WIRTSCHAFT
24/02/2017 18:29 CET | Aktualisiert 02/03/2017 12:33 CET

Revolution in unseren Städten: In Hamburg zeigt sich, dass die Zeit des Autos vorbei ist

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In deutschen Städten geschieht gerade eine Revolution.

Experten, Stadtplaner und viele Bürger haben sie seit Jahren herbeigesehnt - aber jetzt tritt sie tatsächlich ein. Der Autoverkehr in den deutschen Metropolen geht langsam aber sicher zurück. Das Auto kommt buchstäblich unter die Räder.

Es ist eine radikale Wende. Sie löst die Vorstellung von der Stadt als autofreundliche Zone ab, die seit den 50er-Jahren gilt. Die Bürger profitieren. Denn die Luft in den Städten wird sauberer, der Lärm nimmt ab und autofreie Flächen nehmen zu. Die Städte werden lebenswerter.

Hamburg wächst - trotzdem fahren weniger Autos in der Stadt

Am deutlichsten zeigt sich diese Entwicklung derzeit wohl in Hamburg. Trotz der Tatsache, dass in den vergangenen sechs Jahren die Einwohnerzahl der Stadt um 70.000 Menschen gewachsen ist, nimmt der Autoverkehr in der Stadt ab. Und das auch, obwohl mit den Neubürgern auch die Zahl der Pendler gewachsen ist.

Über die Entwicklung in der Hansestadt hat gerade die Wochenzeitung “Die Zeit” das erste Mal berichtet. Dabei bezieht sich die Zeitung auf aktuelle Zahlen des Senats der Stadt.

In Hamburg, so schreibt der Journalist Frank Drieschner, kamen in den vergangenen Jahren trotz des Einwohnerwachstums “so viele Nutzer von Bussen, S- und U-Bahnen und so viele Radfahrer hinzu, dass die Straßen sogar entlastet werden”.

Kein Bock mehr auf Auto

Die Gründe für diese überraschende Entwicklung sind vielfältig:

Erstens hat die Stadt in den vergangenen Jahren viel Geld in Radwege und den öffentlichen Nahverkehr investiert. Das Auto wird dadurch als Fortbewegungsmittel unattraktiver.

Zweitens wandelt sich in Deutschland wie in vielen anderen Industrienationen die Einstellung zum Auto radikal: Vor allem junge Menschen wollen keine Autos mehr besitzen. Sie nutzen Carsharing oder eben Bus, Rad oder Bahn.

Ein Beweis für diese Entwicklung: 1,7 Millionen Deutsche nutzten 2016 Carsharing-Angebote - ein Anstieg um 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Zahlen über Autobesitzer sind trügerisch

In Hamburg haben all diese Faktoren dazu geführt, dass Bewohner der Innenstadt oder zentrumsnaher Bezirke seltener ein Auto haben als früher. Zwar steigt die Zahl der zugelassenen Wagen in den wohlhabenden Vororten - aber bei den Autos handelt es sich meist um Zweit- oder Drittwagen, die selten gefahren werden, berichtet “Die Zeit”.

Hamburg ist mit dieser Entwicklung beispielhaft für andere deutsche Großstädte.

Zwar fehlen meist aktuelle Zahlen wie in Hamburg. Doch auch in Berlin, München und Köln ist der Autoverkehr in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen.

Die Entwicklung ist ganz im Sinne der Stadtplaner und Regierenden.

“Die Autostadt ist tot”, konstatierte der Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, in der Tageszeitung “Die Welt”. Die Konsequenz daraus lautet für Landsberg: “Die Fahrradstadt ist die Zukunft. Ich finde, man muss den Fahrradverkehr zu Lasten des individuellen Autoverkehrs privilegieren.”

Und selbst dort, wo der Autoverkehr noch zunimmt, ist der Wandel zu beobachten.

Anzahl der Radfahrer steigt

In Frankfurt zum Beispiel nimmt der Autoverkehr zwar weiter zu, auch weil viele Menschen in die Stadt pendeln. Aber die Zahl der Menschen, die Bus, Bahn und Rad nutzen, wächst noch stärker als der Autoverkehr.

Ein weiterer Trend, der in allen deutschen Großstädten zu beobachten ist: Der Anteil der Radfahrer nimmt stark zu.

In München stieg die Zahl der Radfahrer zwischen 2002 und 2011 um 70 Prozent. Der Trend hat auch danach angehalten, wie die “Abendzeitung” berichtet.

Laut einer Umfrage des Verkehrsclubs ADAC würde jeder dritte Autofahrer öffentliche Verkehrsmittel nutzen, wenn sie billiger, schneller und bequemer wären.

NRW plant Radhighways

Um diese Autofahrer von den Alternativen zu überzeugen, nehmen die Städte viel Geld in die Hand. Sie planen Ausgaben in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro, um neue und sicherere Radwege zu bauen und das Bus- und Bahnnetz noch kundenfreundlicher zu machen.

Und auch die Pendler sollen mehr und mehr auf das Zweirad umsteigen - so arbeitet Nordrhein-Westfalen derzeit an sieben mindestens vier Meter breiten Radschnellwegen über hunderte Kilometer, die die Ballungszentren des Landes verbinden werden.

Aber Städte sollen nicht nur attraktiver für Fahrradfahrer und Nutzer von Bus und Bahn werden - die Regierenden wollen Autofahrern den Spaß an ihren vier Rädern auch vermiesen.

Stuttgart will Dieselautos aus der Stadt verbannen

Denn Teile der deutschen Innenstädte werden für den Autoverkehr zunehmend gesperrt oder verkehrsberuhigt - so plant der neue Senat in Berlin, die Prachtstraße Unter den Linden für den Autoverkehr zu schließen.

In Köln wollen die Stadtoberen den Anteil des Autoverkehrs am Gesamtverkehr in den kommenden Jahren von 40 auf 30 Prozent reduzieren.

Das aktuell in vielen Städten diskutierte Verbot für umweltschädliche Dieselautos tut sein Übriges. Stuttgart will ab 2018 an Tagen mit extrem hoher Schadstoffbelastung zentrale Straßen in der Stadt für die Umweltferkel sperren.

Vorbilder in anderen Ländern

Sicher: Manche Großstadt in Europa ist weiter als die deutschen Städte.

In Kopenhagen nutzen inzwischen mehr Menschen das Rad als das Auto. Paris will große Teile der Innenstadt für Autos mit Verbrennungsmotoren sperren und Helsinki will bis 2025 die Stadt so umbauen, dass ein Auto für die Fortbewegung nicht mehr nötig ist.

Diese Beispiele zeigen, wie viel in deutschen Städten noch zu tun ist, um das Auto unattraktiv zu machen. Hunderttausende passionierte Radfahrer und Nutzer des öffentlichen Nahverkehr können davon ein Lied singen.

Sicher ist aber auch: Die Revolution hat begonnen - der langsame Abschied vom Auto in den Städten ist nicht mehr aufzuhalten.

Lerne mehr über Nachhaltigkeit auf Electrify the World - a Nissan Mobility Initiative.

Mehr zum Thema: Schmeißt die Autos aus der City: Es wird Zeit für den radikalsten Umbau unserer Städte seit 1945

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