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03/03/2017 16:42 CET | Aktualisiert 03/03/2017 17:13 CET

Ein geheimes Dokument der russischen Armee zeigt Russlands perfiden Plan, westliche Demokratien zu unterwandern

Getty
Der russische Präsident Wladimir Putin

  • Mit Beginn der Ukraine-Krise ist ein Informationskrieg zwischen Russland und dem Westen ausgebrochen

  • Ein jetzt aufgetauchtes Lehrbuch eines russischen Geheimdienstes gibt Einblick in Moskaus Taktiken

"In Euren ruhmreichen Taten liegt die Größe des Vaterlandes". Das ist der Leitsatz des Russischen Militärgeheimdienstes (abgekürzt GRU). Er gilt als "Putins Geheimwaffe".

Laut der englischsprachigen "The Moscow Times" ist nun ein nicht autorisierter Nachdruck eines GRU-Lehrbuchs über psychologische Kriegsführung aufgetaucht. Das Buch birgt interessante und besorgniserregende Details - insbesondere über wenig ruhmreiche Taktiken der GRU-Agenten.

Die "Moscow Times" sprach mit einem ehemaligen Offizier, der Anfang der 2000er mit dem Buch arbeitete. Er bestätigte, dass darin Szenerien psychologischer Kriegsführung für verschiedene Nato-Mitgliedsstaaten enthalten waren.

Deutsche Soldaten sollen litauisches Mädchen vergewaltigt haben

Ein Beispiel: Die Verbreitung von Gerüchten, beispielsweise über Vergewaltigungen.

Laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" wird dieses Verfahrung im Geheimdienst-Sprech "fauler Hering" genannt. "Beim 'faulen Hering' kommt es nicht darauf an, den Vorwurf zu beweisen, vielmehr soll gerade seine Unhaltbarkeit möglichst ausführlich in der Öffentlichkeit kommentiert und durchgekaut werden."

Damit werde erreicht, dass die Öffentlichkeit nicht mehr genau weiß, was falsch und was richtig sei. Beschuldigte würden so automatisch auch mit den falschen Vorwürfen assoziiert. Deren "Geruch" haftet ihnen also an.

Der "faule Hering" fand so etwa im Tschetschenienkrieg häufige Verwendung. Russische Propagandisten brachten das Gerücht in Umlauf, dass ausländische Kämpfer die junge Tochter eines tschetschenischen Dorfältesten missbraucht hätten. Diese Desinformation soll schließlich zur Spaltung zwischen den einheimischen und den islamistischen Kämpfern beigetragen haben.

Diese Episode mutet wie eine Blaupause für einen aktuellen Fall in Litauen an: Mitte Februar streuten dort Unbekannte das Gerücht, dass deutsche Soldaten eine Minderjährige vergewaltigt hätten. Damit sollte die dortige Präsenz der Deutschen diskreditiert werden. Denn die Bundeswehr ist in dem baltischen Land im Rahmen einer längerfristigen Nato-Mission stationiert - was Russland als Affront aufgreift.

Die litauischen Behörden bemühten sich schnell um Aufklärung. Ergebnis: Den Fall hat es nie gegeben.

Mehr zum Thema: Verteidigungsministerium bestätigt: Bundeswehr in Litauen war Ziel einer "Fake-News-Kampagne"

Der Fall Lisa

Auch in Deutschland platzierten die Russen bereits einen "faulen Hering". Im Januar 2016 sorgte der Fall des Mädchens Lisa für Aufsehen, nachdem Außenminister Sergej Lawrow behauptet hatte, die Russlanddeutsche sei von Migranten in Berlin vergewaltigt worden. Der Vorwurf stellte sich ebenfalls rasch als falsch heraus.

Dennoch versucht die Kreml-finanzierte Nachrichtenseite"RT Deutsch" weiterhin unentwegt die Lüge aufrechtzuerhalten.

Rücksichtsloser als der KGB

Der Militärgeheimdienst GRU fiel in der Vergangenheit eher durch Hackerattacken, als durch falsche Propaganda auf. So sollen dem GRU nahestehende Gruppen hinter der Veröffentlichung von Hillary Clintons E-Mails oder dem Angriff auf Server des Bundestages stehen). Auch die Krim-Annexion vor drei Jahren soll vom GRU orchestriert worden sein.

Mehr zum Thema: Putins Abteilung Cyber-Attacke: So arbeitet Russlands gefürchtete Hacker-Gruppe APT28

"Der GRU wurde schon immer als kompetenter, risikofreudiger und rücksichtsloser im Vergleich zu anderen russischen Diensten wie dem (ehemaligen sowjetischen Geheimdienst, Anm. d. Red.) KGB oder dem (russischen Auslandsnachrichtendienst, Anm. d. Red.) SVR gesehen", sagte Andrej Soldatow der US-Nachrichtenseite "Daily Beast".

Soldatow ist russischer Journalist, spezialisiert auf die Geheimdienste seines Heimatlandes. Er geht auch davon aus, dass der Militärgeheimdienst sein enormes Agentennetz aus Sowjetzeiten erhalten konnte.

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"Propaganda muss smart sein"

Mit dem Beginn des Euromaidans in der benachbarten Ukraine stockte Moskau seine Bemühungen zur Bewahrung der Deutungshoheit über die Entwicklungen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft auf. Ex-Sowjetrepubliken, wie die Ukraine, sieht Putin als seine exklusive Einflusszone.

Mit dem Euromaidan begann auch der bis heute anhaltende Informationskrieg. Dieser werde hauptsächlich vom GRU bestimmt, sagt Michael Kofman, ein russischer Sicherheitsberaters in Diensten des US-Think Tanks CNA.

Offiziell untersteht der GRU dem Verteidigungsministerium. Dessen Leiter, General Sergej Schoigu, sagte im Februar: "Propaganda muss smart, kompetent und effektiv zu sein." Schoigu kündigte damals auch die Gründung einer neuen Truppe für "Informations-Operationen" an. Deren genaue Ausgestaltung ist allerdings noch vage. Aus Expertensicht wäre die Truppe höchstwahrscheinlich Teil einer Cyber-Einheit, aber auch Propaganda-Aufgaben wären denkbar.

Alte Techniken, die immer noch aktuell sind

Vermutlich könnten die Soldaten dabei auch auf das erwähnte Lehrbuch zurückgreifen. Es beginnt mit dem Satz: "Psychologische Kriegsführung existiert so lange wie die Menschheit." Früher hätten Menschen Einfluss nur durch direkten Kontakt ausüben können. "Heute sind die Mittel, um den menschlichen Geist zu beeinflussen, viel anspruchsvoller, dank des gesammelten Wissens von Tausenden von Jahren, Informationstechnologien, Kommunikation und Management."

Obwohl der Band bereits 1999 erschien, ist diese Aussage so aktuell wie nie zuvor. Und: Von den Techniken, die heute zur Verfügung stehen, konnten die Buchautoren vor fast 20 Jahren nur träumen.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(jg)

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