LIFESTYLE
05/03/2017 19:52 CET | Aktualisiert 05/03/2017 19:57 CET

Wenn du plötzlich dein Leben vergisst - so leben Menschen in einer Alzheimer-WG

Amelie Graen

In der WG-Küche baumeln Girlanden, Ballons und Luftschlangen von der Decke. "Du kannst nicht immer siebzig sein, Liebling, das kannst du nicht“, singt Marianne aus vollem Halse. Sie klopft im Takt mit den Händen auf den Küchentisch. Elisa sitzt regungslos da und starrt das Memory-Spiel vor sich an, als wollte sie es hypnotisieren.

Dagmar sitzt im Rollstuhl. Eine Pflegerin füttert sie aus einer Nuckelflasche. Stücke des gelbbraunen Breis tropfen auf das Lätzchen um Dagmars Hals. Marianne, Elisa und Dagmar feiern heute Karneval. Sie sind dement.

„Gro-ho-sser Go-ho-tt, wir lo-ho-ben diiich“, setzt Marianne jetzt lautstark an.

"Ein Radio braucht man hier nicht“, sagt Claudia und lacht. Die Augen unter dem dunkelbraunen Pony strahlen. Sie stellt eine Tasse Kaffee vor Marianne. "Ist ja gut jetzt, Mama.“

Die Frauen, um die sich Claudia kümmert, leben in einer Alzheimer-WG.

Marianne hat seit 15 Jahren Alzheimer

"Das ist Claudia, meine Tochter“, sagt Marianne. Es klingt ein bisschen stolz. Marianne ist 76 und hat seit etwa 15 Jahren Alzheimer.

Aber wer Claudia ist, hat sie nicht vergessen. Wer Timo ist, auch nicht. "Die Männer hier sind...“ Marianne macht eine wegwerfende Handbewegung. "Zicke Zacke, Hühnerkacke. Timo ist der einzige richtige Mann hier. Wo ist Timo?“

Timo ist Mariannes Hund. Er liegt zu ihren Füßen unter dem Tisch. Braune Augen gucken sie treuselig an. Unter dem wuscheligen Fell des kleinen Hundes sind sie kaum noch zu sehen.

timo

Mariannes Hund Timo ist immer an ihrer Seite

"Als meine Mama die Diagnose Alzheimer bekommen hat, war es schon sehr ausgeprägt“, erzählt Claudia.

"Das war vor etwa zehn Jahren. Endlich habe ich verstanden, warum sie sich all die Jahre so verhalten hat.“

Meistens beginnt die Krankheit unauffällig. Von Alzheimer Betroffene vergessen, was sie gerade tun wollten, wo sie hingehen wollten. Mit der Zeit wird es schlimmer.

Die Ausprägungen sind bei jedem anders

Sie wissen nicht mehr, wer ihre Verwandten sind, verlernen grundlegende Dinge, oft sogar die Kontrolle über ihre Körperfunktionen. Ihr Gehirn baut ab. Die genauen Ausprägungen sind bei jedem anders. Marianne kann kein Wort mehr lesen. Ihre Mitbewohnerin Elisa kann zwar noch lesen, aber dafür spricht sie kaum.

"In Deutschland sind mittlerweile ungefähr 1,6 Millionen Menschen von Alzheimer betroffen“, sagt Christian Leibiness von der Alzheimer Foschung Initiative e.V. "Die Dunkelziffer ist hoch. Schließlich steht auf keinem Totenschein Alzheimer. Sterben tut man nicht an dieser Krankheit.“

Die Alzheimer-Patienten leben in ihrer eigenen Welt

Doch auch wenn die Betroffenen nicht daran sterben – die Krankheit ist schwer und unheilbar. Die genauen Ursachen sind bis heute ungeklärt. Die Alzheimer-Patienten leben in ihrer eigenen Welt. Viele von ihnen werden aggressiv, bekommen Wutanfälle. Weil sie Angst haben. Sie verstehen ihre Umwelt nicht mehr. Alles ist ihnen fremd.

Ihr Umfeld braucht vor allem eines: viel Geduld und Verständnis. Es hilft den Patienten nicht, wenn sie wie Verrückte behandelt werden. Was ihnen hilft, ist, wenn sie das Gefühl haben, verstanden zu werden.

"Alleine schafft man das nicht“, sagt Claudia. "Das eigene Leben steht hinten an. Wenn die Krankheit voran schreitet, muss man über Pflege-Personal nachdenken. Die meisten schicken ihre Verwandten ins Altenheim. Doch ich glaube, festgelegte Strukturen sind nicht immer gut.

claudia

Claudia besucht ihre Mutter Marianne so oft wie möglich in der WG

Bei uns ist jeder Tag anders. Die Bewohner leben selbstbestimmt, soweit das möglich ist.“

Vieles ist wie in jeder anderen WG auch

Claudia hat die Münchner Demenz-WG, in der ihre Mutter nun wohnt, 2013 selbst mitgegründet. Die Alzheimer-Gesellschaft München war der Initiator und hat ihnen die Räume zur Verfügung gestellt.

Jeden Tag wird frisch gekocht. Friseure, Zahnärzte und Fußpfleger kommen regelmäßig vorbei, damit die Bewohner nicht das Haus verlassen müssen. Pfleger und ehrenamtlich arbeitende Betreuer sorgen für die Bewohner. Der Preis ist nicht höher als der eines Zimmers im Altenheim.

Die Demenz-WG besteht aus einem Nord- und einem Südflügel. Marianne wohnt gemeinsam mit zwei Männern und sechs Frauen im Südflügel. In ihrem Zimmer hängen Fotos von Claudia an den Wänden. Vor ihrem Bett steht Timos Körbchen. Das Zimmer ihrer Mitbewohnerin ist von oben bis unten voller Puppen.

