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Der Zettel in der Praxis einer Heilpraktikerin zeigt, wie absurd die Lügen der Impfgegner sind

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Für die Heilpraktikerin Zita Schwyter aus Uznach in der Schweiz scheint die Sache klar zu sein: Wer sich selbst oder seine Kinder einer Schutzimpfung unterzieht, handelt verantwortungslos und fahrlässig.

Die bekennende Impfgegnerin Schwyter schreibt auf ihrer Facebook-Seite von einer "systematischen Durchimpfung der Bevölkerung".

Nun hat sie im Behandlungszimmer ihrer Praxis laut der "Toggenburger Zeitung" einen Zettel aufgehängt, auf dem sie ihre Haltung gegen die Impfung in einem verstörenden Satz zusammenfasst (mehr dazu erfahrt ihr auch Video oben):

"Symptome der Impfkrankheit: Schlafstörung, Legasthenie, Stottern, Autismus, Hirntumor oder Masturbation.“ Das alles seien die möglichen Folgen, falls Eltern ihre Kinder impfen lassen.

Das Spiel mit dem Feuer: Das gefährliche Halbwissen der Impfgegner

Das Schlimme: Mit ihrer Meinung ist die 54-jährige Heilpraktikerin, die ihre Ausbildung in der SHI-Homöpathie-Schule in Zug in der Schweiz absolviert hat, nicht alleine.

Seit Jahren machen Impfgegner mit sogenannten "Informationsabenden“ rund um das Thema mobil. So auch Zita Schwyter, die monatlich einen solchen "Frageabend zum Impfhema" in ihrer Praxis abhält.

Mehr zum Thema: Mit diesem Schild bringt ein Berliner Kinderarzt den gefährlichen Irrtum aller Impfgegner auf den Punkt

Für umgerechnet knapp 15 Euro können sich Eltern und zukünftige Patienten über Themen wie die "systematische Durchimpfung der Menschen“ oder weltverschwörerischen Diskussionen über die "einseitige und profitorientierte Pharmaindustrie" informieren.

Den meisten Kinderärzten ist die Haltung dieser Impfgegner völlig unverständlich. Und die Zahlen geben ihnen Recht. Inzwischen ist der Rückgang von Impfungen ist zu einer hochgefährlichen Bedrohung avanciert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt bereits seit Jahren vor der steigenden Zahl von Menschen, die sich und ihre Kinder nicht mehr impfen lassen wollen. Und das, obwohl Impfen nebst der verbesserten Hygiene einer der wichtigsten Maßnahmen im Kampf gegen schwere Infektionskrankheiten für Kinder darstellt.

Die Mär vom bösen Impfstoff

Schwyter ist von ihren Ansichten überzeugt. "Heute würde ich meine Kinder vor Impfungen verschonen“, sagte sie in einem Interview mit der "Toggenburger Zeitung". "Nicht zuletzt, weil Kinder nach Impfungen plötzlich anfangen könnten zu masturbieren."

Denn auch das sei ein Hinweis auf die sogenannte Impfkrankheit. "In so einem Fall muss die Impfkrankheit in Betracht gezogen werden und damit die Impfdaten genau auf einen zeitlichen Zusammenhang hin geprüft werden. Natürlich gibt es dafür auch viele andere Gründe, aber die Impfkrankheit kann einer davon sein“, erklärt die Heilpraktikerin.

Horrorgeschichten wie diese, teilweise direkt aus dem Internet und den sozialen Netzwerken gezogen, sind oftmals die alleinige Argumentationsgrundlage der Impfgegner.

Die Folgen können für Kinder und Erwachsene allerdings verheerend sein. So sterben rund 120.000 Menschen jährlich an den Folgen von Masern. Eigentlich könnte diese Infektionskrankheit schon längst ausgerottet sein, dennoch flammt sie immer wieder auf, wie Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) belegen.

Die Folgen können lebensgefährlich sein

"Wenn man bedenkt, dass es sogar gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Menschen entschädigt werden müssen, wenn sie Impfschäden erleiden, warum sollte ich dann glauben, dass Impfungen völlig harmlos sind?“, sagte etwa Roberto Burioni, Professor an der Universität Vita-Salute San Raffaele in Mailand in einem Interview mit der Huffington Post.

Er klärt bereits seit Jahren über die lebensgefährlichen Folgen und teilweise perfiden Argumente von Impfgegnern und selbsternannten Spezialisten aus der Komplementärmedizin auf.

Der Arzt führt entweder wissenschaftliche Studien an oder untermauert seinen Rat durch überzeugende Anekdoten oder wahre Fälle, die überall auf der Welt passiert sind.

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Auch bei älteren Menschen macht eine Schutzimpfung zur Prävention durchaus Sinn, wie Experten sagen. Credit: Getty Images

Als mahnendes Beispiel teilte Burioni beispielsweise ein Foto von Brenden Hall, einem australischen Schwimmer, der im Alter von sechs Jahren aufgrund von Komplikationen bei Windpocken fast seinen kompletten Hörsinn und sein rechtes Bein verloren hatte.

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Auf seiner Facebook-Seite, die inzwischen fast 40.000 Fans hat, stellt er auch falsche Annahmen richtig.

Zum Beispiel darüber, wie man sich bestimmte Krankheiten zuzieht. Er erzählt, dass er in seiner Praxis von Eltern gefragt wurde: "Warum sollte ich mein Kind gegen Hepatitis B impfen lassen, wo doch jeder weiß, dass diese Krankheit durch Sex übertragen wird?"

Burionis Antwort: "Es wird durch Speichel, Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen und man kann es sich auch durch etwas so Banales wie eine einfache Schnittverletzung zuziehen."

Auch zu den Befürchtungen, dass Impfungen Allergien auslösen könnten, sagt er: "Allergische Reaktionen sind extrem selten, bei 2 bis 3 Millionen Impfungen gibt es etwa einen Fall." Deshalb sei es auch so wichtig, nach der Impfung noch eine halbe Stunde in der Praxis des Arztes zu bleiben.

"Allergische Reaktionen sind leicht zu behandeln", schreibt er weiter. Die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks ist viel größer, wenn man seinem Kind eine Erdnuss gibt."

Eine Debatte, die am Ende nur Verlierer hat

Der Fall um die Schweizer Heilpraktikerin Schwyter hat die schwelende Debatte um die Wichtigkeit von Schutz- und Kinderimpfungen zur Krankheitsprävention von Neuem entfacht.

Vor allem aber zeigt er auf, dass es KomplementärmedizinerInnen zusehends schwer fällt, ihre subjektiven Überzeugungen vor Patienten zurückzuhalten.

Dass jedoch auch Heilpraktikerinnen wie Schwyter einer medizinischen Sorgfalts- und Aufklärungspflicht unterliegen (siehe Artikel 4 der Berufsordnung für Heilpraktiker), wird hinter den zugezogenen Gardinen der Behandlungszimmer gerne mal vergessen.

Impfgegner und Impfbefürworter haben sich schon längst in den Gräben eines hartnäckigen Stellungskriegs verschanzt, in dem es am Ende keinen Gewinner, sondern nur Verlierer gibt.

Denn wie so oft sind die wahren Leidtragenden am Ende des Tages die Patienten selbst.

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(lk)