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Mit Kung-Fu für die Rechte der Frauen: Diese Bilder aus Kabul machen Mut

24/02/2017 18:30 CET | Aktualisiert 24/02/2017 18:30 CET

Mit graziler Leichtigkeit und konzentriertem Blick setzt Sima Azimi zum Sprung an, ihre beiden Hände umklammern den Stahl eines Jian-Schwertes. Die Klinge schneidet durch die Luft.

Über den Hügeln Kabuls unterrichtet sie als Afghanistans erste und bisher einzige Trainerin ihre Schülerinnen in chinesischem Kampfsport, Wushu.

Seit zwei Jahren macht Azimi das nun schon - rund 20 Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren sind ihre Schülerinnen.

Was zählt sind Geduld und ein starker Wille

Wushu steht als Überbegriff für alle chinesischen Kampfsportarten, darunter Kung-Fu und Tai-Chi. Das Ziel des Wushu ist es, Körper und Geist zu schulen, Beweglichkeit und Ausdauer zu trainieren. Grundvorraussetzung sind Geduld und ein starker Wille.

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Insgesamt 20 Schülerinnen konnte Azimi bisher für die chinesische Kampfkunst begeistern. Credit: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images

Die 20-Jährige Azimi kam zu dem Kampfsport, als sie als Kriegsflüchtling im Iran lebte. Dort erkämpfte sie sich in Wettkämpfen eine Gold- und eine Bronze-Medaille in Shaolin-Kung-Fu.

Doch das Ziel von Azimis Bemühungen sind nicht Auszeichnungen oder Medaillen. Sie kämpft gegen die Unterdrückung der Frauen in ihrer Heimat.

Deshalb kehrte sie zurück nach Afghanistan und gründete in Kabul eine Kampfsport-Schule, ausschließlich für Mädchen und junge Frauen.

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Zweimal pro Woche trainieren die Mädchen in den Hügeln um Kabul. Credit: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images

"Die Gewalt gegen Frauen muss endlich ein Ende finden"

Sport ist für viele Frauen Afghanistans nach wie vor verboten. Die schiitisch-persische Bevölkerung ist im Gegensatz zu anderen Ethnien allerdings in dieser Hinsicht liberaler. Nur deshalb war es Azimi möglich, genügend Mädchen für eine Kampfsportschule zu finden.

Der jungen Frau macht es Spaß, die Mädchen in ihrem Land zu unterstützen, sie dazu zu animieren, Sport zu treiben und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. "Ich will dabei helfen, dass die Gewalt gegen Frauen in Afghanistan endlich ein Ende findet“, sagte sie in einem Interview mit der BBC.

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Sport ist für viele Frauen in Afghanistan nach wie vor verboten. Credit: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images

Als Trainingsstätte dienen den Frauen ein heruntergekommener Box-Club in Kabul und die verschneiten Hügel ringsum, welche die Stadt wie eine gigantische Zange umschließen.

Hier studieren die Frauen in seidenen Kleidern ihre Schlag- und Schrittabfolgen ein, stets unter dem strengen und wachsamen Auge Azimis. Die Kulisse ist beindruckend und lässt nicht vermuten, dass in diesem Land immer noch ein brutaler Krieg tobt.

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Die kämpferischen Posen der jungen Frauen erinnern an Quentin Tarantinos Action-Trilogie "Kill Bill“, in der sich die Schauspielerin Uma Thurman im Alleingang an ihren Peinigern rächt.

Doch Kabul ist nicht Kalifornien und Azimi ist keine Schauspielerin. Unterdrückung, Leid und die Pein sind in Afghanistan nicht die fiktiven Inhalte eines kurzweiligen Kinofilms.

Sie sind die bittere Realität eines seit fast 40 Jahren zerrütteten Landes, das von Kriegen und Armut gebeutelt ist, wie kaum ein anderes dieser Erde.

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Ein Moment des Glücks: Azimis Schülerinnen machen in einer Trainingspause ein Selfie. Credit: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images

In den 80er Jahren lehnten sich die Mudschaheddin gegen die Oppression der Sowjetunion auf - mit Erfolg, doch es folgten Jahrzehnte der Unterdrückung. Insbesondere die Frauen in Afghanistan traf die militante und verklärte Auslegung der Scharia schwer.

Schul- und Sportverbot, Zwangsehen, Überwachung, Folter - die Liste der Unmenschlichkeiten ist lang und grausam.

Der Kampf gegen die Ignoranz

Und auch wenn im heutigen Kabul vieles anders ist als noch vor ein paar Jahren, halten viele Männer nach wie vor an den absurden Gesetzen des einstigen Taliban-Regimes fest.

"Wir leben hier in einem Land, in dem immer noch sehr viel Ignoranz herrscht“, sagt Azimi. "Mein Ziel ist es, mich dem Kampf gegen diese Ignoranz zu stellen."

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Azimi möchte die kulturellen und religiösen Barrieren einreißen. Credit: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images

Trotzdem zeigt sie sich auch besorgt. "Ich habe Angst um die Sicherheit meiner Schülerinnen“, sagt sie. In Kabul haben sie und ihre Schülerinnen mit vielen Repressalien zu kämpfen, weil sie sich nicht den Vorstellungen eines von Männern dominierten Gesellschaftsideals beugen wollen. "Es gibt Menschen die uns täglich Vorwürfe machen, uns sogar bedrohen", sagte sie der BBC.

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Credit: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images

Von ihrer idealistischen Arbeit lässt sich davon aber nicht abhalten. Azimi möchte die kulturellen und religiösen Barrieren einreißen und fordert eine Gleichheit der Geschlechter.

Eines Tages, so wünscht sie sich, sollen ihre Schülerinnen auch die Chance haben, an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg – doch Azimi hat Geduld.

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Credit: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images

Azimi trainiert mit ihrer Klasse mindestens zweimal pro Woche auf den Hügeln um Kabul. Bei jedem Wetter – egal ob es schneit oder stürmt.

Das Training in den Hügeln ist wie eine Metapher, die stellvertretend für Azimis starken Willen steht: Wer es in diesem Land schafft, sich der Unterdrückung der Männer zu widersetzen, dem können Wind und Wetter erst recht nichts anhaben.

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(lk)