Bei "Hart aber fair" verblüffte ausgerechnet Wallraff mit Mitgefühl für Anton Schlecker

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HART ABER FAIR
Wallraff brachte überraschend leise Töne in die Runde. | Hart aber fair
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  • Bei "Hart aber fair" diskutierten die Gäste über die Verantwortung von Unternehmern
  • Sie kritisierten Pleiten-Unternehmer Anton Schlecker heftig
  • Investigativ-Journalist Wallraff überraschte mit Mitgefühl für den Firmen-Alleinherrscher

Es ist einer der größten Wirtschaftsskandale Deutschlands gewesen: 2012 ging die Drogeriemarktkette Schlecker pleite. 25.000 Mitarbeiter standen vor dem Nichts. Der Buhmann war schnell gefunden: Firmengründer Anton Schlecker. Nun steht er in Stuttgart wegen Steuerhinterziehung vor Gericht.

Auch bei "Hart aber fair" fanden die Gäste zuerst wenig Gutes an Schlecker. Doch zur Überraschung aller gab es auch eine Portion Mitgefühl für den gescheiterten Unternehmer.

Leni Breymaier, SPD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, lernte als Gewerkschafterin viele der Schlecker-Mitarbeiterinnen kennen. Sie ließ in der Sendung kein gutes Haar an Schlecker. "Er war einfach ein Geizhals."

Breymaier erklärte: Bei Schlecker angestellte Frauen erhielten oft einen für die Branche sehr niedrigen Lohn. Um zu sparen, ließ er die Telefone in den Filialen abmontieren und schaffte gebrauchte Kassen gebraucht an. Wer sich nicht wehrte, wurde einfach betrogen um sein Geld, lautete ihr vernichtendes Urteil.

"Ein Alleinherrscher, ein Autokrat.“

Auch Günther Wallraff fand zuerst nur markige Wörter, um Schlecker zu beschreiben: "Schlecker war beratungsresistent. Ein Alleinherrscher, ein Autokrat." Doch wenig später verblüffte der harte Enthüllungsjournalist alle.

Er schlug leise, fast feinfühlige Tön an: "Schlecker war wahrscheinlich auch ein einsamer Mensch. Da gab es bei der Firma Mitarbeiter, die ihren Chef über 25 Jahre nie zu Gesicht bekommen haben.“

Bei Wallraff klang Mitleid mit dem heute von allen Seiten bedrängten Ex-Unternehmer durch. Während der Sendung plädierte er dafür, Schlecker wieder zu resozialisieren, ihn mit Betroffenen an einen runden Tisch zu bringen.

Doch wer glaubt, Wallraff sei im Alter mild geworden und wolle nun bedrängte Top-Unternehmer hätscheln und ins Leben zurückführen, täuscht sich. Denn nach Wallraff hätten vor allem die 25.000 damaligen Schlecker-Mitarbeiter die Zeche für die Einsamkeit und Isolation ihres Chefs bezahlen müssen. "Es hätte mehr Mitsprache von unten gebraucht."

Klar schob Wallraff gleich ein politisches Statement nach und zeigte an was für eine Art Mitsprache er denkt: "Ich bin sicher, hätte er einen starken Betriebsrat zur Seite gehabt, wäre es besser gekommen." Darauf SPD-Frau Leni Breymaier: "Ich bin da ganz bei Herrn Wallraff: Wäre ein mitbestimmender Aufsichtsrat Pflicht gewesen, hätte er das Elend frühzeitig erkennen können."

"Bis der Zug abgefahren ist“

Das wollte der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl natürlich nicht so stehen lassen. Er trat den Gegenbeweis an: "Viele Firmen, etwa Karstadt und Opel, haben Mitbestimmung. Und trotzdem schreiben sie seit Jahren Milliardenverluste. Mitbestimmung ist kein Schutzschild!"

Auch er zeigte so etwas wie Verständnis oder gar Mitgefühl mit Anton Schlecker: "Schlecker hat in den 70er-Jahren Läden im Tante-Emma-Stil aufgebaut, war damit sehr erfolgreich. Aber er hat an diesem Konzept festgehalten, als sich eigentlich abzeichnete, dass es nicht mehr funktioniert. Viele erfolgreiche Unternehmer haben das Problem, dass sie nicht die Zeichen der Zeit erkennen. Bis der Zug abgefahren ist."

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(ks)