Bevor du über soziale Ungerechtigkeit in Deutschland diskutierst, solltest du diese 7 Fakten kennen

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Diese Fakten solltest du kennen, wenn du über soziale Ungerechtigkeit in Deutschland diskutierst | AnnettVauteck via Getty Images
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  • Martin Schulz hat seine Kandidatur dem Kampf gegen Ungerechtigkeit verschrieben
  • Zahlen zeigen aber, dass es in vielen Bereichen einen positiven Trend gibt
  • Aber es gibt durchaus auch Nachholbedarf in Sachen Gerechtigkeit

Martin Schulz, der Rächer der Armen und Unterdrückten. So sieht sich der SPD-Kanzlerkandidat. Er war zwar ursprünglich selbst ein Unterstützer der Agenda 2010. Doch im aktuellen Wahlkampf will er das Land von den Hartz-Reformen befreien.

Unentwegt betont er sein Ziel: Mehr soziale Gerechtigkeit für Deutschland.

Doch wie sieht die Situation hierzulande überhaupt aus? Das haben wir in sieben zentralen Bereiche überprüft.

1. Arbeitslosigkeit

Infografik: Klima auf dem Arbeitsmarkt bleibt gut | Statista

Die Arbeitslosenquote erreichte im vergangenen Jahr einen neuen Tiefstand, zugleich ging die Angst vor dem Jobverlust drastisch zurück.

Im Januar 2017 waren 6,3 Prozent oder 2,78 Millionen der Erwerbstätigen ohne Job. Wohlgemerkt: Das sind nur die offiziellen Arbeitslosen, nicht mit eingerechnet werden etwa Menschen, die sich in von der Arbeitsagentur verordneten Weiterbildungsmaßnahmen befinden.

In einem Interview mit der "Welt" führt der Ökonom Peter Bofinger den Rückgang auf den Wirtschaftsaufschwung vor allem in Ostdeutschland zurück. In Westdeutschland gebe es heute 400.000 Arbeitslose weniger als im Januar 2001. In Ostdeutschland beträgt der Rückgang sogar 900.000 - bei einer deutlich geringeren Zahl an Erwerbstätigen.

Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist erstmals seit vier Jahrzehnten zurückgegangen, erklärt Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln: Von 1,7 Millionen im Jahr 2005 auf jetzt eine Million.

Des Weiteren ist auch die Arbeitslosenquote bei Menschen mit abgeschlossener Lehre mit 4,6 Prozent so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, wie "Die Zeit" herausfand. Die Arbeitslosenquote von Hochschulabsolventenlag sogar noch tiefer, bei 2,4 Prozent.

2. Soziale Ungleichheit

Infografik: Die größten Ängste der Deutschen  | Statista

In einer Umfrage von November 2016 war die größte Angst der Deutschen die Sorge vor Armut und sozialer Ungleichheit.

Doch Statistiken zeigen, dass diese Ängste nicht ganz rational sind.

Denn laut Hüther ist die Einkommensverteilung in Deutschland insgesamt stabil geblieben.

Allerdings gibt es hier eine Einschränkung: Wo die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung zwischen 2000 und 2014 einen Anstieg des realen verfügbaren Haushaltseinkommens von 14 Prozent verzeichnen konnte, erlitten die ärmsten zehn Prozent einen Verlust von neun Prozent. Zugleich gab es selbst für die mittlere Einkommensgruppe nur ein Plus von einem Prozent.

"Wir erleben ein Wachstum, das nicht mehr zu einem 'Wohlstand für alle' führt", warnt Peter Bofinger deshalb in der "Welt".

3. Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor

Die oben aufgezeigte gute Entwicklung bei den Arbeitslosenzahlen ist laut Bofinger vor allem auf eine steigende Teilzeitarbeit zurückzuführen: "Gegenüber dem Jahr 2000 haben wir heute fast 1,4 Millionen weniger Vollzeitarbeitsplätze, allerdings 4,8 Millionen zusätzliche Teilzeitarbeitsplätze". Der Großteil davon, das zeigen Zahlen des Bundesarbeitsministeriums, sind Frauen.

Ob Teilzeitarbeit deshalb per se negativ ist, lässt sich nicht abschließend sagen. Allerdings würden rund die Hälfte derjenigen, die nur wenige Stunden die Woche arbeiten, mehr Stunden machen und damit mehr verdienen.

4. Befristete Stellen, Leiharbeit und Minijobs

Eine Analyse der "Zeit" ergab, dass zwar die Leiharbeit in den vergangenen Jahren zugenommen habe.

Aber: Die befristeten Stellen gingen um 200.000 auf 2,5 Millionen, die Minijobs um 80.000 auf 4,8 Millionen und die Solo-Selbstständigen um 120.000 auf zwei Millionen zurück. Wichtig: Da es Überscheidungen gibt, können die Zahlen nicht einfach addiert werden.

