Eine neue Umfrage gibt Einblicke in die Seele der Russen - sie zeigt den erschreckenden Erfolg von Putins Politik

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Eine neue Umfrage gibt Einblicke in die Seele der Russen - sie zeigt, wie erschreckend erfolgreich Putin mit seiner Politik ist | Getty
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  • Die Beliebtheit Wladimir Putins bei den Russen steigt enorm an
  • Auf einer "Skala des Nationalstolzes" liegt seine Annektion der Krim nun auf dem zweiten Platz
  • Nur der Sieg über Hitler ist für die Russen noch wichtiger

Es ist ein Traditionsbruch: Nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg über Hitler-Deutschland war die Eroberung des Weltraums für Russen stets der wichtigste Grund, um auf ihr Land stolz zu sein. Jetzt hat sich das gedreht: Der Anschluss der Krim 2014 ist jetzt auf Platz zwei auf der „Skala des Nationalstolzes“ vorgerückt.

Das ergab eine neue Umfrage des Moskauer Lewada-Centrums, des einzigen noch halbwegs unabhängigen Meinungsforschungsinstituts in Russland. Überträgt man das Ergebnis auf Personen, so hat Wladimir Putin mit seiner hybriden Attacke auf die ukrainische Halbinsel den Nationalhelden Juri Gagarin ausgestochen, der als erster Mensch ins All geflogen ist.

Sinnstifter Zweiter Weltkrieg


Nur noch 41 Prozent der Russen sind der repräsentativen Umfrage zufolge stolz auf die Erfolge der russischen Raumfahrt (1999 waren es noch 60 Prozent, 2008 61 Prozent), während 43 Prozent das gleiche Gefühl über den Anschluss der Krim hegen. Befragt wurden 1600 Russen in 48 Regionen.

Beide Ereignisse stehen damit immer noch weit hinter dem Sieg im Zweiten Weltkrieg, auf den 83 Prozent stolz sind und der im System Putin zum wichtigsten nationalen Identifikationsmoment und Sinnstifter wurde. Auch dank massiver Propaganda und Ausblendung der negativen Aspekte wie etwa der Tatsache, dass Stalin von 1939 bis 1941 mit Hitler gemeinsame Sache machte.

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Die russische Literatur ist laut der Umfrage bei 36 Prozent der Russen Grund für Stolz, die „Verwandlung des Landes in eine der führenden Industriemächte“ bei 35 Prozent, die Erfolge der russischen Wissenschaft bei 32 Prozent, der „Ruhm der russischen Waffen“ bei 26 Prozent, und die „moralischen Eigenschaften der Menschen in Russland (Schlichtheit, Geduld, Standhaftigkeit)“ bei 23 Prozent (gegenüber 45 Prozent 1999).

18 Prozent der Russen sind laut den Angaben des Lewada-Centers stolz auf die „stabile Lage im Land“ unter Wladimir Putin – 2008 waren es noch 32 Prozent gewesen. Nur vier von 100 Russen sind stolz auf die Perestroika und die damaligen Wirtschaftsreformen.

Russen schämen sich für ihre Armut


Das Gegenteil von Stolz – Scham – empfinden 54 Prozent Russen vor allem darüber, dass ihr „großes Volk und reiches Land ständig in Armut und Instabilität“ lebt. Im April 1999, bevor Wladimir Putin an die Macht kam lag die Zahl der Russen, die sich dafür schämten, bei 79 Prozent; 2008 waren es noch 69 Prozent.

Erklärbar ist diese Veränderung in erster Linie mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, der im Wesentlichen dem stark gestiegenen Ölpreis zu verdanken war. Obwohl eine große Zahl der Russen immer noch in Armut leben, geht es ihnen doch deutlich besser als in den Zeiten der Wirren und des Niedergangs in den 1990er Jahren.

Jeder dritte Russe schämt sich für den Untergang der Sowjetunion (33 Prozent, gegenüber 48 Prozent 1999). Die Umfrage zeigt auch, wie stark die Verharmlosung und teilweise auch Verehrung des Diktators Joseph Stalin unter Putin wirkt.

Nur 22 Prozent der Russen empfinden ein Gefühl der Scham für die Repressionen, den Terror und die Umsiedlung ganzer Völker zwischen 1920 und 1950. 2015 schämten sich dafür noch 25 Prozent, 2003, als Putin erst drei Jahre an der Macht war, 39 Prozent.

Fast genauso groß wie die Scham über Stalin ist die über die Ergebnisse der Gorbatschow´schen Perestroika – 18 Prozent schämen sich dafür. 20 Prozent der Russen beschämt die „chronische Rückständigkeit dem Westen gegenüber“. 1999 waren es noch 31 Prozent gewesen.

Nur vier Prozent der Russen schämen sich dafür, dass ihr Land versucht, anderen Staaten und Völkern mit Gewalt ihr System aufzudrängen; 1999 waren das noch 15 Prozent, 2012 6 Prozent). Dass Wladimir Putin an die Macht kam löst bei gerade einmal 3 Prozent der Russen Schamgefühle aus; 2012, nach Massenprotesten wegen Wahlfälschungen, waren es 5 Prozent, 2015 nur ein Prozent“.

Lewada-Centrum wehrt sich gegen den Kreml


Das Moskauer Lewada-Centrum ist ein Meinungsforschungs-Institut in Russland, dass sich hartnäckig dem Versuch der Einflussnahme durch den Kreml entzieht – während andere Meinungsforschungs-Unternehmen nach Ansicht von Kritikern und Insidern bei den Umfrageergebnissen die Wünsche und Forderungen der Regierung massiv berücksichtigen.

2016 wurde das Centrum in die Liste der „ausländischen Agenten“ eingetragen – ein Stigma im heutigen Russland, da dieser Begriff auf die Stalinzeit zurückgeht und sehr negative Emotionen bei den meisten Russen auslöst. In die Liste der „ausländischen Agenten“ werden Organisationen eingetragen, die zumindest teilweise aus dem Ausland finanziert werden.

Da kremlkritische Organisationen in Russland aber enorme Schwierigkeiten haben, Finanzmittel zu bekommen, ist Hilfe aus dem Ausland für viele die einzige Möglichkeit, wirtschaftlich zu überleben.

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(jg)

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