Harry Belafonte: Entertainer-Legende wird 90 Jahre alt

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Eine lebende Legende: Harry Belafonte

Er hat eine wunderbare Stimme. Dunkel, etwas heiser und rau. Wenn er sie erhebt, hören ihm Millionen von Menschen gebannt zu. Nicht nur, wenn er singt. In jüngster Zeit ist er für seine Verhältnisse ziemlich leise geworden. Obwohl es wahrlich genug Gründe gäbe, die Stimme laut zu erheben. Vielleicht ist es doch das Alter: Am heutigen Mittwoch wird Harry Belafonte 90 Jahre alt.

Ein Weltstar und strahlende Legende

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Er ist immer noch ein Weltstar. Einer jener wenigen strahlenden Legenden, die scheinbar für die Ewigkeit eine Zeit erhellen, die austauschbare Stars mit Halbwertzeiten von Sternschnuppen wie am Fließband produziert. Doch wie das so ist, mit den großen Legenden im irrlichternden Show-Universum: Mit der Zeit trübt das Auge ein, man übersieht den wahren Glanz.

Eigentlich ist einer wie Harry Belafonte nicht zu übersehen, auch rein äußerlich nicht. Selbst in seinem hohen Alter ist er immer noch ein bemerkenswert schöner Mann. Unter dem kahl rasierten Schädel erhebt sich eine nahezu faltenlose hohe Stirn, die braunen Augen können je nach Bedarf mild oder zornig funkeln, und mit seinem Lächeln hat er seit vielen Jahrzehnten fast alle erobert (drei Ehefrauen, vier Kinder).

Er hat alles erreicht

Schauspieler, Sänger, TV-Entertainer, Moralist - das sind im Ungefähren Harry Belafontes Betätigungsfelder. In jeder Kategorie ist er berühmt geworden. Oscar, Grammy und zahlreiche andere Preise hat er für seine Arbeit erhalten. Doch eine Ehrung liegt ihm ganz besonders am Herzen: Die Bibliothek von Harlem wird künftig Harry Belafontes Namen tragen. "Harlem hat einen ganz speziellen Platz in meinem Herzen, und ich fühle mich geehrt, dass ich jetzt einen speziellen Platz in Harlem haben werde", sagte er.

In just diesem New Yorker Stadtteil wurde Belafonte am 1. März 1927 als Sohn des Matrosen Harold George Bellanfanti aus Martinique und der Hilfsarbeiterin Malvene Love aus Jamaika geboren. Vier Jahre verbrachte er mit seinen beiden älteren Brüdern in der Heimat der Mutter, dann zog die Familie zurück nach New York, zurück ins damalige Schwarzen-Ghetto. Dort hat er all die Diskriminierung erleben müssen, denen dunkelhäutige Menschen ausgesetzt waren. Sie hat ihn fürs Leben geprägt.

Auf der Schauspielschule mit Marlon Brando

Während des Zweiten Weltkriegs diente Belafonte in der US-Navy, nach seiner Rückkehr stand der Entschluss fest: Er wollte Schauspieler werden, schaffte die Aufnahme in die berühmte Theaterschule "Dramatic Workshop" des deutschen Schauspielers Erwin Piscator und lernte die Werke von Tschechow, Brecht und Shakespeare kennen. Mit ihm studierten der junge Walter Matthau, Tony Curtis und auch Marlon Brando, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.

"Ich wollte der erste schwarze Hamlet werden", sagte er mal in einem Interview. Es ist anders gekommen. Hollywood lockte - und bald war er mit Filmen wie "Bright Road", "Carmen Jones", "Island in the Sun", "The World, the Flesh und the Devil" oder "Odds against Tomorrow" der erste schwarze Weltstar.

Seine zweite große Leidenschaft: die Musik

Gleichzeitig lebte Harry Belafonte, ähnlich wie Frank Sinatra, seine zweite große Leidenschaft aus: die Musik. Er war ein hochbegabter Jazzsänger und arbeitete in New Yorker Clubs mit Größen wie Miles Davis oder Charlie Parker. Doch mit seiner unvergleichlichen Interpretation von karibischer Volksmusik stieg er in den Olymp der Unsterblichen auf. Da war er gerade mal 30 Jahre alt. Der "King of Calypso" schuf Ohrwürmer wie "Island in the Sun", "Mathilda" oder den Superhit "Banana Boat Song", zu dem die halbe Welt mitsang: "Daaay-O". Insgesamt hat er über 100 Millionen Platten verkauft.

Als TV-Entertainer mit einer eigenen Show entdeckte er selbst Berühmtheiten wie Bob Dylan. Und Belafonte hatte in den 80er-Jahren als erster die Idee, eine Benefiz-Single für das hungernde Afrika aufzunehmen. So entstand 1985 das Projekt "USA for Africa". Die größten amerikanischen Pop- und Rockstars (Michael Jackson, Lionel Richie, Stevie Wonder, Paul Simon, Bruce Springsteen, Diana Ross, Tina Turner, Ray Charles, Cindy Lauper und viele weitere) spielten "We Are the World". Die Single verkaufte sich mehr als 20 Millionen Mal.

