Erhöhte Radioaktivität über Europa: Das müsst ihr jetzt wissen

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  • Strahlenschützer sind auf eine rätselhafte radioaktive Wolke über Europa gestoßen
  • Die Quelle ist unklar
  • Grund zur Besorgnis gibt es aber nicht - die Strahlung ist sehr schwach
  • Die wichtigsten Infos des Textes seht ihr auch im Video oben

Forscher haben in weiten Teilen Europas im Januar erhöhte Radioaktivität in der Luft gemessen. Das müsst ihr dazu wissen:

Was genau haben die Forscher festgestellt?

Im Januar sind an Messstationen in vielen europäischen Ländern erhöhte Werte von Jod-131 aufgefallen. Das französische Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire (IRSN) berichtete, die Werte seien in der zweiten Januarwoche in Norwegen aufgefallen, bis Ende Januar dann auch in Finnland, Polen, Tschechien, Deutschland, Frankreich und Spanien.

Eine Karte zeigt, welche Werte wo und wann gemessen wurden:

Jod-131-Werte (Wert +/- mögl. Abweichung) in der Atmosphäre (µBq/m3):
iod

Wie bedenklich sind diese Werte?

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) schrieb am Dienstag auf seiner Webseite, die Messwerte im Bereich von höchstens einigen Millionstel Becquerel pro Kubikmeter seien sehr niedrig und könnten "nur von hochempfindlichen Detektoren überhaupt registriert werden". Sie seien "keinerlei Anlass zur Besorgnis".

Zum Vergleich: Zur Zeit des Reaktorunfalls in Fukushima wurde an der deutschen Station Schauinsland ein Wert von einem Tausendstel Becquerel gemessen - schon diese hatten kaum über der Nachweisgrenze gelegen:

jod 131

Die Einheit Becquerel gibt an, wie aktiv ein radioaktiver Stoff ist, konkret, wie viele Kernzerfälle pro Sekunde stattfinden.

Was ist Jod-131?

Jod-131 ist ein künstliches Radionuklid. Es wird in der Industrie und in der Medizin eingesetzt und entsteht unter anderem beim Betrieb von Atomkraftwerken.

Seine Halbwertszeit beträgt nur gut acht Tage – es zerfällt also relativ schnell. Zum Vergleich: Beim Reaktorunfall von Tschernobyl wurde unter anderem Strontium-90 frei, dessen Halbwertszeit bei fast 29 Jahren liegt.

Jod-131 wird mit Krebs-Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Woher kommt das Jod-131?

Das ist unklar. Das BfS notiert: "Wo die Quelle liegt bzw. ob es sich um eine oder mehrere Quellen handelt, lässt sich derzeit kaum rekonstruieren."

Der tschechische Strahlenschutz bezeichnete Spekulationen über eine Unfall in einem Kernkraftwerk als "Unsinn".

Die CTBTO, die Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen mit Sitz in Wien, schrieb dazu am Montag: Wenn Jod-131 im Zuge eines Atomtest freigesetzt worden wäre, hätten eigentlich auch andere radioaktive Stoffe austreten müssen – doch da sei nichts Auffälliges gemessen worden.

Möglich ist, dass ein Hersteller radioaktiver Medikamente den Stoff freigesetzt hat - wie es vor einigen Jahren schon einmal der Fall gewesen war.

In britischen Boulevardmedien kursieren Spekulationen, der Vorfall könne einen militärischen Hintergrund haben. Der Blog "The Aviationist" berichtete ohne Quellenangabe, die USA hätten ein Messflugzeug zur Aufklärung nach England geschickt.

Angeblich gibt es Sorge, Russland könne einen Atomtest durchgeführt haben. Dafür aber gibt es keine Belege - weder in Form von Messwerten noch von Behördenangaben. Die "Bild"-Zeitung mutmaßt, die Radioaktivität könne von einem gesunkenem russichen Atom-U-Boot stammen. Auch das ist weder durch Messungen noch durch Expertenaussagen belegt.

Gab es so etwas schon einmal?

Schon öfter, meist im Winter bei stabilem Hochdruckwetter. Im Jahr 2011 etwa traten europaweit ebenfalls leicht erhöhte Werte von Jod-131 auf. Damals schien die Quelle ein Produzent von radioaktiven Medizinprodukten in Budapest gewesen zu sein.

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(jg)

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