Fluggastrechte: Wenn Airlines Geld erstatten müssen

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Banger Blick auf die Anzeigetafel: Wann geht der verspätete Flug?

Wer bei einer Airline Schadenersatz geltend macht, muss einen langen Atem haben und vor allem seine Rechte als Fluggast sehr genau kennen. "Viele Airlines ignorieren oder verneinen die Ansprüche und spielen auf Zeit", sagt Andreas Sernetz. Der Gründer von Fairplane erstreitet mit seinem Unternehmen, was Passagieren nach EU-Recht zusteht.

Ein typischer Fall: Eine fünfköpfige Reisegruppe hatte bei Condor ab München die ideale Flugverbindung für ein langes Wochenende gebucht. Donnerstags in aller Frühe hin, Sonntagabend spät zurück. Allerdings währte die Vorfreude auf vier volle Urlaubstage nicht lange. Ein Softwareproblem hatte den regulären Flieger lahmgelegt, statt um 5:50 Uhr startete eine Ersatzmaschine erst zwölfeinhalb Stunden später um 18:20 Uhr. Gab es für eine solch gravierende Verspätung eine Entschädigung? Die Antwort fanden die am Flughafen Gestrandeten im Internet mit dem auf Fluggastrechte spezialisierten Portal fairplane.de. Vier Monate später wurde jedem aus der Reisegruppe 175 Euro überwiesen. Vom von der Airline geleisteten Schadenersatz in Höhe von 250 Euro pro Person gingen 30 Prozent an die Agentur. Ein Interview mit dem Wiener Fairplane-Gründer und Geschäftsführer Andreas Sernetz (41).

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Wie viele Passagiere wenden sich an Ihr Unternehmen?

Andreas Sernetz: Da wir inzwischen Vertretungen in den sechs wichtigsten europäischen Reiseländern haben, sind es immer zwischen 15.000 und 20.000 Fälle. Um die zu bewältigen, sind neben einer speziellen Software bis zu 15 Rechtsanwälte permanent beschäftigt.

Warum stellen Geschädigte ihre Forderungen nicht direkt bei der Airline?

Sernetz: Weil die Erfolgschancen verschwindend gering sind. Die Fluggesellschaften reagieren meist erst nach Monaten oder gar nicht, streiten Ansprüche ab und spielen wieder auf Zeit. Irgendwann geben die meisten auf. Auch, weil sie ihre Rechte als Fluggast nicht kennen. Anderen wiederum ist der Aufwand zu hoch.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?

Sernetz: Sie liegt vor Gericht bei 98,5 Prozent. Wir haben 30.382 Fälle erfolgreich abgewickelt und dabei für unsere Kunden 12,2 Millionen Euro erstritten. Wenn jemand sofort Schadenersatz haben will, bieten wir ihm 50 Prozent der Summe. Wer warten kann, bis sein Fall abgeschlossen ist, bekommt 70 Prozent seiner Forderung. Das dauert dann im Schnitt zwischen zwei und vier Monate.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Airlines?

Sernetz: Naja, ein Upgrade werde ich wohl nirgends bekommen. Allerdings nehmen wir den Fluggesellschaften auch Arbeit ab, weil wir nur vorgeprüfte Fälle einreichen, von denen sie wissen, dass sie keine Chancen haben, diese zu gewinnen. Deshalb zahlen sie in 50 bis 60 Prozent aller Fälle freiwillig. Aber es gibt auch Airlines, die aus Prinzip vor Gericht gehen und so lange streiten, bis es nicht mehr geht.

Können Sie Namen nennen?

Sernetz: Selbstverständlich. TuiFly, Ryanair, EasyJet und vor allem die türkischen Billiganbieter wie Onur Air oder SunExpress sind unsere schwarzen Schafe.

Liegt das an den finanziellen Verlusten durch die Schadenersatzansprüche?

Sernetz: Natürlich sind die für die Airlines ärgerlich, aber dennoch sehr gering. Nach unseren Berechnungen haben EU-Bürger jährlich ein Recht auf 3,6 Milliarden Euro Schadenersatz wegen Flugverspätungen, 700 Millionen Euro entfallen auf Deutschland. Wenn man diese Zahlen auf alle Fluggäste umrechnet, sind das pro Ticket gerade mal 80 Cent.

Fairplane bietet auch an, einen Ticketrefund zu erstreiten, selbst wenn die Airline eine Stornierung ausgeschlossen hat?

Sernetz: Grundsätzlich gibt es kein nicht stornierbares Ticket. Das ist eine Erfindung der Fluggesellschaften. Wie hoch die Erstattung ist, hängt vom Zeitpunkt der Stornierung ab. Wer einen Flug versäumt, hat natürlich keine Rechte.

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