"So sieht die Hölle aus - in Verkleidung des Himmels"

Der Mensch Harry Belafonte musste auch mit seinen dunklen Seiten fertig werden. "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein armer Junge aus Harlem, der Rassismus und Ausgrenzung kennengelernt hat", sagte er in einem Interview, "und auf einmal fliegt dir alles zu: Geld, Drogen, Mädchen. Und zwar in einem absurden Ausmaß. So sieht die Hölle aus - in Verkleidung des Himmels."

Er trank, und er spielte. In seiner Autobiographie "My Song" berichtet er von seiner Spielsucht, von der zunächst nur seine erste Frau, sein Therapeut und einige Freunde wussten. "Sie waren entsetzt, als sie mitbekamen, dass ich ein Vermögen verspielt hatte", sagte Belafonte in einem Interview mit "Bild". Er habe "mehrere Male um die 100.000 Dollar verspielt, auch mal 50.000 oder auch mal nur 25.000. Die konnte ich mit einer Hand loswerden."

Plötzlich habe er keinen Penny mehr in der Tasche gehabt. "Ich war damals der am besten bezahlte Künstler Amerikas, trotzdem gab es die Situation, dass ich dem Staat 126.000 Dollar überweisen musste und dieses Geld im Casino gelassen hatte. Ich musste dann einen Kredit aufnehmen." Erst nach langen Gesprächen mit seinem Therapeuten sei er von der Sucht losgekommen.

Besonderes Verhältnis zu Deutschland

Ein ganz besonders Verhältnis hat Harry Belafonte zu seinem deutschen Publikum. Die Deutschen seien seine größten Fans. Sein erster Besuch in Deutschland habe sich ihm eingebrannt. Er wollte erst gar nicht kommen, die Erinnerung an den Krieg und an das "Dritte Reich" der Nazis war noch zu frisch. Mit einem "mulmigen Gefühl" begann er seinen Auftritt, schilderte Belafonte der "Welt". Dann sang er das hebräische Lied "Hava Nageela". Das Publikum sang mit.

"War das nicht seltsam?", schreibt er in seiner Autobiografie. "Ein deutsches Publikum, das voller Begeisterung ein jüdisches Volkslied sang? Nur 13 Jahre nach dem Krieg?" Das sei das Schlüsselerlebnis gewesen, das seine Sicht auf Deutschland dauerhaft verändert habe: "Die Dankbarkeit, die Liebe und Herzlichkeit, die mir von diesem deutschen Publikum entgegengebracht wurde, zählt zu den schönsten Erinnerungen meiner Karriere."

Er kämpft gegen Armut, Rassismus, Umweltverschmutzung

Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt der politische und soziale Moralist Harry Belafonte. Seit seiner Jugend kämpft er gegen Armut, Rassismus, Umweltverschmutzung in den USA und auf der ganzen Welt. Er war eng mit dem 1968 ermordeten schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King, mit Eleanor Roosevelt, der Ehefrau des 32. US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, mit Robert F. Kennedy und Nelson Mandela befreundet. Aus dem "King of Calypso" war ein singender Bürgerrechtler geworden, der von der UNICEF zum Botschafter ernannt wurde.

Als er aber die Chance hatte, der erste schwarze Senator von New York zu werden, lehnte Belafonte ab. Warum? "Wenn du in die Politik gehst, musst du bereit sein, Kompromisse einzugehen. Politiker verhandeln Interessen, und ich wollte nicht über etwas verhandeln, woran ich glaube. Ich wollte dafür kämpfen. Die Plattform, die ich habe, ist viel mächtiger als die, die ich als Senator gehabt hätte. Künstler sind die kraftvollste Quelle im Universum und die Hüter der Wahrheit."

Deutliche Worte gegen Bush

Belafonte kann durchaus zornig werden. So bezichtigte er den US-Präsidenten George W. Bush des Terrorismus und sagte 2007 in der "Bild am Sonntag": "Wer gibt uns das Recht, die Menschen im Irak zu töten? Bush behauptet, dass Amerika zum ersten Mal Terroristen jagt. Dabei ist Terrorismus ein Teil des amerikanischen Systems. Amerika hat eine ganze Rasse vernichtet, die Indianer. Das ist Terror." Den damaligen (schwarzen) Außenminister Colin Powell bezeichnete er als einen "Haussklaven", der seinem Herrn Bush ohne Widerspruch und eigene Meinung gehorche.

Von Barack Obama enttäuscht

Auch von Präsident Barack Obama war Harry Belafonte enttäuscht. "Ihm fehlt es an einer fundamentalen Empathie für die, die wirklich gar nichts haben. Ganz egal, ob sie schwarz oder weiß sind... Ich habe Hoffnung in jeden guten Präsidenten gesetzt, aber nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern wegen dem, was ihn als Mensch ausgemacht hat. Ich habe nicht das Gefühl, dass Obama mehr als ein Mensch sein kann. Darum macht es keinen Unterschied, dass er ein schwarzer Präsident ist."

Und nun? Hat der amtierende Präsident Donald Trump Belafonte die Sprache verschlagen? Nicht ganz. Unlängst haute er einen Satz raus, der selbst Trump sprachlos gemacht hätte. In einem Gespräch mit der Bewegung "Democracy Now!" sagte Harry Belafonte im Dezember 2016, er werde, falls man ihm eine Plattform dafür biete, eine Rede mit den Worten beginnen: "Willkommen im Vierten Reich!"

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