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06/03/2017 19:56 CET | Aktualisiert 06/03/2017 21:50 CET

Eine Studie behauptet, die Chancengleichheit in Deutschland nehme zu - doch ihre Methoden sind zweifelhaft

Klaus Vedfelt via Getty Images
Fleiß zahlt sich immer aus: die Chancengleichheit in Deutschland soll zugenommen haben

  • Um die Chancengleichheit in Deutschland, zumal im Bildungsbereich, steht es nicht gut

  • Laut einer Studie soll sich die Situation nun aber verbessert haben

  • Doch ein genauer Blick verrät: So positiv sind die Zahlen gar nicht

Jahre lang hinkte Deutschland anderen OECD-Ländern weit hinterher. 2015 hatten hierzulande nur 19 Prozent der 25- bis 34-jährigen Erwerbstätigen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Der OECD-Durchschnitt lag bei 32 Prozent.

Am Montag verbreitete das arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) eine vermeintliche Erfolgsmeldung: "Junge Menschen überholen ihre Eltern".

Fast ein Drittel der jungen Deutschen soll einen höheren Abschluss als der Vater erreicht haben. Im Vergleich zur Mutter sollen es sogar 40 Prozent sein. Eine positive Nachricht für all jene, die an der gegenwärtigen Politik nicht viel auszusetzen haben.

Ein genauer Blick auf die Zahlen

Doch bei einem genaueren Blick wird deutlich, dass sich das IW die Zahlen zurecht legt - denn sie beziehen sich auf die Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen. Die kann, mit Verlaub, wohl eher nicht als jung bezeichnet werden.

In der jüngsten Altersgruppe, den 25- bis 34-Jährigen, schaffen nur 26,5 Prozent einen besseren Abschluss als der Vater - und nur 34,8 Prozent einen besseren als die Mutter.

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Im Vergleich zu den anderen Altersgruppen ist der Anteil der sogenannten Bildungsabsteiger bei der jüngsten Gruppe ebenso am höchsten: 25,8 Prozent haben eine schlechtere Ausbildung als der Vater, 16,2 Prozent eine schlechtere als die Mutter.

Und noch ein Detail lässt an der IW-Studie zweifeln: Das Institut hat die Daten auf Basis des Nationalen Bildungspanels berechnet - und das aktuellste stammt aus den Jahren 2013/2014. Für die aktuelle Debatte über soziale Gerechtigkeit ist das nicht unwichtig.

Chancengleichheit habe sich an Schulen "deutlich verbessert"

Eine weitere ambivalente Statistik aus der Studie: Der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ohne Schulabschluss ist von knapp 16,5 Prozent im Jahr 2005 auf rund 12,7 Prozent im Jahr 2014 gesunken.

Doch auch hier gibt es Einschränkungen: Das IW behauptet einerseits, dass sich die Chancengleichheit an deutschen Schulen "deutlich verbessert" habe. Andererseits schreibt das Institut aber auch, dass der schulische Erfolg "nach wie vor sehr stark von ihrer sozialen Herkunft abhängt". Dieser Widerspruch zeigt: Die Situation ist alles andere als positiv zu bewerten.

Im Bereich Bildungsmobilität ist also noch viel zu tun - und das sieht auch die IW-Studie so. Der Bevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss stieg demnach in Deutschland zwar an - doch der Anteil der 25- bis 64-Jährigen ohne berufsqualifizierenden Abschluss sank zwischen 2005 und 2014 nur ganz leicht.

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Durchschnittliche Situation wird sich kaum verbessern

Laut Studie werde sich die durchschnittliche Qualifikation der in Deutschland lebenden Menschen auch in den kommenden Jahren kaum verbessern. Die Ursache dafür seien nach Deutschland geflüchtete Menschen. Und das, obwohl auch der IW festhält, dass Zuwanderern "besonders häufig" der Bildungsaufstieg gelingt.

In jedem Fall wird also die Integration ein entscheidender Faktor für die zukünftige Entwicklung des Bildungsstands und der Aufstiegschancen im Bildungsbereich in Deutschland sein.

Letztlich zeigt sich aber, dass die IW-Studie wenig dabei hilft, die aktuelle Chancengleichheit in Deutschland einschätzen zu können. Vielmehr bestätigt sie bereits bekannte Entwicklungen.

Leichte Verbesserungen oder Verschlechterungen sollten weniger als Trend, sondern vielmehr als ein Mittel im diesjährigen Wahlkampf wahrgenommen werden. Denn der wird mehr als noch zuvor um die Deutungshoheit von Zahlen geführt.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(jg)

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