Geert Wilders: Der abgestürzte Holländer

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GEERT WILDERS
Geert Wilders | Michael Kooren / Reuters
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  • Geert Wilders, lange unangefochtener Spitzenreiter in den niederländischen Umfragen, droht plötzlich die Wahlniederlage
  • Der Rechtspopulist hat sich nun zurückgezogen, tritt nur noch mit Bodyguards öffentlich auf
  • Selbst wenn Wilders die Wahl noch gewinnen sollte - Premier der Niederlande wird er niemals werden

Der fliegende Holländer scheint abgestürzt.

Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders ist mit seiner Partei für die Freiheit (PVV) in Umfragen um ein Viertel abgesackt, von gut 20 Prozent im Januar auf unter 15 Prozent am Wochenende, vom Spitzenplatz auf den zweiten.

Kein Koalitionspartner in Sicht

Wilders hat damit kaum noch Chancen, nach der Wahl am 15. März ein wichtiges Amt in den Niederlanden zu erringen - zumindest, wenn die Zusammenfassung der sechs wichtigsten Umfragen durch die Universität Leiden die Stimmung im Land tatsächlich wiedergibt. Zudem haben sich zwei Drittel der Niederländer noch nicht entschieden, wem sie ihre Stimme geben wollen.

Schon als Spitzenkandidat der stärksten Partei hätte er keine Chance, Regierungschef zu werden, weil er einen sehr großen oder mehrere kleinere Koalitionspartner bräuchte. Und die wird er nicht bekommen.

Regierungschef Mark Rutte (Liberalkonservative VVD), der mit seiner Partei derzeit in den Umfragen vorne liegt, twitterte kürzlich, Wilders Chance auf eine Zusammenarbeit betrage null Prozent. "Es. Wird. Nicht. Passieren."

Abgetaucht für viele Tage

Und abgetaucht ist er über viele Tage auch noch, der zierliche 53-Jährige mit der auffallend blonden Tolle, dem bartlosen Gesicht und der eigentlich ganz angenehmen Stimme.

An der ersten großen TV-Debatte am Sonntagabend nahm er nicht teil. Er wollte nicht. Wie schon bei mehreren Debatten und Interviews zuvor. Erst zwei Tage vor dem Wahltermin will er mit seinen politischen Gegnern öffentlich diskutieren.

Auch sonst macht sich Wilders rar. Seine Angst vor einem Attentat ist so groß, dass er mit seiner ungarischen Frau seit zwölf Jahren an einem geheimen Ort lebt. Und wohl auch viel, viel Zeit in seinem sicheren Parlamentsbüro verbringt, "das ganz offensichtlich viel bewohnt ist", wie eine Reporterin des "Spiegel" es kürzlich formulierte.

Wenn er irgendwo öffentlich auftaucht, dann immer ohne große Vorankündigung - aber immer mit Bodyguards. Die Presse, die ist meist aber schon informiert.

"Das Phantom"

Wilder's Bruder Paul sagte kürzlich dem "Spiegel", die Personenschützer seien sogar bei Familienfesten dabei. "Geerts Welt ist sehr klein geworden: das Parlament, öffentliche Veranstaltungen und die Wohnung - er kann kaum woanders hingehen. Er ist sozial isoliert, entfremdet sich vom normalen Alltagsleben. Das tut keinem Menschen gut." Eine Reporterin des Magazins beschrieb ihn gar als "Phantom".

Mit anderen Worten: Wilders führt, zwangsweise, ein ziemlich abgehobenes Leben.

Abgekoppelt vom pulsierenden Leben der Niederlande sind auch viele von Wilders' Wählern: Untersuchungen haben gezeigt, dass sie pessimistisch in die Zukunft sehen, Angst haben, dass sich etwas verändert. Es sind Menschen, die auf dem Land wohnen, wo es die jungen Menschen nicht hält, oder in den Industriegebieten, wo kein Wachstum in Sicht ist.

Lieber Chef von keinem als gar kein Chef

Wilders will kein Verlierer sein. Und zur Not sichert er sich so ab, dass er es nicht wird. Seine Partei hat nur ein Mitglied: ihn selbst. Die anderen mögen Freiwillige, Sponsoren und auch Mitglieder der PVV-Parlamentsfraktion sein. Parteimitglieder sind sie nicht. Keiner da, der ihn wirkungsvoll auf den Teppich holen könnte.

So schlittert er mitunter in schwierige Situationen. Wegen des Versprechens, er werde für weniger Marokkaner im Land sorgen, wurde er jüngst vor Gericht verurteilt. Es ist nicht sein erster Prozess gewesen.

Auch sein Lob für US-Präsident Donald Trump nahmen ihm dann doch viele Sympathisanten übel. Wilders versucht, sich zumindest in soweit abzugrenzen, als er etwa im Interview mit dem Sender CBN sagt, er sei nicht der niederländische Trump. "Ich bin nicht die Kopie von irgendwem."

Gegen den Islam, gegen die EU

Sich selbst kopiert Wilders allerdings häufig. Viele neue Ideen kommen nicht aus der Ein-Mann-Partei. Er will den Austritt aus der EU und der Währungsunion.

Wilders fordert einen Einwanderungsstopp aus muslimischen Ländern, für Flüchtlinge sowieso. Er will den Koran verbieten, Moscheen schließen, Kriminellen mit doppelter Staatsbürgerschaft die niederländische entziehen.

Dass viele von seinen erdachten Gesetzesänderungen Mehrheiten im Parlament erforderlich machen würden, für die Wilders nicht den Hauch einer Chance hat, ficht ihn nicht an. Sein fremdenfeindlicher Nationalismus kommt halt gut an.

Ebenso wie die Versprechen, die er den Abgehängten im Land macht: Er ist für eine Senkung der Sozialmieten und die Abschaffung des Patientenbeitrages an den Gesundheitskosten. Das Rentenalter müsse auf 65 Jahre gesenkt werden und die Sparmaßnahmen bei der Altenpflege müssten rückgängig gemacht werden.

Wilders weiß offensichtlich ziemlich oft ziemlich genau, was die Leute hören wollen. Und er sagt es ihnen. Gerne via Twitter.

Geert Wilders' Bruder über die Machtversessenheit

Wilders' Bruder Paul erzählte dem "Spiegel", Ende der 80er habe sein Bruder nicht gewusst, in welche Partei er eintreten wollte, er sei weder rechts noch links gewesen. Aber ihm habe das Spiel mit der Macht gefallen.

Den Ausschlag Richtung rechts mag gegeben haben, dass Wilders eine Zeit in Israel lebte, dort die Spannungen mit den Palästinensern erlebte, später in Utrecht den Zuzug von Türken und Marokkanern erlebte und sich schließlich auf einer Reise als Parlamentarier in den Iran so bedroht fühlte, dass er Hals über Kopf abreiste. So erzähl es Paul Wilders sagt.

Dazu kamen die Morde an Islamkritikern in den Niederlanden. Wilders habe da gespürt, dass seine politische Chance auf diesem Gebiet lag. Und so wurde er mit seiner Ein-Mann-Partei ein politischer Überflieger.

Doch auch wenn er jetzt in Turbulenzen gerät, kann man davon ausgehen, dass er sein politisches Fluggerät wieder in den Griff bekommen wird. Wie immer bisher. Dann war es vielleicht kein Absturz. Sondern nur eine Zwischenlandung auf dem Weg zum Gipfel der Macht.

Mit Material von dpa

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(jg)

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