"So hat jede Diktatur angefangen": Theater-Intendanten warnen vor rechten Attacken auf ihre Häuser

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  • Quer durch die Republik üben rechte Aktivisten Druck auf Theater aus
  • Das haben wir zum Anlass genommen, einen Aufruf unter den Intendanten der größten deutschen Theater zu starten

Es war eine Geschichte, die Wellen schlug. Vergangene Woche hatte die Huffington Post berichtet, dass rechte Aktivisten zunehmend Theaterschauspieler beleidigen, Intendanten bedrohen und Theater stürmen.

Die rechten Aktivisten haben es dabei auf eine besonders wertvolle Errungenschaft unserer Gesellschaft abgesehen: die Kunstfreiheit.

Kein Wunder, dass die Intendanten vieler deutscher Theater tief besorgt sind. In der Huffington Post haben sich einige von ihnen daher zusammengetan, um auf dieses Problem hinzuweisen.

Ob vom Deutschen Theater in Berlin, den Kammerspielen in München, dem Schauspiel Stuttgart oder dem Thalia Theater in Hamburg: Viele Theaterleiter zeichnen ein düsteres Bild der Situation.

Aber sie geben sich auch kämpferisch – und sagen: Rechtspopulisten wollen das Wertvollste zerstören, was unsere Gesellschaft hat - es ist Zeit, ein Zeichen zu setzen.

Einer der bekanntesten Theatermacher Deutschlands war etwa mit einer Morddrohung konfrontiert.

"Den Kulturbetrieb, wie wir ihn unter Schutz der Meinungsfreiheit aufgebaut haben, wollen AfD und andere Rechtspopulisten nicht. Sie wollen ihn radikal verändern"

matthias lilienthal

Matthias Lilienthal, Kammerspiele München

Matthias Lilienthal, Intendant der Kammerspiele in München, vergibt ein Drittel der Produktionen an internationale Regisseure. In der nächsten Spielzeit will Lilienthal sogar ein sogenanntes Open Border Ensemble mit Geflüchteten engagieren, um die Flüchtlingsproblematik ins Theater zu bringen.

Rechte “sehen das als Bedrohung an”, sagt Lilienthal. Und das bekomme er zu spüren.

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise machte Lilienthal bundesweit mit einer Schleppertagung Schlagzeilen. Einer Kunstaktion, nach der ihm Rechte Drohbriefe schrieben, vor seinem Theater aufmarschierten und ihm mit Mord drohten.

Durch die Bundesrepublik gehe ein Klima der “Renationalisierung”, das die Kulturlandschaft zerstöre. AfD und andere Rechtspopulisten wollen nach eigener Aussage “den Schweinestall der 68er ausmisten”, warnt er.

Das wirft die Frage auf, ob Theater politisch sein müssen. Lilienthal hat darauf eine klare Antwort: “Ja, unbedingt!”. Unter politisch versteht er nicht, dass sich Theater einer Partei oder Person verschreiben - etwa Angela Merkel. Sondern, dass sie die Demokratie schützen.

Theater seien die wenigen verbliebenen Laboratorien, in denen wir “unter dem Schutz der Meinungsfreiheit alles nur erdenkliche zeigen können”, sagt der gebürtige Berliner. “Diese Laboratorien werden von Populisten bedroht. Und deswegen ist es wichtig, dass sich Theater gegen sie auflehnen.”

Der Erfurter Intendant Guy Montavon ist nicht weniger besorgt als Lilienthal. Der Schweizer leitet seit fast 15 Jahren das Theater der Thüringer Landeshauptstadt.

In Laufweite hielt Björn Höcke (noch AfD) seine Mittwochsdemos ab und peitscht seine Fans mit rechter Hetze auf. Und im nicht weit entfernten Chemnitz ließen Nazis eine Bombe vor einem Theater hochgehen.

"Jede Diktatur hat angefangen, indem sie ihre Dichter und Poeten niedergetrampelt und exekutiert hat"

montavon

Guy Montavon, Theater Erfurt

“Jede Diktatur hat angefangen, indem sie ihre Dichter und Poeten niedergetrampelt und exekutiert hat”, sagt Montavon mit Bezug auf die Oper Andrea Chénier von Umberto Giordano. Sie erzählt das Schicksal eines französischen Dichters, der in der Französischen Revolution mit nur 31 Jahren auf der Guillotine endete.

Dass Nazis Theatermacher diffamieren, gibt ihm zu denken. “Das ist der leichtere und feigere Weg, als etwa Politiker anzugreifen”, sagt er. Rechtspopulisten schöpften aus der Dummheit der Menschen Soldaten. Theater müssten “dieses Manko an offener Weltanschauung bekämpfen”.

Montavon ist optimistisch, dass das gelingt. “Ich bin nicht jemand, der in Hysterie verfällt”, sagt er. Die Deutschen ließen sich nicht einfach von den Rechten kaputt machen – da glaube er an die Intelligenz der Bevölkerung.

Von extremen Druck aus der Politik berichtet Holger Schultze, Intendant am Theater und Orchester Heidelberg.

Ein AfD-Stadtrat hatte die Entlassung von sechs Schauspielern gefordert und dazu auf Facebook einen Trailer zu der Aufführung “Peak White – Wirr sinkt das Volk” gepostet. Das Stück zeigt Pflegeheim-Bewohner, die ihren fremdenfeindlichen Ressentiments nachhängen.

"Unsere Kultur wird angegriffen. Und auf dieser Ebene sollten wir antworten"

schultze

Holger Schultze, Theater und Orchester Heidelberg

“Die Sorge, dass Rechtspopulisten die Kulturfinanzierung kürzen wollen, ist leider Tatsache”, sagt Schultze.

