POLITIK
18/02/2017 22:02 CET | Aktualisiert 19/02/2017 11:34 CET

Gewalt in der Partnerschaft: "Ich habe mich geschämt, dass ich mich so erniedrigen ließ"

Er kam nachts in die Wohnung gerumpelt, betrunken.

Er hat Ines S. an den Füßen aus dem Bett gezerrt. Und zugeschlagen. Wieder und wieder.

Er hat sie eine schlechte Frau genannt, weil es ihm nicht passte, wie die Wäsche zusammengelegt war. Weil ihm das Essen nicht recht war. Wieder und wieder.

Er hat Ines S. geschlagen, als sie das gemeinsame Baby auf dem Arm hatte. Einmal und nie wieder.

"Ich wusste, jetzt muss ich raus hier", sagt Ines S. Sie packte einen Koffer, eine Tasche, und zog ins Frauenhaus. Er blieb in der gemeinsamen Wohnung zurück. Er, das ist der Montagearbeiter, den die heute 33-jährige Münchnerin einmal so geliebt hat.

Wenn Ines S. erzählt, klingt alles so einfach

Wenn Ines S. die inzwischen vier Jahre zurückliegende Geschichte von Gewalt und Erniedrigung erzählt, klingt ihre Stimme so weich, so seidig, so ruhig, als würde sie ihrem Sohn eine Gutenachtgeschichte vorlesen. Sie klingt, als wäre es ganz leicht gewesen.

Tatsächlich war es ein Kampf. Gegen die Gewalt. Gegen die Scham. Gegen den finanziellen Ruin. Für die Liebe. Für ihr Kind.

Vielleicht hilft es ihr, dass sie den Namen ihres Ex-Partners nicht ausspricht, dass sie wann immer möglich nicht "ich" oder "er" sagt, sondern "man". So kann sie wenigstens verbal auf Distanz halten, was einst jede Grenze überschritten hat.

Mehr als jede fünfte Frau in Deutschland erlebt Gewalt

Mehr als jede fünfte Frau in Deutschland hat schon körperliche oder sexuelle Gewalt in der Beziehung erlebt. Es betrifft Frauen auf dem Land, in der Stadt, Frauen aller gesellschaftlichen Schichten.

Ines S. erzählt von blauen Flecken und einer Kopfplatzwunde. "Aber ich musste nie länger im Krankenhaus bleiben."

Etwa zehn Anzeigen hat sie gegen ihren Mann erstattet, sagt sie. Meist dann, wenn sie die Polizei alarmiert hatte, oder jemand anderes, der sie um Hilfe rufen hörte. Alle Verfahren seien eingestellt worden, "aufgrund mangelnden öffentlichen Interesses".

Kontaktverbote, immer wieder

Anfangs, sagt Ines S. war sie noch sauer, wenn wieder ein Brief kam, in dem im schönsten Juristendeutsch nichts anderes stand, als dass man in Deutschland schon mehr zuschlagen muss, wenn was geschehen soll. "Da ist es mit ein paar blauen Flecken und der psychischen Belastung nicht getan." Irgendwann, sagt sie, hat sie dann nur noch gelacht. Es gibt eben viele Arten, zu lachen.

Das einzige, was griff, waren Kontaktverbote. Zeitweise setzte die Polizei durch, dass ihr aggressiver Partner die Wohnung verlassen musste. So auch an Weihnachten 2011. "Dann rief die Polizei an und fragte, ob ich ihn wieder reinlassen kann. Es wäre kalt und er wüsste nicht, wohin er muss."

Die Scham darüber, Opfer geworden zu sein

Ines S. hat viel versucht, um ihre Beziehung, ihren Mann vor dem Alkohol zu retten. Gespräche mit dem Arzt, Therapien. Zwei, drei Wochen lang sah dann auch mal alles gut aus. Dann ging es wieder von vorne los.

Die Angst war wieder da, wenn sie merkte, dass er das Geld für die Miete abgehoben hatte, um es zu versaufen. Sie lag im Bett und hoffte, dass er wenigstens in dieser Nacht nicht auftauchen möge.

Und sie schämte sich. Dafür, dass sie sich von einem anderen Menschen so erniedrigen lässt, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verloren hat.

Es ist ein Gefühl, das viele Frauen umtreibt, die zu Hause Gewalt erleben. Und so paradox es klingt: Familie und Freunde, so sagt Ines S., kennen sie als Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Das macht es nicht eben leichter, die anderen zu überzeugen, dass sie Hilfe braucht.

15.000 Frauen suchen Schutz in Frauenhäusern - pro Jahr

Jedes Jahr, so schätzen Experten, suchen mindestens 15.000 Frauen in einem der gut 360 Frauenhäuser in Deutschland Schutz. Es sind vor allem junge Frauen, Frauen, die gerade kein eigenes Einkommen haben, etwa, weil sie sich um die Kinder gekümmert haben. Oder Frauen, die so in Gefahr sind, dass sie anderswo den nötigen Schutz nicht finden können.

Ines S. ist sechs Monate dort geblieben. Sie hat in dieser Zeit den Telefonterror des Wütenden ausgestanden, abgeblockt, hat eine neue Wohnung gefunden.

Inzwischen hat sie seit drei Jahren nichts mehr von ihrem Ex-Partner gehört. Sie vermutet, dass er zu seinen Eltern nach Portugal zurückgegangen ist.

Spagat und finanzieller Kampf

Unterhalt bezahlt er keinen. Ines S. muss alleine klarkommen, sich zerreißen zwischen Teilzeit-Arbeit und Kümmern.

Sie verdient gut, sagt sie, trotzdem reicht es nur für eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung. Ines S. hat kein eigenes Zimmer, kein eigenes Bett, sie schläft auf der Couch im Wohnzimmer.

Es steht drei zu eins - für Ines S.

Den Kampf gegen die Gewalt, gegen die Scham und um ihr Kind, den hat die Münchnerin also gewonnen. Ihre Beziehung hat sie nicht retten können. Und den finanziellen Kampf, den kämpft sie weiter. Jeden Tag wieder.

Aber wenn man mal so nüchtern rechnet, wie Ines S. es jeden Tag tut, die starke Frau mit der sanften Stimme, dann sieht es trotz allem gut aus. Dann steht es 3:1 für sie. Mindestens.

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