POLITIK
02/03/2017 13:00 CET | Aktualisiert 02/03/2017 14:16 CET

Wenn das Leben aus dem Gleis gerät - Armen wird oft Strom gesperrt

dpa
Nur noch eine Kerze erleuchtet diesen Raum

  • Das Armutsrisiko in Deutschland steigt

  • Alltägliche Dinge wie die Stromversorgung werden für viele Menschen zum Luxus

Die vergangenen Monate haben dem Mann zugesetzt. Kochen fiel flach, warmes Wasser hatte er nicht - er lebte ohne Strom. Die Scham ist immer noch groß. "Man sieht keine Auswege", erzählt er.

Der Aachener ist keine Ausnahme. Mehr als 331 000 Menschen in ganz Deutschland wurden zuletzt innerhalb eines Jahres der Strom gesperrt - eine stille, aber drastische Folge von Armut.

Bei dem Aachener, über dessen Schicksal der Deutschlandfunk berichtete, wirbelte die Stromsperre das Leben ziemlich durcheinander. Der Mann lebt getrennt, seine beiden Kinder kamen immer seltener an den Wochenenden zu ihm, wie sie das normalerweise taten.

"Bringt Menschen aus dem Gleis"

"Eine ist vier und der andere ist neun, und da kann man das nicht zumuten ohne Strom oder Warmwasser", sagte er dem Radiosender. Auch dank Vermittlung einer Energieberaterin floss dann der Strom nach einem halben Jahr wieder.

Hans Weinreuter kennt solche Fälle.

"Ohne Strom auszukommen, bringt Menschen, die eine Schieflage haben, völlig aus dem Gleis", sagt der Energiereferent der Verbraucherzentrale in Mainz. Wenn es abends dunkel wird, bringen oft nur noch Kerzen Licht in die Wohnung.

Der Hauptgrund für das Abschalten des Stroms ist laut Weinreuter, dass der bei Hartz IV dafür vorgesehene Anteil angesichts der gestiegenen Energiekosten schlicht nicht reiche. Eingerechnet ist der Bedarf im Hartz-IV-Satz, 409 Euro für Alleinstehende.

Anteil der armutsgefährdeten Menschen steigt

Steht man bei seinem Energieversorger mit 100 Euro in der Kreide, kommt die Androhung, den Strom zu sperren, wie Weinreuter erläutert. 6,3 Millionen solcher Sperrandrohungen gab es laut Bundesnetzagentur 2015.

Ob Kinder in der Wohnung leben, ob vielleicht Medikamente zu kühlen sind, spiele keine Rolle, kritisiert er. Zieht ein Betroffener ihn und seine Berater zu Rate, ist der erste Schritt, zwischen dem Kunden und dem Stromversorger zu vermitteln, einen Plan zu machen, zum Beispiel Ratenzahlungen zu vereinbaren.

Laut Statistischem Bundesamt ist der Anteil der Menschen zuletzt wieder gestiegen, die mit niedrigen Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens auskommen müssen - von 15,4 auf 15,7 Prozent im Jahr 2015. Besonders betroffen: Bremen (24,8 Prozent), Berlin (22,4), Mecklenburg-Vorpommern (21,7), Sachsen-Anhalt (20,1).

Alltägliche Dinge werden zum Luxus

Die Statistiker sprechen dann von einer Armutsgefährdung. Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht viele in Deutschland massiv von Armut bedroht, wie er dies auch mit seinem neuen Armutsbericht deutlich macht.

Strom nicht bezahlen zu können, ist nur eine Folge, wenn das Geld knapp ist. Fast jeder dritte Arbeitslose in Deutschland kann sich Dinge des täglichen Lebens nicht leisten. Dazu zählt auch, wenn man nicht rechtzeitig Miete und Wasser zahlen kann, die Wohnung nicht immer ausreichend heizen oder unerwartete Ausgaben oft nicht decken kann.

Es zählt dazu, wenn man sich nicht jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder Gleichwertigem leisten kann, keinen zumindest einwöchigen Urlaub im Jahr, kein Auto, keine Waschmaschine, keinen Fernseher oder kein Telefon.

Laut EU-Definition ist von materieller Entbehrung betroffen, wenn man mindestens für vier der genannten Ausgaben nicht aufkommen kann. 30,1 Prozent der Erwerbslosen in Deutschland waren laut Statistischem Bundesamt 2015 betroffen.

Sparhelfer kommen zu den Menschen in Not

Beim Strom kann gezieltes Sparen Abhilfe schaffen. Menschen in sozialer Not können sich dabei helfen lassen, es gibt dafür ein bundesweites Projekt Stromspar-Check. Martin Jasper kümmert sich bei der Caritas in Dortmund darum: "Wir werben für unser Angebot in Jobcentern, an den Tafeln, in Hilfezentren."

Die Sparhelfer kommen dann kostenlos zu den Hilfesuchenden nach Hause. Sie checken die Rechnungen für Strom, Wasser, Heizung. Sie messen den Verbrauch des Kühlschranks - ein neues, effizientes Modell kann sich schnell rechnen, es gibt dafür sogar eine Förderung.

Die Sparhelfer fragen auch nach, ob heizungssparend gelüftet, ob lange mit warmem Wasser aus einem Durchlauferhitzer geduscht wird - das ist teurer als wenn eine Gastherme das Wasser erwärmt. Gibt es die nicht, sollte die Dusche notfalls kürzer ausfallen. Unterm Strich könnten sich die Ersparnisse durchs Energiesparen auf 300 bis 800 Euro pro Jahr summieren.

Jasper sagt, besonders bei vielen Hartz-IV-Beziehern sei Aufklärung über sparsamen Energieverbrauch angezeigt. "Vielen ist zum Beispiel gar nicht bewusst, was effiziente Geräte bringen." Allerdings könnten häusliche Energiechecks auch bei Besserverdienern oft Einsparmöglichkeiten deutlich machen.

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