Studie behauptet: Die Deutschen waren seit 26 Jahren nicht so arm wie heute

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ARMUT
Männer in einer Suppenküche | dpa
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  • Eine Studie warnt vor steigender Armut in Deutschland
  • Demnach sind knapp 13 Millionen Deutsche von Armut bedroht
  • Aber an der Studie gibt es Kritik

Immer mehr Menschen in Deutschland drohen in Armut abzustürzen. "Deutschland hat mit 15,7 Prozent Armutsquote leider einen neuen Höchststand seit der Wiedervereinigung erreicht", sagte der Geschäftsführer des Paritätische Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, bei der Vorstellung des neuen Armutsberichts am Donnerstag in Berlin.

Somit lagen 2015 in Deutschland 12,9 Millionen Menschen unter der Grenze für Armutsgefährdung.

Der Verband beruft sich auf das Statistische Bundesamt, das den Anteil der Menschen mit einem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens misst.

"Lawine an Altersarmut droht"

Die Quote stieg von zuvor 15,4 Prozent auf den jüngsten Wert aus dem Jahr 2015 an. Zehn Jahr zuvor lag sie noch bei 14,7 Prozent. "Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder", sagte Schneider.

Das Bundesamt stuft die Betroffenen als armutsgefährdet ein, der Wohlfahrtsverband als arm. "Es ist ein zunehmender Trend", sagte Schneider. Die Schwelle liegt bei einem Single bei 942 Euro Einkommen im Monat, bei einem Paar mit zwei kleineren Kindern bei 1978 Euro.

Einem extrem hohen Armutsrisiko ausgesetzt sind Arbeitslose mit einer Quote von 59 Prozent und Alleinerziehende mit 43,8 Prozent. Besonders betroffen sind zudem Ausländer (33,7 Prozent) sowie Familien mit drei und mehr Kindern (25,2 Prozent).

Der Anteil armutsgefährdeter Rentner (15,9 Prozent) stieg innerhalb von zehn Jahren um 49 Prozent (von 10,7 Prozent). Der Präsident der Volkssolidarität, Wolfram Friedersdorf, sprach von einer "Lawine" an Altersarmut. "Es ist schon beängstigend, wie mit Älteren in der Gesellschaft umgegangen wird."

Wer arm ist, bleibt arm

Minderjährige und junge Erwachsene sind häufig betroffen, wenn sie aus ärmeren Elternhäusern stammen, keinen oder einen niedrigen Schulabschluss haben. Zwei Millionen Kinder und Jugendliche bekommen Hartz IV.

Die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbunds, Cordula Lasner-Tietze, mahnte: "Aus Kindern und Jugendlichen in Armut werden nicht selten junge Erwachsene in Armut und aus diesen wiederum arme Eltern." Insgesamt stehen zehn Verbände hinter dem Bericht.

Armut ist im Ruhrgebiet und in Berlin am tiefsten verankert. In vier Ländern sanken die Quoten: in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, dem Saarland und Rheinland-Pfalz. In Nordrhein-Westfalen ist die überdurchschnittliche Armutsquote von 17,5 Prozent stabil geblieben. In elf Bundesländern wuchs die Armut - in Berlin stieg die Quote von 20 auf 22,4 Prozent, in Bremen von 24,1 auf 24,8 Prozent.

Kritik an der Studie

Das Armutsdefinition des Wohlfahrtsverbands - der Anteil der Menschen unter der 60-Prozent-Einkommensschwelle - ist allerdings umstritten.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund kritisierte den Armutsbericht als "zu pauschal". Über die reale Situation der Betroffenen sage das 60-Prozent-Kriterium nichts, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer sagte den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland, wer herausfinden wolle, wie sich Armut entwickele, müsse sie an Notlagen festmachen. "Die Wohlfahrtsverbände wissen genau, warum sie keine seröse Armutsstatistik wollen: Dabei käme nämlich heraus, dass Armut seit Jahren sinkt."

Linke-Chefin Katja Kipping forderte eine "radikale Umverteilung von oben nach unten". Der Sozialverband VdK verlangte "gezielte Investitionen für die ärmere Hälfte der Bevölkerung".

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