Bezogen auf die gesamte Beschäftigung von rund 36,5 Millionen Menschen halte sich Zahl der Leiharbeitnehmer mit rund einer Million in Grenzen, sagt Bofinger. Insbesondere im öffentlichen Sektor beobachte er aber einen Trend hin zur befristeten Beschäftigung. Deutschlandweit hatte 2014 jeder Zehnte Arbeitnehmer nur einen Vertrag auf Zeit.

Hüther unterstreicht, dass die Befristungsquote seit 2005 nahezu konstant ist. Dabei sind Jüngere – auch ohne Berücksichtigung der Auszubildenden – häufiger befristet beschäftigt als Ältere. Der Anteil der Zeitarbeiter stieg von 1,1 Prozent im Jahr 2005 auf heute 2,3 Prozent. "Von einer Überhandnahme kann man da nun wirklich nicht sprechen", betont Hüther.

5. Löhne

Infografik: Geringe Steigerung der Reallöhne erwartet | Statista

In den vergangenen zwei Jahren konnten sich die Arbeitnehmer über ein Plus im Geldbeutel freuen. 2015 lag die Lohnsteigerung bei 2,7 Prozent, im vergangenen Jahr bei 2,5 Prozent.

Allerdings stiegen aus Sicht Bofingers die Löhne im Vergleich zu den Unternehmensgewinnen zu wenig. Demnach müssten die Löhne heute um 18 Prozent über dem tatsächlichen Niveau liegen.

Außerdem geht die "Lohnschere in Deutschland wieder weiter auseinander", schreibt das "Handelsblatt" unter Berufung auf bislang unveröffentlichte Daten des Bundesfinanzministeriums. Zwischen 2012 und 2014 hatte das Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik noch einen Rückgang der Lohnungleichheit festgestellt.

Der Trend scheint sich nun umzukehren. Der Einkommensanteil der oberen zehn Prozent der Lohnempfänger stieg im Jahr 2016 leicht um 0,3 Prozent auf jetzt 31,7 Prozent. Die Reichen werden reicher.

Deutschland gehöre trotz seiner moderaten Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren unverändert zu den Ländern mit den höchsten Stundenlöhnen weltweit, sagt Hüther. So habe kein Euro-Land höhere industrielle Bruttostundenlöhne als Deutschland.

6. Altersarmut und Renten

Die Zahl der von Armut oder Ausgrenzung bedrohten älteren Menschen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren auf fast sechs Millionen gestiegen.

Waren 2010 noch 4,9 Millionen Menschen im Alter von 55 und älter betroffen, stieg deren Zahl seither kontinuierlich auf zuletzt 5,7 Millionen, wie aus Daten des Europäischen Statistikamts Eurostat hervorgeht. Damit waren 2015 20,8 Prozent aller Menschen im Alter von 55 Jahren und älter von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht (2006 waren es noch rund acht Prozent). Betroffen ist, wer mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts auskommen muss,

Bofinger warnt, dass viele Rentner künftig nicht in der Lage sein werden, "die geringen Leistungen aus der gesetzlichen Rente durch Vorsorgesparen auszugleichen".

Hüther betont aber, dass der tatsächliche Anteil der Personen, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, seit drei Jahren bei drei Prozent liegt. Die Zahlen zum Armutsrisiko und zur tatsächlichen Armut klaffen also weit auseinander.

7. Chancengleichheit

Infografik: Gleichstellung von Frauen noch weit entfernt | Statista

Im weltweiten Vergleich sind in Deutschland die beruflichen Möglichkeiten und Bedingungen für Frauen - sei es in der Wirtschaft, der Politik, der Gesundheit oder der Bildung - wesentlich schlechter als bei Männern. Im Jahr 2016 konnte die Kluft zwischen Männern und Frauen nur zu 76 Prozent geschlossen werden.

Doch nicht nur zwischen den Geschlechtern, auch zwischen gesellschaftlichen Schichten besteht nach wie vor viel Nachholbedarf.

Laut einem OECD-Bericht von 2015 haben in Deutschland nur 19 Prozent der 25- bis 34-jährigen Erwerbstätigen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern (OECD-Durchschnitt: 32 Prozent).

Ebenso lag 2012 die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeiterkind studiert, ähnlich niedrig bei 23 Prozent. Im Vergleich dazu studieren 77 von 100 Akademikerkindern. Zudem ist der Anteil von Studenten mit Eltern aus den unteren Bildungsschichten seit Jahren rückläufig.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher sagt: "Für mich liegt das Problem der Ungleichheit in Deutschland vor allem in der Chancenungleichheit. Im Vordergrund sollte deshalb kein Verteilungskampf stehen, sondern die Förderung jedes Einzelnen, damit er sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann."

Fazit

In den meisten Bereichen stimmt der pauschale Befund nicht, dass Deutschland ungerechter geworden ist. Mehr Menschen haben heute einen Job als noch vor ein paar Jahren, aber auch mehr Menschen arbeiten nur Teilzeit.

Die Löhne entwickeln sich für die Mehrheit der Deutschen positiv - allerdings nicht für den armen Teil der Bevölkerung. Am deutlichsten fallen die Probleme bei der mangelnden Chancengleichheit und bei den Aufstiegschancen aus.

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(ben)