Das mysteriöse Sterben der russischen Diplomaten

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ANDREI KARLOV
Das mysteriöse Sterben der russischen Diplomaten - Putin vor dem Sarg Andrej Karlows | Sputnik Photo Agency / Reuters
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  • Unter russischen Diplomaten und Funktionären häufen sich mysteriöse Todesfälle
  • Was offiziell als Todesursache angegeben wird, weckt in vielen Fällen Argwohn
  • Der russische Geheimdienst ist berüchtigt für seine Gift-Küchen und Gift-Morde

Der Einsatz fürs Vaterland galt bisher für russische Kosmonauten, Kampfflieger, Marinetaucher und Sprengmeister als besonders lebensgefährlich.

Diplomatenposten dagegen waren eher etwas für sicherheitsbewusste Russen, die den Dienst für die Heimat nicht unbedingt mit erhöhter Adrenalin-Ausschüttung kombinieren und nicht auf die karge, aber stabile Pension verzichten wollten.

Das ändert sich gerade: Innerhalb von nur zweieinhalb Monaten sind sechs aktive russische Diplomaten in besten Jahren gestorben.

Wilder als zu Sowjetzeiten

So etwas gab es laut russischen Medien nicht einmal zu wildesten Sowjetzeiten. So löst die Todeswelle denn auch viele Spekulationen aus – zumal ihr ein plötzliches Generalssterben und andere mysteriöse Todesfälle vorausgegangen waren.

Witalij Tschurkin: Karrierediplomat, Pokerface, "Mister No"

vitaly churkin
Foto: Reuters

Die meisten Schlagzeilen löste der Tod von Moskaus Vorzeigediplomat Witalij Tschurkin aus. Der UN-Botschafter galt als lauter Vorkämpfer in Präsident Wladimir Putins Propaganda-Krieg. Er war sich einerseits für keine gewagte These zu schade, andererseits verstand er es, sich Freunde zu machen.

Der Karrierediplomat mit dem Pokerface und dem Spitznamen "Mister No" starb einen Tag vor seinem 65. Geburtstag am 20. Februar.

Am Morgen soll er noch mit Putin telefoniert haben. Gegen 9.30 Uhr fühlte er sich dann plötzlich unwohl an seinem Arbeitsplatz in New York. Ohne Bewusstsein wurde er ins Krankenhaus gebracht – wo er kurz darauf starb.

Ein Herzanfall, der Argwohn weckt

Laut einer ersten vorläufigen Mitteilung erlag der Botschafter einem Herzanfall. Diese Diagnose löst per se Misstrauen aus: Bei Eingeweihten gilt sie als die klassische Todesursache, wenn nicht nachweisbare Substanzen aus dem berüchtigten Gift-Labor des Geheimdienstes KGB – inzwischen umbenannt in FSB – zum Einsatz kommen.

Zu allem Überfluss meldeten auch noch amerikanische Medien unter Berufung auf "gut informierte Kreise“, dass die Todesursache unklar und eine wochenlange Untersuchung von Nöten sei. Sogar von einem Verdacht auf Gift war die Rede. Das russische Außenministerium reagierte auffällig gereizt auf diese Berichte.

Das mysteriöse Sterben der Diplomaten ab dem Tag der US-Wahl

All diese vermeintlichen Merkwürdigkeiten würden selbst für hartgesottene Verschwörungs-Theoretiker wenig hergeben, wären nicht so viele Kollegen Tschurkins kurz zuvor ebenfalls ums Leben gekommen:

Das Diplomanten-Sterben begann am 8. November 2016 – am Tag der US-Wahlen.

Sergej Kriwow: Der "Kommandant" in New York

Am Morgen lag Sergej Kriwow (63) bewusstlos auf dem Fußboden des russischen Generalkonsulats in New Yorks – dessen "Kommandant“ er war. Er erlag noch an Ort und Stelle einer Kopfverletzung, bevor der Rettungsdienst eintraf.

Zunächst hieß es, er sei vom Dach gestürzt, später kam offiziell aus Moskau die Mitteilung, er sei einem Herzinfarkt erlegen.

Um Kriwow und sein Ende ranken sich Legenden. Unter anderem schreibt die US-Medienseite "BuzzFeed“, dass laut Obduktionsbericht auch drei Monate nach dem Tod dessen Ursache noch nicht endgültig klar sein. Kriwow soll als Kommandant Zugang zu allen Geheimräumen des russischen Generalkonsulats gehabt haben, die von den russischen Diensten in der Metropole am Hudson genutzt werden.

Andrej Karlow: in der Türkei erschossen

andrei karlov
Foto: Reuters

Am 19. Dezember 2016 wurde der russische Botschafter in Ankara, Andrej Karlow (62), von einem türkischen Sicherheitsbeamten erschossen, der zuvor auch Präsident Erdogan bewacht haben soll. Der Täter schrie, er wolle sich für Russlands Krieg in Syrien rächen.

Am 6. März 2017 wurde in der Türkei eine 33-jährige Russin festgenommen, die in Kontakt mit dem noch am Tatort erschossenen Attentäter gestanden haben soll.

