die meisten Wähler (nämlich 38 Prozent) zwischen 18 und 25 Jahren ihr Kreuz beim SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz machen. Die AfD kommt in dieser Altersgruppe nur auf sechs Prozent.

Aber warum entscheiden sich die jungen Menschen in Frankreich, den Niederlanden und Italien so anders als ihre Altersgenossen in Deutschland?

Das sind die Antworten:

Frankreich: Wirtschaftlicher Niedergang

Wenn es eine rechtspopulistische Partei gibt, die bei jungen Menschen erfolgreich ist, dann ist es der Front National in Frankreich.

Laut einer aktuellen Umfrage, deren Ergebnisse die Zeitung die “Welt” zitiert, wollen 34 Prozent der Wähler zwischen 18 und 25 Jahren bei der kommenden Präsidentschaftswahl für Le Pen stimmen. Vor fünf Jahren waren es noch 25 Prozent.

Zum Vergleich: Der Shootingstar der französischen Politik - der frühere Sozialdemokrat Emmanuel Macron - kommt nur auf 18 Prozent Zustimmung unter den jungen Wählern.

Wie kommt es, dass so viele junge Menschen für das rückwärtsgerichtete Programm des Front National (FN) stimmen wollen?

Soziologen und andere Experten in Frankreich geben vor allem eine Antwort: Die schwierige wirtschaftliche Lage und die Generationenungerechtigkeit.

Rund ein Viertel der Franzosen unter 24 sind in Frankreich arbeitslos - ein weiterer großer Teil schlägt sich mit befristeten Jobs durch. Für sie ist Le Pen mit ihren Forderungen attraktiv, die französische Wirtschaft gegen ausländische Konkurrenz abzuschotten.

Rund ein Drittel der jungen Menschen in Frankreich sind überzeugt, dass Le Pen als Präsidentin Jobs schaffen wird. Im Bereich der Wirtschaft trauen sie ihr sogar mehr Veränderungen zu als beim Thema Sicherheit und Einwanderung, wie das Umfrageinstitut Opinionway herausfand.

Wie es auch gehen könnte haben die jungen Franzosen direkt vor Augen: Ihre Eltern und Großeltern haben zum Großteil sichere Jobs, viele davon im Staatsdienst.

Und ein weiterer Trend unterstützt den Erfolg des Front National bei den jungen Franzosen. Wer heute rebellieren will, ist rechts. Wer heute links ist, gehört zum Establishment.

In Frankreich haben die Identitären ihren Ursprung, eine radikale rechte Jugendbewegung, die mittlerweile in ganz Europa erfolgreich ist.

Die Identitären geben sich hip und kopieren Kampagnen von Greenpeace. Wie der deutsche Soziologe Armin Nassehi sagt: “Heute sind es die Rechten, die die Gesellschaft umkrempeln wollen, also ein ‘linkes’ Projekt vorantreiben.”

Der Front National profitiert von dieser Entwicklung. Er hat genug bekannte, junge Gesichter, um andere junge Menschen anzulocken. Da ist einmal die Nichte von Le Pen: Marion Maréchal-Le Pen, ist mit 26 Jahren Frankreichs jüngste Parlamentsabgeordnete. Und da ist auch noch David Rachline, der Kampagnenchef von Le Pen. Er ist 28 - und homosexuell.

Die beiden rechten Jungstars haben so gar nichts von den knurrigen weißen alten Männern, die man mit Rechtspopulisten für gewöhnlich verbindet.

Niederlande: Suche nach Identität

Auch in den Niederlanden, wo am 15. März gewählt wird, stehen die Konservativen und Rechten bei den jungen Menschen hoch im Kurs - höher noch als bei der letzten Wahl vor fünf Jahren:

Der Rechtspopulist Geert Wilders kam bei einer Umfrage im Dezember mit seiner Ein-Mann-Partei PVV bei den jungen Wählern auf 10 Prozent der Stimmen - ebenso die konservative Regierungspartei unter Regierungschef Mark Rutte, die VVD. Die sozialdemokratische PvdA, die der Regierungskoalition angehört, bekommt nur 4 Prozent - und schneidet damit 12 Punkte schlechter ab als bei der letzten Wahl.

Die PVV von Wilders stieg im gleichen Zeitraum bei jungen Wählern von Platz vier auf Platz eins auf. Das geht aus Daten des Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) hervor, das die “Welt” zitiert.

