Deutschland so arm wie seit 26 Jahren nicht? Deshalb gibt es Zweifel

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FAMILY SAD
Stressed mother holding her baby. | SolStock via Getty Images
Drucken
  • Mehrere Wohlfahrtsorganisationen warnen in einem neuen Bericht vor einer steigenden Armut in Deutschland
  • Demnach sollen knapp 13 Millionen Deutsche von Armut bedroht sein
  • Doch viele Kommentatoren kritisieren die Studie - aber nicht nur für ihre Datenbasis

Eine Nachricht, die erschüttert: Die Armutsquote in Deutschland hat den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht. Das ergab der neue Armutsbericht, der am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Laut der Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverband und anderer Organisationen lagen 2015 in Deutschland 12,9 Millionen Menschen unter der Grenze für Armutsgefährdung. Der Verband beruft sich auf das Statistische Bundesamt, das den Anteil der Menschen mit einem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens misst.

Doch wie ernst zu nehmend sind diese Zahlen?

Armut richtig definieren

Die Magdeburger "Volksstimme" kritisiert die pauschale Festlegung der Grenze, da sie die realen Gegebenheiten vor Ort vernachlässige. So fragt die Zeitung: Ist eine junge Familie, die im eigenen Häuschen in der Altmark lebt und 2000 Euro netto zur Verfügung hat, tatsächlich "arm"? Immobilienbesitz wurde in der Studie nicht berücksichtigt.

Um eine genauere Aussage zu bekommen, drängt die "Volksstimme" darauf, "'Armut' in Deutschland so zu definieren, dass man wieder über die Sache selbst streiten kann und nicht über einen willkürlich hochgerechneten Wert, der den vielen Institutionen, die gut von Armut leben, für alle Zeiten 'Armut' garantiert".

Wohlfahrtsorganisation seien deshalb "Marktschreier der Armut", titelt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) scharf. Im Wettbewerb um politische Aufmerksamkeit und Geld vertraue aber der Paritätische Gesamtverband "weniger als andere auf die Kraft guter Argumente".

Keine "skandalöse Zunahme"

Aus Sicht der "FAZ" werde der nur geringfügige Anstieg der Armutsrisikoquote zu einer "skandalösen Zunahme" hochgejazzt. Ursache für den leichte Verschlechterung sei die Flüchtlingskrise, "für die übrige Bevölkerung hat sich die Gefahr, in Armut zu rutschen, nicht erhöht", fasst die Zeitung zusammen.

Problematisch findet die "FAZ", dass unter die 60-Prozent-Grenze auch Auszubildende und Studenten fallen, "die kein Armutsrisiko tragen", und dass die Kaufkraft ausgeblendet werde.

Fazit der konservativen Zeitung: "Der Sozialstaat funktioniert viel besser, als die sozialen Marktschreier glauben machen wollen."

Mehr zum Thema: Forscher zeigen, dass Deutschland dort am ärmsten ist, wo es die wenigsten vermuten

"Kein Grund zur Panik"

Auch "Die Welt" beruhigt: "Es gibt keinen Grund zur Panik und auch nicht für einen 'Gerechtigkeitswahlkampf', wie der Paritätische Gesamtverband fordert. Der Schlüssel für die Überwindung echter Armut liege nicht in aktivistischer Umverteilung, sondern in einer starken Wirtschaft, so die "Berliner Zeitung".

"Armut ist relativ, Armut ist subjektiv", stellt hingegen der "Der neue Tag" aus dem oberpfälzischen Weiden klar. Der Bericht sei nur der Versuch, "einen Überblick zu schaffen über die Lage in unserem an sich wohlhabenden Land." Dennoch sei es "zynisch" die Aussagen als zu pauschal und als Panikmache abzustempeln.

Aus Sicht des "Neues Tags" ist Fakt: "Es gibt zu viele arme Menschen in Deutschland. Und ihnen ist es egal, in welcher Spalte einer Tabelle sie stehen. Sie brauchen Hilfe."

"Titel des Armutsberichts nicht wörtlich nehmen"

Zum Glück gebe es die Armuts-Lobbyisten und ihren Bericht, findet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ). Sie schränkt aber zugleich ein: "Die Angaben darin muss man unbedingt ernst nehmen, den Titel aber nicht wörtlich."

Schließlich hänge die Chance zur Teilhabe nicht davon ab, über wie viel Prozent vom mittleren Einkommen eine Familie verfügt - sondern vom absoluten Betrag. "Was die Wohlfahrtsverbände in Wahrheit befeuern wollen, ist eine Debatte über Ungleichheit und Umverteilung." Das sei völlig in Ordnung, betont die "SZ". "Nur sollten sie das dann auch endlich so sagen."

Mehr zum Thema: Bevor du über soziale Ungerechtigkeit in Deutschland diskutierst, solltest du diese 7 Fakten kennen

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(sk)

Korrektur anregen