Tausende Deutsche rüsten auf: Sie riskieren eine Eskalation der Gewalt

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WAFFENSCHEIN
"Mit Schreckschusswaffe fühle ich mich entspannter", sagt Carolin Matthie | dpa
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  • Im vergangenen Jahr haben sich extrem viele Deutsche einen kleinen Waffenschein besorgt
  • Grund war für viele die Kölner Silvesternacht - so auch für Carolin Matthie
  • Die Studentin fühlt sich jetzt sicherer
  • Doch genau diese Denkweise hält die Polizei für sehr bedenklich

"Der Kauf war kein ungewöhnlicher Schritt", sagt Carolin Matthie. Die Berliner Studentin redet nicht etwa von der Anschaffung eines neuen Smartphones oder eines Autos.

Die 24-Jährige hat sich vor einem Jahr eine Schreckschusspistole zugelegt. "Der Auslöser waren die Übergriffe in Köln zur Jahreswende 2016", erklärt Matthie.

Kein Einzelfall. Seit der Silvesternacht in Köln haben Deutschlands Bürger kräftig aufgerüstet. Die Lizenzen für den sogenannten kleinen Waffenschein, der zum Führen einer Schreckschusspistole oder einer Reizstoffwaffe berechtigt, schnellten in die Höhe. Von 2015 auf 2016 stieg die Zahl der Bescheinigungen um 62 Prozent.

Insgesamt sind nach Daten des Bundesinnenministeriums mittlerweile fast eine halbe Million solcher Lizenzen im Nationalen Waffenregister gelistet, wie die "Rheinische Post" herausfand. Allein im Januar 2017 haben die Behörden bundesweit 15.504 sogenannte kleine Waffenscheine zusätzlich registriert - das sind etwa 500 pro Tag.

"Besorgniserregende Entwicklung"

"Ich halte das für eine besorgniserregende Entwicklung. Ich mache mir große Sorgen, dass die Lage eskaliert", warnt Jörg Radek im Gespräch mit der Huffington Post. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Er gibt zu bedenken: "Mehr Waffen sorgen nicht auch zugleich für mehr Sicherheit."

Diese Sichtweise spielt für Studentin Matthie keine Rolle. Für sie habe sich nach dem Waffenkauf das Sicherheitsgefühl erhöht. Wenn sie abends länger weg geht und sich danach alleine auf den Heimweg macht, hat sie ihre Waffe immer dabei. "Normalerweise am Gürtel, so dass ich im Notfall auch schnell dran komme."

Die Informatik- und Physik-Studentin erklärt: "Mir speziell geht es auch darum, in einer Angriffssituation Zeit zu gewinnen, um weglaufen zu können. Für mich ist es entspannter, wenn ich etwas zur Verteidigung habe."


Diese Einschätzung hält Radek für falsch. "Mit einer Waffe besteht die Gefahr, dass die Situation gänzlich eskaliert." Im Vergleich zu normalen Bürgern seien Beamte durch jahrelange und fortwährende Trainings in der Handhabung und den Umgang mit Waffen vertraut, argumentiert der Polizeihauptkommissar. "Nur ein Profi kann die Lage ausreichend beurteilen", gibt er zu bedenken.

Bleibt die gefühlte Unsicherheit, die viele zum Antrag eines kleinen Waffenscheins bewegt. "Auch ich hatte durchaus Situationen, die unschön waren", sagt Matthie. "Aber mir ist zum Glück nie etwas passiert."

"Gefühlte Sicherheit ist eine sehr subjektive Bewertung"

So dürfte es den meisten Menschen in Deutschland gehen. "Gefühlte Sicherheit ist eine sehr subjektive Bewertung, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist", sagt Radek. Er führt die Broken-Window-Theorie als mögliches Erklärungsmuster für den aktuellen Trend an. Demnach fühlen sich Menschen in einer Umgebung sicher, die sauber und ordentlich ist.

Je weniger gepflegt jedoch ein Bahnhof oder eine Fußgängerzone ist, desto unsicherer fühlen sich die Menschen. "Dort muss aufgeräumt und wir müssen von der Politik so ausgestattet werden, dass wir in diesen Räumen präsent sind", fordert der Polizeigewerkschafter. "Die Menschen wollen Polizisten im normalen Streifendienst sehen."

Und auch die Medien selbst seien ein Grund für das steigende Unsicherheitsgefühl, sagt Radek. So würden sich selbst Bürger mitten auf dem Land bedroht fühlen, wo gar keine Gefahr herrsche und die eigentliche Bedrohung sehr weit weg sei.

Das bestätigt auch Matthie. "Das Gefühl der Unsicherheit ist präsenter geworden." Sie mache sich nun eher Gedanken über einen möglichen Übergriff.

Rückläufige Fallzahlen bei Delikten von Zuwanderern

Anders als für Gefühle gibt es für Straftaten Statistiken. So schreibt das Bundeskriminalamt (BKA) in einem Bericht für den Zeitraum Januar bis September 2016: "Die quartalsweise Entwicklung der Fallzahlen von Straftaten begangen durch Zuwanderer war in fast allen Deliktsbereichen tendenziell rückläufig."

Wichtig bleibt auch festzuhalten: "Die überwiegende Mehrheit der Zuwanderer beging keine Straftaten", so das BKA. Und bei knapp einem Drittel der Straftaten sind Zuwanderer selbst Opfer oder Geschädigte.

Es bleibt also eine Vernunftsache, eher auf die Polizei als auf eine Waffe zu vertrauen. Es muss jeder für sich entscheiden, ob nicht etwa ein Selbstverteidigungskurs vorerst die bessere Alternative ist, um das eigene Sicherheitsgefühl spürbar zu erhöhen.

Zwar ist Waffenfan Matthie diesbezüglich skeptisch. Doch auch sie gesteht: "Generell sind die Kurse eine tolle Sache."

Mehr zum Thema: Darum brauche ich keinen Selbstverteidigungskurs, um mich vor Übergriffen zu schützen

(jg)