Die Maschinen übernehmen die Macht? Wie lächerlich Deutschlands Angst vor künstlicher Intelligenz ist

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Die Maschinen übernehmen die Macht? Wie lächerlich Deutschlands Angst vor künstlicher Intelligenz ist | Reuters
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Im Ausland ist man sich einig: Die Deutschen sind ein Volk der Ingenieure. Leute, die Probleme lösen, statt daran zu verzweifeln. Die Dinge möglich machen, statt mit den realen Vorgaben zu hadern. Ob im Nahen Osten oder in Amerika. Auf dem Balkan, in China oder am Hindukusch: Man traut den Deutschen einiges zu, wenn es um Planung und Technik geht.

Was für ein Missverständnis.

Denn wenn man eine Zeit lang den Debatten über Innovation und technologischen Fortschritt in Deutschland folgt, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild: Denken Deutsche an das Neue, bekommen sie Angst. Das gilt besonders, wenn es um die digitale Revolution geht.

Wir sind das Land, das vor fast zehn Jahren auf "Google Maps“ ganze Straßenzüge verpixeln ließ – weil wir bei 3-D-Straßenkarten gleich an Stasi und Orwell dachten, statt an den nächsten gut geplanten Städtetrip.

Unsere Gerichte haben den Betreibern der Taxi-App Uber verboten, sich in Berlin zu betätigen – weil die ortsansässigen Personenbeförderungsfachkräfte Angst um ihr Geschäftsmodell hatten.

Unsere Angst vor der künstlichen Intelligenz

Und bei Facebook geben sich immer noch Millionen von Deutschen Pseudonyme, weil sie Angst davor haben, von anderen "durchleuchtet“ zu werden. Was besonders dann ziemlich einfältig ist, wenn sich der oder die Betreffende mit einer E-Mail-Adresse anmeldet, aus deren Zeile der Klarname hervorgeht.

Wir Deutschen tendieren dazu, beim Abgleich von Chancen und Risiken schnell die Balance zu verlieren. Das zeigt sich auch bei der Debatte um die Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI), der viele Deutsche schon in einigen Jahren zutrauen, die Weltherrschaft zu übernehmen.

Das Thema ist deshalb so aktuell, weil KI die treibende Kraft hinter der gerade stattfindenden vierten industriellen Revolution ist. Es geht dabei nach der Technisierung (Mitte des 19. Jahrhunderts), der Automatisierung (frühes 20. Jahrhundert) und der Digitalisierung (ab etwa 1975) um die "Vernetzung“ von Maschine und Computer.

Damit Computer selbstständig Autos fahren, Heizungen steuern und Texte schreiben können, müssen sie lernen, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Aus deshalb wird derzeit in diesem Bereich viel geforscht.

Erstaunliche Fortschritte

Die Fortschritte sind beachtlich. Die künstliche Intelligenz von IBM mit dem Namen Watson gewinnt mittlerweile nicht mehr nur bei "Jeopardy“, sondern bezwingt den Weltmeister in einem bis dahin für Computer als "unlernbar“ geltenden asiatischen Strategiespiel.

Es scheint, als ob Computer nun auch Dinge könnten, die scheinbar nicht mehr nur auf Rechenleistung beruhen.

Watson gibt mittlerweile Rechtsberatung – und ist darin so gut, dass erste Experten jungen Menschen davon abraten, Jura zu studieren. Auch in der medizinischen Diagnose hat sich Watson bereits bewährt.

Im Journalismus sind Bots schon seit längerer Zeit ein Thema. Etwa, wenn es um die Manipulation von sozialen Netzwerken durch Firmen oder staatliche Akteure geht. Aber auch in Bezug auf die Ausgestaltung von journalistischen Inhalten. Seit mehreren Jahren schon schreiben Computerprogramme Texte – besonders oft dort, wo es um Zahlen und Standardphrasen geht. Zum Beispiel in der Börsenberichterstattung oder bei den unteren Fußballligen.

