POLITIK
24/02/2017 11:06 CET | Aktualisiert 24/02/2017 12:28 CET

Der Mord an Kim Jong Uns Halbbruder entwickelt sich zu einem echten Agententhriller

AP
Kim Jong Nam (links) ist der Halbbruder des Diktators Kim-Jong Un (rechts)

  • Der Mord an Kim Jong Uns Halbbruder Kim Jong Nam gibt einige Rätsel auf

  • Fest steht: Nam wurde durch das Nervengift VX getötet

  • Doch von den nordkoreanischen Hintermännern des Attentats fehlt jeder Spur

Am 13. Februar stellt sich ein etwas dicklicher Mann mit Glatze, Brille und einer Sport-Tasche am Check-in Schalter von AirAsia im Terminal KLIA2 des Kuala Lumpur International Airport in Malaysia an. Es ist das Terminal für Billig-Flieger.

Die Überwachungskameras zeichnen auf, wie in der profanen Abflughalle eine Mischung aus Tom-Clancy-Roman und Shakespeare-Tragödie ihren Höhepunkt findet. Eine Frau spricht den Mann an. Während er abgelenkt ist, nähert sich von hinten eine weitere Dame, die ihm ein Tuch auf das Gesicht drückt. Dann laufen beide in unterschiedlichen Richtungen davon.

So banal lief ein Auftragsmord ab, der zurzeit Südost-Asien in Atem hält. Denn das Opfer ist nicht irgendein Mann - sondern Kim Jong Nam, Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un.

Nam war in den 70er-Jahren in Nordkorea in Ungnade gefallen, weil sich sein Vater Kim Jong Il von seiner Mutter, der Schauspielerin Sung Hae Rim, getrennt hatte. Eigentlich sollte er Nachfolger des Diktators werden, stattdessen wurde er von der Nachfolge in der Kommunisten-Dynastie ausgeschlossen.

2001 wurde Nam in Japan mit einem gefälschten Pass der Dominikanischen Republik aufgegriffen, als er auf dem Weg ins Disneyland in Tokio war. Seither lebte er in der chinesischen Casino-Stadt Macau. In dieser Sonderverwaltungszone soll er 2009 um politisches Asyl gebeten haben.

Es begann sich abzuzeichnen, dass sein Halbbruder Kim Jung Un die Führung über die Diktatur in Nordkorea übernehmen würde. Kim Jong Nam wurde verbitterter und kritisierte in Gesprächen mit Journalisten die nordkoreanische "Erbdynastie" der Kims.

Kritik an Nordkoreas Diktatur wurde Nam zum Verhängnis

"Persönlich bin ich gegen eine erbliche Nachfolgeregelung über drei Generationen. Doch ich denke, es gibt einen internen Grund dafür. Wenn das so ist, müssen wir das wohl befolgen", sagte Kim Jong Nam in einem Gespräch mit einem japanischen Sender 2010.

Das war wahrscheinlich ein tödlicher Fehler.

Die Bilder der Überwachungskameras am Flughafen zeigen, wie er ruhig zu einem Informationsschalter läuft, nachdem ihm die Frau das Gifttuch in sein Gesicht gedrückt hatte. Er spricht zu drei Wachen und zeigt dabei auf sein Gesicht. Dann wird er aus dem Flughafengebäude geführt, zu einer medizinischen Station ein Stockwerk tiefer. Innerhalb von Minuten muss er in einem Krankenwagen versorgt werden.

Doch zu spät: Noch auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt Kim Jong Nam. Bei einer Autopsie findet die Polizei auf Augen und Gesicht des Toten Spuren des geächteten chemischen Kampfstoffs VX, gab der malaysische Chefermittler Khalid Abu Bakar am Freitag bekannt.

VX ist das Nervengift, das auch aus dem Film "The Rock" mit Sean Connery und Nicolas Cage bekannt ist. Es verursacht zunächst Husten und Übelkeit. Dann lähmt es die Atemmuskulatur. Innerhalb weniger Minuten führt es zum Tod unter starken Krämpfen und Schmerzen.

"Sehr schmerzhaft, sehr schmerzhaft, ich wurde mit Flüssigkeit besprüht", sollen nach Angaben der malaysischen Zeitung "The Star" die letzten Worte von Kim-Jong Nam gewesen sein.

Zwei Frauen als "Gecko-Schwänze"

Die beiden verdächtigen Frauen werden festgenommen. Doch sie scheinen selbst eher Opfer als Täterinnen zu sein. "Gecko-Schwänze", wie sie im Jargon des südkoreanischen Geheimdienstes heißen. Ahnungsloses Kanonenfutter, auf das man leicht verzichten kann.

Die Frauen brachten sich selbst in Lebensgefahr, als sie mit dem Gift hantierten. Jene, die die hochgiftige Substanz auf Kims Gesicht abgestreift haben soll, litt später unter Erbrechen, sagte Chefermittler Khalid.

Eine der Frauen ist eine 28-jährige Vietnamesin, die in einem Bauerdorf drei Stunden südlich von Hanoi aufgewachsen ist. Die andere eine 25-jährige Indonesierin, welche die Schule nach der sechsten Klasse abgebrochen hatte, mit 16 verheiratet und mit 20 wieder geschieden wurde. Nach Angaben der "New York Times" wurden sie von vier Nordkoreanern rekrutiert, während sie im "Entertainment-Bereich" in Kuala Lumpur arbeiteten - was ein Euphemismus für Prostitution sein könnte.

Polizei kommt an Nordkoreas Diplomaten nicht ran

Indonesische Beamte sollen gegenüber der "New York Times" angegeben haben, dass die Frauen glaubten, dass es sich um den Dreh eines Scherz-Videos handelte. Khalid dagegen sagte, sie hätten sehr wohl gewusst, dass es um ein Attentat ging und die Tat zuvor in Einkaufszentren geübt.

Die malaysische Polizei kommt mit den Ermittlungen um den mutmaßlichen Giftmord am Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un nicht voran. Sie verdächtigt Nordkorea, dass Attentat begangen zu haben.

Nach Angaben von Ermittlungsleiter Khalid würden die Behörden gern den zweiten Sekretär der nordkoreanischen Botschaft zum Tod von Kim Jong Nam befragen. Dieser genieße als Diplomat allerdings Immunität, und die Polizei benötige eine Genehmigung von Pjöngjang - die sie wohl nicht bekommen werde.

Khalid versuchte es deshalb mit einem Appell: "Wenn man nichts zu verbergen hat, muss man auch nichts befürchten. Man sollte kooperieren." Insgesamt wollen Ermittler drei Nordkoreaner in dem Fall befragen, die noch in Malaysia sind. Im Fall der vier Männer, welche die beiden Frauen rekrutiert hatten, bat Khalid Interpol um Hilfe.

Die "New York Times" berichtet unter Berufung auf südkoreanische Ermittler, dass bereits 2010 ein Agent Nordkoreas in China den Auftrag bekommen habe, Kim-Jong Nam zu "terminieren" und seinen Körper nach Nordkorea zu bringen. Der Mann wurde zwei Jahre später in Südkorea festgenommen und verhört.

Die vier verdächtigen Nordkoreaner sind nicht mehr aufzufinden. Sie sollen nach Angaben der Polizei in der Abflughalle gewesen sein, als das Attentat stattfand. Nachdem Kim-Jong Nam aus dem Gebäude geführt worden war, ließen sie ihre Pässe abstempeln und verließen das Land auf bereits im Voraus gebuchten Flügen. Sie hatten genug gesehen.

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(jg)

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