Forscher zeigen, dass Deutschland dort am ärmsten ist, wo es die wenigsten vermuten

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Forscher zeigen, dass Deutschland dort am ärmsten ist, wo es die wenigsten vermuten | mgs via Getty Images
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  • Deutschland diskutiert über soziale Gerechtigkeit
  • Forscher haben jetzt einen erstaunlichen Befund zum Thema Armut
  • Sie ist vor allem in vielen wohlhabenden Gegenden ein Problem

Martin Schulz gibt sich als Robin Rood - als Rächer der Entrechteten und Armen. Sein Befund: In Deutschland geht es ungerecht zu, Millionen Bürger drohen abgehängt zu werden.

Aber stimmt das wirklich?

Eine der interessantesten Antworten bisher geben Forscher des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) jetzt in einer aktuellen Studie.

Ihr Ergebnis, wie die Tageszeitung "Die Welt" berichtet: Ja, in Deutschland gibt es Armut, aber sie ist anders verteilt als viele erwarten. Denn sie ist vor allem in großen, eigentlich wohlhabenden und teuren Metropolen ein Problem und nicht in den vermeintlich abgehängten Landkommunen. Armuts-Hotspots sind demnach unter anderem München, Frankfurt und Berlin-Mitte.

Die IW-Forscher haben sich für ihre Untersuchung das durchschnittliche Einkommen der Menschen angesehen und die Lebenshaltungskosten an den Orten, an denen sie leben.

Armut ist ein Problem der Metropolen

Gemessen an der regionalen Kaufkraft des Einkommens seien in den Städten durchschnittlich 21,4 Prozent der Menschen arm oder von Armut bedroht. In ländlichen Regionen seien es deutlich weniger, nämlich 13,7 Prozent, schreiben die Forscher.

Als arm gelten in der Studie Personen, die über weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens verfügen. Der Median bezeichnet die Einkommenshöhe, die jeweils die Hälfte der Haushalte oder Personen unter- und die andere Hälfte überschreitet.

Das folgt der Definition der Europäischen Kommission. Wer die 60-Prozent-Marke unterschreitet, könne nicht uneingeschränkt am sozialen Leben teilhaben, so die Argumentation. Bedeutet: Für Kinobesuche oder andere Freizeitaktivitäten bleibt kein Geld, Kinder können zum Beispiel nicht auf den Schulausflug.

Mehr zum Thema: Martin Schulz kämpft für soziale Gerechtigkeit - aber wie schlecht geht es Deutschland wirklich?

Nur ein Ort im Osten unter den 10 am stärksten betroffenen

Weil zum Beispiel in der bayerischen Landeshauptstadt München die Kosten für Mieten, öffentliche Verkehrsmittel oder Lebensmittel höher ausfallen als im bundesweiten Durchschnitt, gilt dort laut der Studie eine alleinstehende Person mit einem Monatsnettoeinkommen von 1128 Euro als arm. Gemessen am Einkommen seien nur neun Prozent der Münchner armutsgefährdet, gemessen an der Kaufkraft schon 17,5 Prozent.

Zum Vergleich: Im bayerischen Tirschenreuth sei ein Single erst ab 823 Euro armutsgefährdet, zitiert die "Welt" aus der Studie. Im bundesweiten Schnitt betrage die Armutsgrenze 917 Euro.

In Ostdeutschland sind über 19 Prozent der Menschen arm, sehe man sich nur das Einkommen an, schreiben die Autoren der Studie. Rechnet man die Kaufkraft mit ein sind es rund 17 Prozent. Ebenso viele wie in München.

Die nach diesem Ansatz am stärksten armutsgefährdeten Orte sind: Bremerhaven, Gelsenkirchen, Köln, Frankfurt am Main und Düsseldorf, Stuttgart, der Nordosten Deutschlands. Als einziger Ort im Osten landen die in der Studie zusammengefassten Berliner Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg unter den Top 10.

Das sind die am stärksten gefährdeten Personengruppen

Die IW-Studie sagt auch, welche Personengruppen am stärksten von Armut gefährdet sind: Arbeitslose, Migranten und Alleinerziehende. Diese Gruppen drohten den gesellschaftlichen Anschluss zu verlieren. Denn sie können sich nicht leisten, was für andere normal sei - wie etwa ein Kinobesuch mit der ganzen Familie oder eine Urlaubsreise, schreibt die "Welt".

Mehr zum Thema: "Ich kann mir nicht einmal eine neue Hose leisten" - ein alleinerziehender Vater klagt an

Die Forscher fordern in der Studie dann auch diese Gruppe besonders finanziell zu fördern, statt weiter Mittel vorwiegend in ländliche Regionen fließen zu lassen.

Die Studie verhilft aber noch zu einer weiteren wichtigen Erkenntnis: Um die Armut in Deutschlands wirksam zu bekämpfen, ist nicht die Gießkanne das richtige Mittel. Denn eine Hartz-IV- oder Rentenerhöhung in ganz Deutschland heißt noch nicht, dass damit armutsgefährdeten Menschen in München oder Frankfurt geholfen ist.

Viel wirkungsvoller wären wohl regionale Ansätze wie Mietzuschüsse oder mehr Sozialwohnungen. Damit lässt sich nur leider kein Bundestagswahlkampf machen.

(mf)

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