Doch warum geben in den vergleichsweise wohlhabenden Niederlanden, wo die Jugendarbeitslosigkeit nur bei 11 Prozent liegt und die Wirtschaft floriert, so viele junge Menschen Wilders ihre Stimme?

Eine Antwort darauf hat Friso Wielenga. Der Direktor des Instituts für Niederlande-Studien der Universität Münster sieht den Aufstieg von Wilders in der Rangliste der beliebtesten Parteien einerseits als Folge der Schwäche der anderen Parteien.

Die regierende VVD kämpfe mit einem Glaubwürdigkeitsproblem, nachdem zwei ihrer Justizminister zurücktreten mussten. “Die sozialdemokratische PvdA wiederum hat ein ähnliches Problem wie in Deutschland die SPD mit ihrer Agenda 2010: Sie hat Regierungsverantwortung mitgetragen und in diesem Zug auch Kürzungen im Sozialbereich zu verantworten. Das gefällt einer bestimmten Klientel gar nicht.”

“Auf der anderen Seite”, sagt Wielenga der Huffington Post, “trifft Geert Wilders wie kein anderer einen Nerv bei den Jugendlichen.”

Wilders twittert viel, damit erreiche er die jungen Menschen. Außerdem bestehe seine Partei nur aus einer Person, ihm selbst, das komme den Jugendlichen entgegen, die sich in der Mehrheit ohnehin nicht mehr in einer Partei engagieren wollen.

Aber es gibt noch etwas, das die Niederlande besonders macht, und das noch schwerer wiegt als die genannten Punkte: “Die jüngeren Menschen suchen stärker als die Älteren nach einer Identität”, sagt Wielenga. “Die Niederlande sind ein kleines Land in Europa. Die jungen Leute wollen da auch ihren Platz behaupten. Genau das verspricht Wilders.”

Italien: Grassierende Jugendarbeitslosigkeit

Auch in Italien, wie in Frankreich, spielt die Jugendarbeitslosigkeit beim Aufstieg der rechtspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe Grillo eine zentrale Rolle. In Italien sind laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat erschreckende 38 Prozent der Jugendlichen arbeitslos.

Zusammen mit den rechten und ebenso europa-kritischen Parteien der Lega Nord und der Fratelli d'Italia vereinen die rechten Parteien laut jüngsten Umfragen fast 40 Prozent der Stimmen in Italien auf sich.

Eine Umfrage des Centro Italiano di Studi elettorali (CISE) aus dem Jahr 2015 fand heraus, dass 33 Prozent der Wähler der Fünf-Sterne-Bewegung unter 29 Jahre alt sind. Bei den über 65-Jährigen erhielt die Partei nur 14 Prozent der Stimmen.

In Italien sehen viele Wähler die EU und den von Deutschland geforderten Sparkurs in den Ländern der Eurozone als Grund für die eigene schwierige wirtschaftliche Situation. Dass die Fünf-Sterne-Bewegung einen sofortigen Austritt aus der EU fordert, macht sie attraktiv.

Das bestätigt auch der Politologe Tomi Huhtanen vom konservativ-liberalen Think-Tank Wilfried Martens Centre for European Studies in Brüssel: “Viele junge Menschen geben ihre Stimme den Populisten, weil sie gegen die politischen Eliten demonstrieren wollen, die nichts gegen die Jugendarbeitslosigkeit tun.”

Die Folgen sind gravierend: In Europa sei nicht nur die radikale Rechte auf dem Vormarsch, sagt Huhtanen, sondern “Misstrauen, Desillusionierung und eine Ablehnung des politischen Prozesses als Ganzes.”

Am Ende stellt sich die Frage: Wie kann Europa seine verlorene Generation zurückgewinnen?

“It’s the economy, stupid”, schrieb der italienische Journalist Beppe Severgnini kürzlich in der US-Zeitung “New York Times”.

Es sei kein Wunder, dass so viele junge Italiener für radikale Parteien stimmten, wenn ihr Durchschnittslohn bei rund 1200 Euro im Monat liege und ihnen nicht genug Geld bleibe, um eine Zukunft aufzubauen.

Die Lösung ist laut Severgnini also vergleichsweise einfach: Schaffen Länder wie Frankreich und Italien den ökonomischen Turnaround, können die etablierten Parteien die jungen Menschen zurückgewinnen - und auch für Europa begeistern.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(jg)