An den Wänden im Flur hängen Fotos von Partys und gemeinsamen Unternehmungen. Vieles ist wie in jeder anderen WG auch. Nur dass die Bewohner hier eben weiße Haare haben und dement sind.

Die ganze Persönlichkeit verändert sich

Eine Bewohnerin steht schon minutenlang regungslos im Flur. Sie hat vergessen, wo sie hingehen wollte. Ihr Blick ist leer. Eine Pflegerin kommt auf sie zu und nimmt sie sanft an der Hand.

"Das Vergessen finde ich gar nicht so schlimm“, sagt Claudia. "Das kennt ja jeder von uns. Dass man mal den Schlüssel verlegt oder etwas verschusselt. Was ich schlimm finde, ist, dass sich die ganze Persönlichkeit verändert. Meine Mama hat früher so gerne genäht."

Sie erzählt: "Nicht so olles Zeug, sondern ganz tolle, moderne Sachen. Sie hat genäht, gestrickt, gehäkelt. Sie hatte so viel Talent. Jetzt will sie davon gar nichts mehr machen.“

Oft verlieren Patienten die Lust an ihren Hobbys

Dass Betroffene die Lust an Dingen verlieren, die sie zuvor geliebt haben, geht häufig mit der Krankheit einher. "Bei Alzheimer-Patienten verändern sich bestimmte Gewohnheiten“, sagt Richard Rötzer, Funktionsoberarzt im Alzheimer Therapiezentrum Bad Aibling.

"Auf einmal wollen sie nicht mehr in den Chor gehen, in den sie seit Jahren gehen oder nicht mehr spazieren gehen, was sie sonst jeden Tag gemacht haben. Das ist ganz typisch.“

Doch das ist nicht das einzige, was sich bei Marianne verändert hat. Früher hat sie nicht gesungen. Sie hat auch keine Sätze gesagt wie "Jetzt ist’s vorbei mit der Scheißerei“ oder "Männer sind zum Kacken da“.

Dass Patienten Fäkalsprache verwenden, ist ganz normal

"Alzheimer-Patienten haben oft großen Gefallen daran, Fäkalsprache zu verwenden oder sich unangebracht zu verhalten“, sagt Rötzer. "Das ist völlig normal, weil bei ihnen durch die Erkrankung alle Hemmschwellen fallen.“

Auch für Mariannes ständiges Singen hat der Arzt eine Erklärung. "Das Verständnis für die Musik bleibt sehr lange erhalten“, sagt er. "Viele Alzheimer-Patienten erinnern sich an lang zurückliegende Dinge wie Lieder aus ihrer Jugend. Nur das Kurzzeitgedächtnis funktioniert kaum noch.“

"Herr, wir prei –hei-sen dei-hei-ne Gaben!“

Marianne singt und sieht Elisa auffordernd an. Doch Elisa rührt sich noch immer nicht. "Wo ist Timo?“, fragt Marianne besorgt. Sie sieht Timo unter dem Tisch, ist beruhigt. „Mein kleiner Timo“, sagt sie liebevoll. "Mein Timolein.“

"Timolein ging allein in die weite Welt hinein!“

Beim Tanzen hat sich Marianne in Friedrich verliebt

Manchmal tanzt Marianne auch, "wenn die Musik gut ist.“ Die Musik ist für Marianne dann gut, wenn Schlager der 70er gespielt werden.

Alle 14 Tage findet ein "bunter Nachmittag“ mit Live-Musik in der WG statt. Wenn die Senioren Lust darauf haben, können sie außerdem regelmäßig Tanzkurse besuchen. Dort hat Marianne sich auch in ihren WG-Mitbewohner Friedrich verliebt.

"Die beiden haben sich gedatet und dann hat das eine zum anderen geführt“, erzählt Claudia. "Sie sind in ihr Zimmer gegangen und haben die Tür zu gemacht. Sie hatten eben eine ganz normale Beziehung.“

Marianne war glücklich - bis Friedrich starb

Marianne war glücklich. Bis Friedrich schwer stürzte und eine künstliche Hüfte bekam. Vorbei war es mit dem Tanzen, Friedrich wurde zum Pflegefall, hatte ständig Schmerzen. Vor einiger Zeit starb er.

"Marianne hat das sehr mitgenommen“, erzählt Claudia. "Sie weiß, dass Friedrich nicht mehr da ist.“ Ihr Mann, Claudias Vater, ist schon vor Jahren verstorben.

"Alle Jahre wieder, kommt da-has Cristuskiiiind!“

Wieder unterbricht Marianne ihren Gesang. „Wo ist Timo?“, fragt sie besorgt. Der kleine wuschelige Hund liegt immer noch unter dem Tisch. Er hat sich seit einer Stunde nicht vom Fleck bewegt. „Timo ist immer bei mir“, sagt Marianne.

"Wie alt bist du denn, Timo? Du bist ja immer da. Ich weiß es gar nicht. 100 schätze ich. Du kannst nicht immer siebzig sein, Liebling, das kannst du nicht!“

"Ja Marianne, wir feiern jetzt Karneval“, sagt eine der Pflegerinnen. „Und der Hans lässt seine Hüften kreisen. Aber nur für fünf Euro Eintritt.“

"Der Tag kommt“, sagt Marianne. Sie lacht. Dann reißt sie besorgt die Augen auf. Von einer Sekunde auf die andere sieht sie völlig verändert aus.

"Wo ist Timo?“

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