POLITIK
20/02/2017 16:20 CET | Aktualisiert 20/02/2017 17:27 CET

Wer Donald Trump als "geisteskrank" bezeichnet, begeht einen großen Fehler

Kevin Lamarque / Reuters
Wer Donald Trump als "geisteskrank" bezeichnet, begeht einen großen Fehler

Gewiss: Donald Trump ist einer der größten Spalter, die jemals das Amt des US-Präsidenten bekleidet haben.

Er ist eine Gefahr für die Demokratie. Er ist ein Rüpel. Ein Chauvinist. Ein Zyniker. Ein Egoist. Ein Großmaul. Das alles kann man ohne schlechtes Gewissen über diesen Mann behaupten.

Doch einige gehen derzeit weiter: Sie unterstellen Trump, dass er psychisch krank sei. Und vergessen dabei, was sie mit so einer Behauptung für einen Schaden anrichten.

Schützenhilfe gibt es dabei sogar aus der Wissenschaft. Eine ganze Reihe von seriösen Psychologen und Psychiatern hat sich in den vergangenen Wochen an Ferndiagnosen zu Donald Trumps Gesundheitszustand versucht.

Der Psychotherapeut John D. Gartner etwa, der früher an der angesehenen Johns-Hopkins-Universität forschte, sagte dem Magazin "US News": "Donald Trump hat eine gefährliche psychische Erkrankung und ist aufgrund seines Temperaments nicht geeignet, das Präsidentenamt zu führen." Gartner bescheinigte Trump einen "böswilligen Narzissmus".

Diagnose: "Narzisstische Persönlichkeitsstörung"

Bereits im Dezember hatten die Psychiatrie-Professorinnen Judith Herman, Nanette Gartrell und Dee Mosbacher den damals bereits gewählten, aber noch nicht vereidigten Präsidenten in einem offenen Brief dazu aufgerufen, sich einer psychologischen Untersuchung zu unterziehen. Sie bescheinigten Trump eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Mitte Februar erschien in der "New York Times" ein Leserbrief, der von 33 Psychologen unterzeichnet war. "Herrn Trumps Worte und Taten zeigen seine Unfähigkeit, andere Standpunkte als den seinen zu akzeptieren. Das führt zu Wutausbrüchen. Das Gesagte und sein Handeln zeigen zudem, dass er nicht in der Lage ist, Empathie zu empfinden. (...) Wir glauben, dass die emotionale Instabilität Herrn Trump unfähig macht, dieses Amt sicher zu führen."

Natürlich kann man Trumps Verhalten – umgangssprachlich – für "irre" oder "wahnsinnig" halten. Denn Trump zerstört systematisch das Vertrauen in die Medien, er greift Grundrechte an, trägt zur Radikalisierung seiner eigenen Anhänger bei. Der neue US-Präsident ist eine Gefahr für die Demokratie. Mit seinem Verhalten durchbricht er ganze Wertesysteme. Das kann man mit all der damit verbundenen Verantwortungslosigkeit "irre" nennen.

Undemokratisches Verhalten

Es ist aber etwas anderes, wenn man mit medizinischen und pseudomedizinischen Argumenten versucht, einen gewählten Politiker per Ferndiagnose "entmündigen" zu lassen.

Wer Donald Trump eine psychische Krankheit unterstellt, der spricht ihm jedes Recht ab, weiterhin gehört zu werden. Das ist aus zwei Gründen gefährlich: Einerseits, weil dieses Mann nun einmal Präsident der Vereinigten Staaten ist, und deshalb sehr viele Dinge tun kann, die man ernst nehmen muss. Die Diagnose droht dann zur Ausrede fürs Weghören zu werden.

Und zweitens, weil das Diagnose-Argument schlichtweg undemokratisch ist. Wenn einem das Handeln eines anderen nicht passt, muss man dagegen aktiv werden – mit allen nur denkbaren Protestformen. Es geht darum, andere zu überzeugen, damit bei der nächsten Wahl ein anderes Ergebnis rauskommt. Das ist Demokratie.

Aber haben sich jene Menschen, die jetzt eine Amtsenthebung Trumps wegen angeblicher psychischer Krankheiten fordern, mal Gedanken gemacht, was im Moment nach der Amtsenthebung passieren würde?

Auch Merkel wurde schon Opfer solcher Angriffe

Nicht nur, dass mit dem jetzigen Vizepräsidenten Mike Pence ein kaum weniger radikaler Mann ins Amt käme, der unter anderem die Evolutionstheorie leugnet. Es würden über 60 Millionen Wähler zurück bleiben, die Donald Trump mit ihrer Stimme ins Amt gewählt haben.

Hier ist die Empathie jener gefragt, die Trump gern die Empathiefähigkeit absprechen: Können wir uns in die Lage eines Trump-Wählers versetzen, der auf diese Weise um seine Stimme gebracht wird?

Ein Perspektivwechsel hilft dabei vielleicht.

Im Januar 2016 hatte der Jenaer Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz für Schlagzeilen gesorgt, als er Bundeskanzlerin Angela Merkel bescheinigte, psychisch krank zu sein.

Der Fall Goldwater

"Ich würde ihr Verhalten als vollkommen irrational bezeichnen, weil sie die realen Schwierigkeiten in Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise nicht zur Kenntnis nimmt", so Maaz damals. "Merkel ist der Prototyp eines Menschen der hochgelobt und hochgepusht wurde. Gleichzeitig gibt es bei ihr eine narzisstische Grundproblematik."

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Man darf davon ausgehen, dass Maaz gewusst hat, was er als ausgebildeter Psychoanalytiker mit solchen Aussagen anrichtet. Er verkauft absichtsvoll die Ergebnisse seiner eigenen politischen Wahrnehmung als Fakten. Und wer diese so genannten Fakten nicht teilt, muss fürchten, von Maaz mit psychischen Problemen diagnostiziert zu werden. Das ist nicht nur infam, sondern offenbart auch totalitäres Gedankengut.

Es gibt übrigens auch in Amerika einen geschichtlich belegten Fall, in dem sich Psychologen in die Politik eingemischt haben.

Ferndiagnosen sind unethisch

Als im Präsidentschaftswahlkampf 1964 der ultrakonservative Republikaner Barry Goldwater gegen John F. Kennedys früheren Vize Lyndon B. Johnson antrat, unterstellten meist linke Psychologen Goldwater in den Wochen vor der Wahl einen angeknacksten Geisteszustand.

Mehr als tausend Psychologen attestieren Goldwater in einer Umfrage Paranoia und Narzissmus.

Goldwater erlitt darauf eine der verheerendsten Wahlniederlagen in der US-Geschichte. Das Magazin, in dem die Umfrage erschienen war, wurde fünf Jahre später zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt. Und die American Psychiatric Association erließ die so genannte "Goldwater-Regel", wonach die Veröffentlichung von psychologischen Diagnosen ohne vorherige Untersuchung "unethisch" sei.

Und das hat einen guten Grund: Ferndiagnosen sind in der Psychologie nahezu unmöglich. Wer vom Fernsehsessel aus psychische Krankheiten attestiert, handelt in der Regel fahrlässig und jenseits von Berufsnormen.

Die Goldwater-Regel galt mehr als 50 Jahre lang. Doch offenbar hat Donald Trump es geschafft, bei den Psychologen – bildlich gesprochen - die Sicherungen durchschmoren zu lassen. Das sagt am Ende vielleicht sogar mehr über den Berufsstand aus als über den Präsidenten.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(ks)

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