Diese Theorie eines Psychologen stellt auf den Kopf, was bisher über Depressionen bekannt war

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DEPRESSIONEN
Bisher wurden Depressionen in der Medizin und Psychotherapie als ein rein psychologisches Leiden angesehen. | iStock
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Es ist nicht mehr wegzudiskutieren: Depressionen werden zunehmend zum gesellschaftlichen Problem.

Der US-Wissenschaftler und Psychologe Matthew Hutson hat nun eine Studie veröffentlicht, die die bisherigen Erkenntnisse zu Depressionen völlig auf den Kopf stellen könnte: Laut seiner Theorie sind Depressionen ein adaptives Frühwarnsystem unseres Körpers.

In anderen Worten: Depressionen zwingen uns dazu, für einen Moment inne zu halten um uns aktiv mit einem bestimmten Problem auseinanderzusetzen.

Hutson stützt sich in seiner Studie hauptsächlich auf die Thesen der Wissenschaftler und Psychologen Paul Andrews und Anderson Thomson. In ihrer 2009 veröffentlichten Studie "Hypothese des analytischen Nachdenkens“, schreiben sie, dass bei manchen Menschen "komplexe Probleme“ eine psychische Reaktion des Gehirns hervorrufen.

Das versetze sie in eine Art "Analyse-Modus“.

Über den inneren Schmerz nachdenken

"Es gibt eine eindeutige Steigerung des analytischen, selbstreflektorischen Aktivitäten im Gehirn, wenn es mit einem schwerwiegendem Problem konfrontiert wird“, so Hutson.

Ruhephasen und REM-Schlaf sind für unseren Körper extrem wichtig. Beide Phasen benötigt unser Gehirn zur Verarbeitung alltäglicher Einflüsse und Gedanken. Ein Hauptsymptom von Depressionen ist die sogenannte Anhedonie - also der Verlust der Lebensfreude.

Schwere Probleme oder Selbstzweifel stören REM-Schlaf und Ruhephasen. Als Resultat "zwingt“ das Gehirn den Körper dazu, sich aktiver mit den negativen Faktoren auseinanderzusetzen, lautet Hutsons Theorie.

Der Wissenschaftler bezieht sich mit seiner Hypothese auf eine Analyse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2016. Laut ihr Zweidrittel aller Depressionen von prägenden Lebensereignissen wie Tod oder dem Ende einer langjährigen Beziehung ausgelöst.

Depressionen keine Krankheit, sondern eine Anpassung des Körpers?

Hutson beruft sich auch hier zusätzlich auf das Skript von J. Anderson Thomson und Paul Andrews. Sie schreiben, dass Angst und Sorge meistens in Kombination auftreten.

"Dies sorgt dafür, dass wir nicht nur beginnen, das Problem zu analysieren, sondern auch wachsamer werden - denn wir wollen eine derartige Situation nicht nochmal erleben“, schreibt Hutson in einem Essay auf der Wissenschaftsplattform "Nautilus“.

Der Wissenschaftler vermutet, dass Depressionen weniger eine Krankheit, sondern vielmehr eine Form der biologischen Anpassung des Gehirns auf äußere Einflüsse sind.

In der international anerkannten, von der WHO konzipierten Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10) werden als Hauptsymptome gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebslosigkeit genannt.

Als Zusatzsymptome gelten Konzentrationsprobleme, Selbstwertmangel, Schuldgefühle, pessimistische Zukunftsperspektiven, Suizidideen, Schlafstörungen und verminderter Appetit. Die Intensität und Dauer, mit denen diese Symptome auftreten, bestimmen letztlich, ob jemand krank ist oder nicht.

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Sollte Hutson mit seiner Theorie recht behalten, dann könnte das die bisherigen Therapieansätze vollkommen revolutionieren.

Bisher wurden Depressionen hauptsächlich symptomatisch behandelt. Doch auch wenn sich traditionelle Antidepressiva als durchaus effektiv in der Behandlung der Krankheit gezeigt haben, eignen sie sich nicht für eine lebenslange Therapie.

Hutson vergleicht es mit der Behandlung eines gebrochenen Beins. "Ein gebrochenes Bein nur mit Schmerzmitteln zu therapieren, ergibt keinen Sinn. Man muss sich dem Bruch selbst widmen, nicht nur dem Schmerz als alleinigem Symptom.“

Die neuen Erkenntnisse könnten revolutionäre Auswirkungen haben

Mit den neuen Erkenntnissen könnten neuen Methodiken für Langzeit-Therapien entwickelt werden, die eine rein symptomatische Behandlung ad acta legen.

Das Absprechen der Depression als mentale Krankheit könnte dadurch auch positiven Einfluss auf den gesamtheitlichen Gemütszustand von Personen mit Depressionen haben.

Wenn Depressionen nicht mehr als Krankheit sondern als reaktiver Prozess des Körpers wahrgenommen werden, dann hätte das auch einen immensen Einfluss auf die persönliche Wahrnehmung des gesellschaftlichen Problems. Depressive Menschen wären ab diesem Zeitpunkt nicht mehr "psychisch krank“.

Es gibt auch kritische Stimmen

Kritiker widerlegen die Hypothese mit dem Argument, dass sowohl genetische Faktoren als auch weniger prägende Lebensereignisse bei der Entwicklung von Depressionen eine ausschlaggebende Rolle spielen.

Insbesondere auch, weil es unterschiedliche Ausprägungen der Depression als Krankheit gibt. Nicht jede Depression verläuft gleich, doch es gibt eine Reihe von Symptomen, die für diese Erkrankung charakteristisch sind.

Genau auf diese charakteristischen Symptome stützen sich allerdings die neuen Erkenntnisse.

Depressionen: Eine Volkskrankheit

In Deutschland leiden etwa fünf Prozent der Menschen im Alter von 18 bis 65 Jahren unter Depressionen. Weltweit haben laut WHO über 350 Millionen Menschen mit der Krankheit zu kämpfen. Die Dunkelziffer liegt jedoch viel höher, da viele im Stillen mit ihren inneren Dämonen ringen und nicht offen über Depressionen sprechen.

Die gewagte Hypothese von Matthew Hutson hat die Diskussion über Behandlung von Depressionen neu angekurbelt.

Doch auch wenn Depressionen tatsächlich eine Art evolutionäre Adaption des Gehirns darstellen sollten, wäre es notwendig, den Betroffenen therapeutisch zu helfen.

Denn die Grundsymptome werden bestehen bleiben, gleichgültig ob Depressionen als "adaptiver Prozess" oder als "Krankheit" tituliert werden.

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(lk)