Peter Polschikow: erschossen in der eigenen Wohnung gefunden

Am gleichen Tag erschossen Unbekannte in Moskau den Diplomaten Peter Polschikow (56) in seiner eigenen Wohnung. Was und wer hinter der Tat stand, ist bis heute unbekannt.

Polschikow war ein höherer Beamter Südamerika-Abteilung des MID, wie das russische Außenministerium abgekürzt genannt wird.

Medienberichte auf Sparflamme

Am 9. Januar 2017 wurde Andrej Malanin (55), russischer Konsul in Athen, von einem Mitarbeiter der Botschaft tot im Badezimmer in seiner eigenen Wohnung gefunden. Den örtlichen Behörden zufolge gibt es keinen Hinweis auf eine Gewalteinwirkung oder einen Einbruch.

Nach einer "kurzen Krankheit“ starb am 27. Januar Alexander Kadakin, Putins Botschafter in Neu-Delhi. Der 67-Jährige soll sich bereits seit Wochen "unwohl“ gefühlt haben.

Als ob das nicht genug wäre, beschränkt sich das rätselhafte, vorzeitige Dahinscheiden keinesfalls nur auf russische Diplomaten. Eine ganze Reihe anderer mysteriöser Todesfälle hätte in der jüngsten Vergangenheit wohl in Russland für Schlagzeilen gesorgt, hätten die stramm staatlich kontrollierten Medien nicht auf Sparflamme darüber berichtet – wenn überhaupt.

Oleg Jerowinkin: FSB-General mit spannenden Kontakten

Besonders viele Fragen wirft der Tod von Oleg Jerowinkin (61) auf. Der General des KGB-Nachfolgers FSB starb am 26. Dezember 2016 auf dem Rücksitz seines Lexus mitten in Moskau. Die Ärzte, die sein Fahrer gerufen hatte, konnten nur noch seinen Tod feststellen. Zunächst war die Rede von Mordverdacht, später von einem Herzinfarkt.

Jerowinkin war der wichtigste Mitarbeiter von einem der engsten Putin-Vertrauten: Igor Setschin, heute Leiter des Ölkonzerns Rosneft, Insidern bekannt als "Putins siamesischer Zwilling.“

Medienberichten zufolge arbeitete Jerowinkin auch mit dem früheren britischen Agenten Christopher Steele zusammen, dem Verfasser des weltweit für Schlagzeilen sorgenden Dossiers, in dem unter anderem davon die Rede ist, Moskau habe kompromittierendes Material über US-Präsident Donald Trump, und Setschin habe dabei seine Hand im Spiel gehabt. Ob Jerowinkin wirklich Steeles Quelle war, wird nun nicht mehr zu klären sein.

Oleg Jerowinkin: FSB-General mit spannenden Kontakten

Für zahlreiche Spekulationen sorgte auch der Tod von Michail Lessin (57), der lange Zeit einer der wichtigsten Männer im System Putin war. Der Multimillionär wurde in einem Hotelzimmer in der US-Hauptstadt aufgefunden. Laut russischen Medien starb er an einer "Herzattacke“. US-Ermittler berichteten später von einer "stumpfen Gewalteinwirkung“ als Todesursache.

Lessin spielte insbesondere bei der Gleichschaltung der Medien eine Schlüsselrolle und verfügte über brisantes Insider-Wissen. Unter anderem war der frühere Informationsminister und Vorstandsvorsitzende von "Gasprom-Media“ maßgeblich an der Gründung des Propaganda-Senders Russia Today (heute RT) beteiligt.

Ein US-Senator warf ihm Geldwäsche und Korruption vor.

Die toten Kämpfer von der Krim

Umwoben von Gerüchten ist auch der Tod von Alexander Schuschukin, der am 27. Dezember 2015 aus dem Leben schied, im Alter von 51 Jahren. Der Generalmajor kommandierte die russischen Truppen bei der Besetzung der Krim im Februar 2014. Viele Geheimnisse dieser Aktion hat er wohl mit sich ins Grab genommen.

Wenige Tage nach Schuschkin wurde der Tod eines der am besten informierten Männer Russlands verkündet, des Chefs des Militärgeheimdiensts GRU, Igor Sergun (58). Zu den Todesursachen wurde nichts mitgeteilt, von Präsident Putin gab es eine lakonische Beileidsmeldung auf der Kreml-Homepage.

Auch Sergun hatte eine Schlüsselposition auf der Krim und in der Ostukraine inne.

Der Militärgeheimdienst GRU ist ein wichtiges Machtinstrument, hat eigene Sondereinsatzkommandos, und ist auch im Ausland sehr aktiv; unter anderem soll er laut Insidern eine wichtige Rolle bei Infiltrations-Versuchen in Deutschland spielen.

Todesfälle in der Anti-Doping-Behörde

Mysteriöse Todesfälle gab es auch im Umfeld des Doping-Skandals. Anfang 2016 verstarben binnen zweier Wochen zwei Verantwortliche der russischen Anti-Doping-Behörde Rusada – just zu dem Zeitpunkt, als international Doping-Vorwürfe gegen die russischen Behörden laut wurden und Moskau ein Ausschluss von den olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro drohte.