Der Fernsehsender Arte zitierte im Frühjahr 2016 einen Start-up-Gründer, der forsch zu Protokoll gab: "Schon 2025 werden Roboter 90 Prozent aller Informationen für das breite Publikum erstellen.“

Das demografische Unglück, das ausblieb

Das war, bevor Donald Trump die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hat. Seitdem hat allein die "New York Times" mehrere Hunderttausend Digitalabonnenten gewonnen. Manch einer glaubt nun wieder an ein Comeback des Journalismus nach gut anderthalb Jahrzehnten der Krise. Mit seelenlosen Roboter-Autoren jedenfalls will nun kaum jemand mehr alleingelassen werden, wenn Freiheit und Demokratie in Gefahr geraten.

Das Beispiel zeigt gut, woran es bei den öffentlichen Debatten in Deutschland oftmals mangelt: dem, was in der Forschung Zukunftsdenken genannt wird. Die Fähigkeit, auch mögliche Kurven, Biegungen und Stromschnellen im Lauf der Geschichte mit hinzu zu denken, wenn es um die Projektion von Zukunftsbildern geht.

Vor zehn Jahren waren sich viele Experten in Deutschland sicher, dass die Bundesrepublik vor einem epochalen „demografischen Problem“ steht. Zukünftige Entwicklungen ließen sich schließlich anhand der Geburten- und Sterberaten vorausberechnen. Das alles sei wie Mathematik.

Dann stieg die Zahl der Einwanderer aus Südeuropa merklich an. Seit 2011 erlebt die Republik einen "kleinen Babyboom“. Und schließlich suchten mehr als eine Millionen Flüchtlinge Schutz in Deutschland. Derzeit leben in Deutschland 82,18 Millionen Menschen, so viele wie seit 2007 nicht mehr – und nur 360.000 weniger als zu Zeiten des historischen Höchststandes im Jahr 2002.

Ein liebender Terminator

Auch im Bereich der KI sind steile Thesen auf dem Markt. Bestsellerautor Ray Kurzweil, leitender Entwicklungsingenieur bei Google, schrieb etwa 2013 in seinem Buch "Menschheit 2.0“: "Ende der 2020er-Jahre werden wir das menschliche Hirn komplett erforscht haben, was uns ermöglichen wird, nichtbiologische Systeme zu erschaffen, die den Menschen in Komplexität und Raffinesse in nichts Nachstehen – das schließt auch emotionale Intelligenz mit ein.“

Mit anderen Worten: Kurzweil glaubt an die Erschaffung eines Terminators, der auch lieben kann. Und das soll schon in zehn Jahren so weit sein. Sagenhaft. Da kann man dem Google-Manager nur wünschen, dass bis dahin nichts Unvorhergesehenes auf dieser Welt passiert.

Kurzweil stützt sich bei seinen Prognosen übrigens auf das Moorsche Gesetz, wonach sich die Rechenleistung von Computerchips alle anderthalb bis zwei Jahre verdoppelt. Dadurch werde es bis 2100 möglich, das Sonnensystem mit "sich selbst replizierender, nichtbiologischer Intelligenz“ zu besiedeln.

Lasst uns über Ethik reden

Ob das Moorsche Gesetz sich aber bis 2100 in die Zukunft prognostizieren lässt, ist mehr als zweifelhaft. Was ist, wenn es einen großen Krieg gibt? Eine tiefe Rezession? Oder eine Naturkatastrophe?

Statt dass wir uns an Untergangsphantasien ergötzen, sollten wir versuchen, die Gegenwart zu gestalten. In einer Demokratie ist das Kommende nie ein unaufhaltbares Unheil. Demokraten mögen die Zukunft, weil sie Gestaltungsspielräume öffnet.

Dass Maschinen immer intelligenter werden, lässt sich kaum ändern. Wie können wir aber Maschinen dazu bringen, nach ähnlichen ethischen Standards zu denken wie Staatsbürger in einer Demokratie? Wie können wir Computern den Respekt vor Menschenrechten beibringen, vor der Natur oder vor Älteren und Schwächeren?

Das wird eine Aufgabe sein, die nicht nur Ingenieure betrifft. Nicht nur Programmierer und Futuristen. Aber es wäre eine echte Form von Fortschritt. Ein Fortschritt, vor dem man sich nicht fürchten muss.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(sk)