Das seien Grenzüberschreitungen, die man klar benennen müsse. “Unsere Kultur wird angegriffen”, sagt er. “Und auf dieser Ebene sollten wir antworten.” An Theatern, in den Medien und in Schulen - denn noch sei Deutschland “glücklicherweise eine Demokratie”.

Am Theater Magdeburg, in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, wirbt die Intendantin Karen Stone deswegen auch für Offenheit und Toleranz. “Diese Werte und die Verteidigung der Meinungsfreiheit finden immer wieder Eingang in unsere Spielpläne, so zum Beispiel mit den Texten von Shakespeare oder Schiller”, sagt sie.

"Offenheit und Toleranz sind Werte, die wir erlernen können, indem wir gemeinsam über Lösungen diskutieren"

stone

Karen Stone, Theater Magdeburg

Das Theater machte im vergangenen Jahr Schlagzeilen, weil es den Rechtsideologen Götz Kubitschek auf eine Podiumsdiskussion einlud.

Auch so kann man Offenheit und Toleranz auffassen. “Das sind Werte, die wir erlernen können, indem wir gemeinsam über Lösungen diskutieren und nicht, indem wir einzelne Gruppen dämonisieren oder unliebsame Meinungen unterdrücken.”

Selbst Armin Petras, Intendant Schauspiel Stuttgart, warnt vor Fremdenangst, obwohl es in der Stadt keine große rechtsextreme Szene gibt.

Das Reaktionäre dränge sich wieder vermehrt nach vorn - "auch in den Diskussionen rund um das Medium Theater, um ‘Tradition’ oder ‘Sprechkunst’ auf den Bühnen”, sagt Petras. Theater sei “in der Pflicht, sich zu positionieren”.

"Das Theater steht mitten drin in einer gesamtgesellschaftlichen Debatte und ist in der Pflicht, sich zu positionieren"

petras

Armin Petras, Schauspiel Stuttgart

Das Theater veranstaltet etwa ein internationales Chorprojekt und einen Aktionstag gegen die "Demo für alle", die mit homophoben Tendenzen in Straßen Stuttgarts marschiert.

Am Deutschen Theater in Berlin bestimmt das Thema Angst sogar die aktuelle Spielzeit. “Keine Angst vor niemand” antwortete uns Intendant Ulrich Khuon schlicht auf unsere Anfrage.

"Keine Angst vor niemand"

Ulrich Khuon, Deutsches Theater Berlin

In einem Video sagt er: “Wir müssen die Ängste untersuchen und die Streitbarkeit einer toleranten Gesellschaft mitbefördern, ohne alles zu einfach darzustellen.”

Am Thalia-Theater in Hamburg ereignete sich hingegen etwas, was in Deutschlands Theaterlandschaft höchst selten ist. Weil sich die Hamburger so offensiv in der Flüchtlingskrise engagieren, sagte der Regisseur Alvis Hermanis eine dortige Inszenierung ab. Denn Flüchtlinge seien potentielle Terroristen, meint der Lette.

Dass eine Inszenierung aus politischen Gründen abgesagt wurde, hatte der Intendant Joachim Lux vorher noch nie erlebt. Auch habe er "nie für möglich gehalten, dass humanitäres Engagement für Hilfsbedürftige zur Aufkündigung der Zusammenarbeit führen" könnte, sagt Lux damals dem Deutschlandradio.

"Ich glaube nicht, dass es gut wäre, jetzt auf Antifa-Aktionen gegen den braunen Mob zu setzen. Der Kern ist etwas anderes: die Wiederentdeckung von gemeinsamen Ideen, für die es sich lohnt, zu leben"

lux

Joachim Lux, Thalia Theater in Hamburg

"Plötzlich gilt es, tatsächlich etwas zu verteidigen", sagt Lux. Er sieht in den Übergriffen auf Theater eine “tiefe Krise der westlichen Demokratie”. Die Angst vor der Globalisierung habe den Menschen überfordert. Das müsse man – Rechtspopulismus hin oder her – erstmal akzeptieren.

Hier gebe es ein”„tiefes Emotionsdefizit”. Außerdem habe sich die Idee von “Frieden und Freiheit” mit dem “Aussterben der Kriegsgeneration verbraucht”, sagt Lux.

Ein “Weiter so” befriedige nicht den Hunger nach Utopie, Aufbruch und Veränderung.

Er glaubt zwar nicht, dass es jetzt gut wäre, “auf Antifa-Aktionen gegen den braunen Mob” zu setzen. Grenzüberschreitungen sollten sich Polizei und Staatsanwälte annehmen.

Der Kern sei etwas anderes: “Die Wiederentdeckung von gemeinsamen Ideen, für die es sich lohnt, zu leben. Und dafür zu kämpfen.”

Die Attacken von Rechtsextremen auf Theater nehmen dramatische Ausmaße an

Die Künstler vieler deutscher Theater sind tief besorgt. In HuffPost-Blogs schreibe sie darüber, wie radikal die Angriffe der Rechtspopulisten geworden sind.

Holger Schultze, Intendant des Theaters und Orchesters Heidelberg
Unsere Kultur wird angegriffen - wir müssen uns wehren, solange es noch geht

Joachim Lux, Intendant Thalia Theater
Plötzlich gilt es, tatsächlich etwas zu verteidigen

Falk Richter, Regisseur und Autor
"Es gab Morddrohungen" - wie rechte Hetzer mich zum Schweigen bringen wollten

Michael Wegner, Interimssuperintendent der Evangelische Kirche Mitteldeutschland
"Der Ton wird rauer" – auch die Kirchen bekommen die fremdenfeindliche Stimmung zu spüren

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