Der frühere Rusada-Geschäftsführer Nikita Kamajew erlag am 14. Februar 2016 im Alter von nur 52 Jahren einem Herzversagen – keine zwei Monate nach seinem Rücktritt. Der als kerngesund geltende Sportler klagte bei einer Langlauftour vor den Toren Moskaus plötzlich über Herzbeschwerden, brach zusammen und starb.

Dem britischen Enthüllungsjournalisten David Walsh hatte Kamajew zuvor geschrieben: "Ich will ein Buch über die wahre Geschichte der Pharmakologie des Sports und Dopings in Russland seit 1987 schreiben ... Ich habe Informationen, die noch nie veröffentlicht wurden." Kamajew kam nicht mehr dazu, sie vorzulegen.

Elf Tage vor Kamajew war sein Vorgänger Wjatscheslaw Sinew im Alter von 50 Jahren gestorben. Er hatte die Antidopingorganisation von ihrer Gründung 2008 bis 2010 geleitet. Über die Umstände seines Todes ist nichts bekannt.

Der frühere Doping-Laborchef Grigori Rodschenkow (57) flüchtete in die USA – aus Angst um sein Leben.

Churchills Bulldoggen-Vergleich

Obwohl die durchschnittliche Lebenserwartung von russischen Männern mit nur 65,9 Jahren (2005: 58,9 Jahre) für Europa vergleichsweise niedrig liegt, dürfen Politiker, Geheimdienstler und Diplomaten dank besserer medizinischer Versorgung in den meisten Fällen auf ein längeres Leben als der Durchschnittsrusse hoffen. Umso ungewöhnlicher ist die Häufung von Todesfällen in diesem Milieu.

Winston Churchill hat die Machtkämpfe in Moskau einst verglichen mit Bulldoggen, die unter einem Teppich miteinander kämpfen: "Außenstehende hören nur das Knurren. Wenn die Knochen heraus fliegen, ist klar, wer gewonnen hat." Alles, was wir wissen, ist, dass in jüngster Zeit das Knurren recht laut ist und viel Blut unter dem Teppich hervor fließt.

Die Giftlabore der russischen Regierung

Die Häufung von Todesfällen gibt auch Anlass, an die Berichte über die legendären Giftlabore des Geheimdiensts KGB bzw. seiner Nachfolger SWR und FSB zu erinnern. Dort wurden nach Angaben von Insidern über die Jahrzehnte Giftstoffe entwickelt, die sich sehr einfach anwenden lassen – etwa über Sprays – und so gut wie nicht nachweisbar sind.

Ausführlich berichtet darüber der frühere russische Geheimdienst-Offiziers Boris Volodarsky in seinem Buch "The KGB's Poison Factory“. Das Liquidieren von Feinden durch Gift sei immer noch "business as usual“ heute in Moskau, so Volodarskys These.

Seinen Angaben zufolge sind etwa die Ermordung des bulgarischen Dissidenten Georgij Markow 1978 in London und die Dioxin-Vergiftung des späteren ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko Werke der Moskauer Giftküchen.

Britischer Richter benannte Mörder klar

Zuweilen wird aber auch ganz offensichtlich experimentiert: Der Putin-Kritiker und FSB-Überläufer Alexander Litwinenko – der selbst öffentlich über ein solches Giftlabor berichtet hatte - wurde 2006 im Zentrum Londons mit hoch radioaktivem Polonium vergiftet.

Ein britischer Richter kam zu dem Schluss, dass die russische Staatsspitze hinter dem Mord steckte – anders ist auch kaum zu erklären, wie der Täter, der heute im russischen Parlament sitzt und Straffreiheit genießt, an das höchst seltene Polonium geraten sein könnte. Nach Ansicht des Gift-Experten Volodarsky wurde Polonium schon früher erfolgreich gegen "Systemfeinde“ angewandt – aber nie als Todesursache erkannt.

3000 Menschen waren 2006 in London von dem Anschlag durch das hochradioaktive Gift direkt oder indirekt in Mitleidenschaft gezogen, wie die Litwinenko-Witwe Marina Litwinenko berichtet. Sie mussten untersucht werden, viele von ihnen haben Angst vor Langzeitfolgen. Unter anderem führte der Weg des Poloniums auch über Hamburg.

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Foto: Reuters

Erst in letzter Sekunde kamen die britischen Ärzte dem Gift auf die Spur – sonst wäre Litwinenkos Ende wohl als ungelöster Todesfall in die Annalen eingegangen.

Klare Botschaft: Gegner sind nirgendwo sicher

Moskau wollte man dem Überläufer offenbar einen besonders grausamen Tod bereiten, glaubt seine Witwe: „Es ging sicher auch um die Signalwirkung an andere potentielle Überläufer – dass sie nirgends vor Moskau sicher sind, nicht mal im Herzen Londons.“

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(sk)

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